Bunt kickt gut Erste Liga

Vor 20 Jahren trafen sich die "Harras Bulls" zum ersten Spiel. Inzwischen ist aus dem Flüchtlingsprojekt ein internationaler Straßenfußball-Wettbewerb geworden, bei dem Respekt und Fairplay genauso wichtig sind wie Siege

Von Dirk Wagner

Als ich jung war, haben wir noch auf dem Harras Fußball gespielt", hatte eine ältere Dame über die Unterschriftenliste geschimpft, die Mitte der Neunzigerjahre Jugendlichen und Kindern aus dem dortigen Flüchtlingsheim das Fußballspielen auf einer nahen Grünanlage verbieten wollte. Dabei war es dem Stadtgeografen Rüdiger Heid, der damals ehrenamtlich die Flüchtlinge in der Unterkunft an der Bodenehrstraße betreute, so wichtig, dass die jungen Menschen über das Fußballspielen miteinander in Kommunikation treten und trotz Sprachbarrieren einen respektvollen Umgang miteinander lernen. 1995 gründete er gemeinsam mit Hans-Peter Niessner das Fußball-Team "Harras Bulls", und bald sehnten sich die jungen Straßenfußballer nach weiteren Fußball-"Gegnern". Diese fand Heid in einer anderen Flüchtlingsunterkunft, womit die erste Liga des Münchner Straßenfußballs gegründet war.

Bunt kickt gut heißt diese Liga, die schon im Namen den Vorteil einer interkulturellen Gesellschaft zum Ausdruck bringt. Die Initiative wuchs in den folgenden zwanzig Jahren zu einer internationalen Liga. Mannschaften aus ganz Deutschland, aus Serbien, Österreich, der Schweiz, Frankreich bis hin zu Mannschaften aus Togo spielen mit. "Unseren Erfolg spürten wir das erste Mal, als in München auch deutsche Jugendliche mitspielen wollten", erinnert sich Sokol Lamaj. Bei Bunt kickt gut koordiniert er die Stadtteilarbeit der jungen Fußballer. "Junge Spieler von Bunt kickt gut trainieren in ihren Stadtteilen andere Jugendliche. Das stärkt zum einen die Nachbarschaft, zum anderen aber auch das Verantwortungsbewusstsein der jungen Fußballer", sagt Lamaj. Die regelmäßigen Trainingszeiten und Spielzeiten forderten die jungen Spieler, ihre Zeit zu planen. Andere Verpflichtungen wie die Schule müssten schließlich mit dem Fußballtraining und den vielen Turnieren koordiniert werden, erklärt der Jurist, der auch Fußball-AGs in Grundschulen initiiert. "Im Gegensatz zum sonstigen Schulunterricht arbeiten wir dort nicht nach Lehrplan. Wir richten uns ganz nach den jungen Schülern, die über die AGs übrigens auch wieder zur Bunt-kickt-gut-Liga gelangen."

Ein Grund für den Erfolg von Bunt kickt gut sei die gelebte Partizipation. Ein Beispiel dafür ist der zwölfjährige Sebastian. Als Referee, wie bei Bunt kickt gut die Schiedsrichter heißen, pfeift er seit einem Jahr Spiele. "Pro Spiel verdiene ich 50 Cent Taschengeld", sagt Sebastian. "Aber viel mehr gefällt mir, dass man als Schiedsrichter Verantwortung übernimmt. Auch, wenn du mal ein Fehlurteil gegeben hast, und das passiert immer wieder mal, musst du dazu stehen." Zwei Mal die Woche trainiert Sebastian zudem als Spieler bei Bunt kickt gut. Darüber hinaus spielt er auch noch in einer "richtigen Fußballmannschaft", wie er es nennt. Doch der Straßenfußball gefalle ihm besser, weil man hier mehr Balltricks ausprobiere, während es im echten Fußball doch nur darum gehe, möglichst viele Tore zu schießen. Als Referee sitzt Sebastian auch im Liga-Rat, der Regeländerungen ebenso diskutiert wie die Aufhebung von Spielsperren von entsprechend gerügten Spielern.

Deren Anträge müssen dabei stets schriftlich eingereicht werden, erklärt Lamaj. So lernen die jungen Menschen zu argumentieren. "Letztlich ist Fußball nur eine Tür, durch die du gehst, um in einen Raum zu gelangen, wo ganz viele Möglichkeiten auf dich warten", sagt der Koordinator. Eine Möglichkeit ist zum Beispiel die redaktionelle Mitarbeit in der Zeitschrift von Bunt kickt gut, dem Buntkicker, der auch schon mal auf französisch erschien. Nachdem Jugendliche von Bunt kickt gut nach Togo gereist waren, wollten sie ihre dort gewonnenen Eindrücke auch für die Gastgeber in Togo verständlich niederschreiben. "Nachdem die Spieler bei Bunt kickt gut aus verschiedenen Herkunftsländern stammen, ist es für uns kein Problem, eine Zeitschrift auch mal in einer anderen Sprache herauszugeben", sagt Rüdiger Heid.

Weil viele Kicker aus anderen Ländern den Umlaut in seinem Vornamen nicht aussprechen können, wird Heid zumeist einfach Rudi genannt. Als solcher ist er nahezu omnipräsent. Nachmittags steht er an asphaltierten Bolzplätzen und ist zufrieden über die auffällig niedrige Zahl von Verletzungen. Die ist vielleicht auch darauf zurückzuführen, dass Fairplay bei Bunt kickt gut gesondert ausgezeichnet wird. Heid reist aber auch mit den Jugendlichen in ein Sommercamp in Frankreich, oder er fährt mit ihnen nach Berlin, wo der Bundespräsident Johannes Rau ihnen 2002 einen Integrationspreis überreicht hat.

Vieles, was der Verein, der auch vom SZ-Adventskalender unterstützt wird, aus Spenden nicht finanzieren kann, zahlt Heid übrigens aus der eigenen Tasche. "Ich investiere halt in eine bessere Gesellschaft. Der Erfolg meiner Investition misst sich dabei nicht an meinem Portemonnaie", lächelt er zufrieden. Mehr als 40 000 Jugendliche hätten in den letzten Jahren bei Bunt kickt gut mitgewirkt, resümiert er stolz: "Das heißt, dass beinahe in jeder Münchner Familie mit Migrationshintergrund mindestens ein Mensch bei Bunt kickt gut mitgespielt hat."

Rüdiger Heid ist der Leiter und Mitbegründer von Bunt kickt gut.

(Foto: Hess)

Der 32-jährige Kastriot Shabani spielt immer noch mit. Mit ihm startete Heid vor zwanzig Jahren den Straßenfußball. "Schon bei unseren ersten Begegnungen spürte ich: Wenn ich den für die Sache gewinnen kann, hab ich die anderen 150 Kinder auch auf meiner Seite", erzählt er. Umso mehr freut es ihn, dass Kastriot Shabani beim Jubiläumsturnier am kommenden Montag mit den Harras Bulls mitspielt. Und zwar nicht wie einst auf der Grünanlage, sondern so, wie es die eingangs zitierte Dame aus ihrer Jugend kannte: direkt auf dem Harras. Damit verwirklicht der studierte Stadtgeograf Heid eine seiner früheren Visionen: die Stadt als Ort der Begegnung zu gestalten. Raus aus der Anonymität der Großstadt, rein in ein Nachbarschaftsbewusstsein, das ein Miteinander schafft. "Bedauerlicherweise fehlt es aber noch immer in vielen Stadtteilen an Bolzplätzen", bemängelt Sokol Lamaj. Und Rüdiger Heid antwortet auf die Frage nach der Verantwortung für diesen Mangel mit seiner Lieblingsfrage: "Wem gehört der öffentliche Raum?"

Den 20. Geburtstag feiert Bunt kickt gut am Montag, 12. Oktober, von 15 Uhr an auf dem Harras.