Süddeutsche Zeitung

Universität der Bundeswehr:"Mädel, du bist kein Opfer!"

Lesezeit: 6 min

Eva-Maria Kern ist seit Januar Präsidentin der Bundeswehr-Universität. Ein Gespräch über die aktuelle Attraktivität der deutschen Streitkräfte, gesundes Wachstum und wie sie in einer Männerdomäne zurecht kommt.

Interview von Sabine Buchwald

Nach 17 Jahren unter Merith Niehuss steht mit Eva-Maria Kern erneut eine Frau an der Spitze der Universität der Bundeswehr München (UniBwM). Im Vergleich mit anderen deutschen Hochschulen, deren Spitzen überwiegend Männer besetzen, ist das eine Besonderheit. Kern, 51, ist Österreicherin und in Salzburg aufgewachsen. Sie hat Kunststofftechnik studiert. Beim Gespräch in ihrem Büro bietet die Uni-Präsidentin Kekse an und sorgt selbst für Wasser im Glas ihrer Gesprächspartnerin. Weil sie eine Frau ist? Sie meint, das könnte typisch österreichisch sein. Jedenfalls ist es eine Selbstverständlichkeit für die Professorin, sich um Gäste zu kümmern.

Frau Kern, Sie betonen gern, dass Ihnen Genderfragen nicht wichtig sind. Sie waren vier Jahre Vizepräsidentin, jetzt leiten Sie die UniBwM. Was machen Sie als Frau eventuell anders?

Eva-Maria Kern: Ich weiß nicht, ob das an mir als Person liegt oder daran, dass ich eine Frau bin, aber ich bin jemand, der versucht, Dinge im Dialog zu lösen. Ich gehe nicht gleich konfrontativ in etwas rein und versuche, unterschiedliche Positionen unter einen Hut zu bringen. Wenn das nicht geht, kann ich schon mal auf den Tisch hauen.

Wollen Sie auch ein Signal aussenden?

Ich hoffe, dass ich mit meiner neuen Rolle so unkompliziert umgehen werde, dass ich für andere ein Vorbild bin. Wenn mir etwas nicht so gut gelungen ist, dann habe ich das nie darauf geschoben, dass ich eine Frau bin. Wahrscheinlich kommt mir mein Naturell zu Gute. Ich versuche, vor allem junge Frauen zu ermutigen, ihren Weg zu gehen und ihnen klarzumachen: Mädel, du bist kein Opfer. Deppen gibt es überall, du musst dich halt auf die Füße stellen und nicht so negativ konnotiert an eine Sache rangehen.

Als Frau Karriere in einer Männerdomäne zu machen, war nie ein Thema für Sie?

Ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht. Zu mir hat nie jemand gesagt: Das kannst du nicht, weil du eine Frau bist. In meinem Studium waren wir maximal fünf Prozent, da stand man natürlich unter Beobachtung. Aber ich konnte mich durchsetzen. Ich komme aus der Ingenieurswelt, das hat mich wohl geprägt. Und ich bin relativ handfest und lasse mich nicht schrecken.

"Ich kann schon mal auf den Tisch hauen."

Junge Menschen sind oft unsicher und junge Frauen vielleicht noch etwas mehr.

Ja, das ist auffällig. Über die Jahre konnte ich immer wieder beobachten: Die oft nur durchschnittlich vorbereiteten jungen Männer gehen viel selbstbewusster in eine Prüfung als manche viel besser vorbereiteten Kommilitoninnen, die sich dann bis zuletzt fragen: Kann ich das eigentlich?

Haben Sie sich diese Frage selbst auch gestellt, als Sie zur Präsidentin gewählt wurden?

Nein, ich habe keine Angst. Ich habe Respekt vor dem Amt, aber ich mache seit Jahren Uni-Politik in verschiedenen Positionen und fühle mich gut aufgestellt für diese Position. Ich freue mich darauf, denn jetzt kann man auch mal eigene Themen umsetzen, ohne ganz oben nachfragen zu müssen. Weil ich die Uni sehr, sehr gut kenne, bietet sich bei einem Wechsel nun an, ein paar Dinge genauer anzuschauen.

"Die Uni ist in den vergangenen Jahren eigentlich zu stark gewachsen."

Wo liegt Ihr Fokus?

Die Uni ist in den vergangenen Jahren sehr stark gewachsen, eigentlich zu stark. Durch das Konjunkturförderprogramm des Bundes haben wir 250 Millionen Euro zur Forschungsförderung bekommen und damit viele Projekte angeschoben - im Bereich der Kommunikations- oder der Satellitentechnologie. In den vergangenen zwei Jahren sind gut 200 wissenschaftliche Mitarbeitende dazugekommen, auch einige Professorenstellen. Eines meiner übergeordneten Ziele wird jetzt sein, Ruhe reinzubringen, um Erreichtes zu verstetigen und zu festigen, aber auch qualitätsorientiert weiterzuentwickeln und zu hinterfragen, ob wir für die Zukunft gut aufstellt sind.

Auch die TUM und die LMU werden größer, wollen Sie hier weiteres Wachstum verhindern?

Nein, ich möchte nur gezielter hinschauen, in welche Richtung wir wachsen und wie wir uns entwickeln. Wenn man mich gefragt hätte, ob ich 250 Millionen Euro haben möchte, ich wäre nicht auf diese hohe Summe gekommen. Aber sie war da und wir haben gut agiert.

Wollen Sie auch mehr Studierende?

Wir haben hier ja eine besondere Situation. Wir dürfen und wollen nur maximal 20 Prozent an Zivilstudierenden haben, wir sind ja die Heimat der Offiziersanwärterinnen und -anwärter.

Ist das Angebot der Bundeswehr-Uni Werbung für die Bundeswehr an sich?

Wir gehen schon davon aus, dass attraktive Studiengänge das Interesse für die Bundeswehr wecken. Wir bieten zum Beispiel das Numerus-Clausus-Fach Psychologie an, und arbeiten gerade an einem Studiengang Medizin-Informatik, was Relevanz im militärischen und zivilen Bereich hat. Unsere Bewerber und Bewerberinnen aber müssen studierfähig sein und auch Offizierseignung mitbringen. Doch bei der Werbung ist sicher noch Luft nach oben.

Soeben sind aus dem Verteidigungsministerium Zahlen bekannt geworden, dass der Bundeswehr Zeit- und Berufssoldaten fehlen und das Rekrutieren schwer fällt. Sehen Sie sich als Universität in der Pflicht?

Das Studium an einer Universität der Bundeswehr ist ein wesentliches Attraktivitätsmerkmal für den Offiziersberuf und damit ein wichtiges Argument für diese Laufbahn. Das wollen wir künftig noch stärker betonen in der Öffentlichkeitsarbeit. Neben dem Wunsch zu studieren muss aber die bewusste Entscheidung für den Offiziersberuf, mit allen Vor- und Nachteilen, definitiv vorhanden sein. Das Marketing ist dann vom Ministerium zu leisten.

"Bislang war es eher so, dass Forschung, die auch nur in Berührung mit Sicherheit und Verteidigung kam, unter der Decke gehalten wurde."

Ist die Bundeswehr seit dem Krieg in der Ukraine attraktiver oder eher abschreckend für junge Menschen geworden?

Eine Konsequenz daraus sehen wir jetzt noch nicht, doch wahrscheinlich wird man bald Veränderungen erkennen. In welche Richtung wissen wir aber nicht. Wir sind ja keine Militärakademie. Was wir feststellen: Durch die gravierende Veränderung der Weltlage wird auch in Deutschland klar, dass wir uns mit Themenbereichen in der Forschung beschäftigen, die von allfälligem Interesse für Sicherheit und Verteidigung sind. Bislang war es hierzulande eher so, dass Forschung, die auch nur in Berührung mit Sicherheit und Verteidigung kam, unter der Decke gehalten wurde. Nun gibt es ein geändertes gesellschaftliches Mindset. Die Anerkennung steigt.

Freie Forschung und Lehre ist aber auch ein Prinzip der Bundeswehr-Uni?

Ja. Wir haben uns zwar immer aktiv mit Themen auseinandergesetzt, die mit der Bundeswehr zu vereinbaren waren, aber die Forschenden sind nicht dazu gezwungen. Satellitenkommunikation etwa braucht man im zivilen Bereich, das Thema ist aber hoch interessant für die Bundeswehr. Wenn es darum geht, ob unsere Energieversorgung resilient ist, dann ist das auch ein Bereich, den wir hier bearbeiten, schon allein deshalb, weil die Liegenschaften der Bundeswehr halbwegs autark versorgt werden sollten. Wir stehen in einem Spannungsfeld als Universität: Wir gehören natürlich zum Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) mit der spezifischen Studierendenklientel, aber mit dem Anspruch eine Universität zu sein mit Freiheit in Forschung und Lehre. Das ist uns ganz, ganz wichtig. Dies weiterhin sinnvoll miteinander zu verbinden, wird eine Herausforderung sein.

Wie viel Einfluss hat das Verhalten einer Ministerin auf die Entscheidung, Soldatin oder Soldat zu werden?

Ich denke, keinen. Die Entscheidung, Soldat zu werden, ist doch recht komplex. Zunächst muss der Interessent natürlich eine hohe Affinität zu den Aufgaben eines Soldaten haben, er muss sich mit den Verpflichtungszeiten, der Landesverteidigung und den Auslandseinsätzen beschäftigen. Die Rahmenbedingungen wie Bezahlung, Perspektiven und Ausbildung, eben bei Offiziersanwärtern das Studium, spielen da ebenfalls eine sehr große Rolle.

Wie eng arbeiten Sie mit dem Verteidigungsministerium zusammen?

Eng in den unterschiedlichsten Belangen. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die haben verschiedene gemeinsame Vorhaben mit der Bundeswehr und arbeiten eng mit den Dienststellen zusammen. Andere eher nicht. In der Forschung macht jeder, was er möchte. Natürlich ist das BMVg das Ressort, mit dem wir uns austauschen. Die Uni ist eine strategische Ressource. Ich denke, das muss man dort auch noch etwas stärker ins Bewusstsein rücken. Immerhin ist es das einzige Ministerium, das zwei echte Universitäten hat - neben München ja auch noch Hamburg.

Die Studiengänge aber müssen Sie mit dem bayerischen Wissenschaftsministerium abstimmen. Wie schnell können Sie als relativ kleine Uni reagieren?

Was die Studierendenzahlen angeht sind wir mit knapp 4000 relativ klein. Mit der Anzahl der Professoren und Professorinnen, die derzeit etwas über 200 liegt, aber mittelgroß. Dennoch sind wir wahnsinnig flexibel als Universität. Da wir einen kleinen Senat haben, kann man Vorhaben gut umsetzen. Ich mag diese Beweglichkeit sehr gerne.

Ein Grund, warum Sie sich von Anfang an, also seit 2007, hier wohl gefühlt haben?

Absolut. Ich habe an einer kleinen Uni studiert, an der Montanuniversität in Leoben. Als ich an der TU Hamburg-Harburg habilitiert habe, war dort auch kein Riesenbetrieb. Ich mag dieses Miteinander, anonyme Institutionen schätze ich nicht so sehr. Ich will die Flexibilität der Bundeswehr-Uni erhalten. Ich finde unsere Fakultätsstruktur sehr gut, was man strukturell betrachten könnte, sind die Unterstützungsbereiche: Verwaltung, Präsidialabteilung, Organisation von Veranstaltungen.

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