Bundestagswahl:"Von hinten das Messer in den Rücken gehauen"

Post Roloff Kombo

Sebastian Roloff (l.) forderte auf dem Parteitag den Bundestagsabgeordneten Florian Post mit einer wohl vorbereiteten, aber strikt geheim gehaltenen Attacke heraus und schlug ihn deutlich.

(Foto: Haas/Hess)

Bei der Listenaufstellung der Oberbayern-SPD erringt Sebastian Roloff überraschend den Spitzenplatz und düpiert damit die Münchner Parteispitze und den amtierenden Bundestagsabgeordneten Florian Post.

Von Heiner Effern

Ein Münchner wird die Oberbayern-SPD in den Bundestagswahlkampf führen, allerdings ein anderer als gedacht. Sebastian Roloff forderte auf dem Parteitag am Samstag den Bundestagsabgeordneten Florian Post mit einer wohl vorbereiteten, aber strikt geheim gehaltenen Attacke heraus und schlug ihn deutlich. Mit 41 zu 28 Stimmen wurde Roloff an die Spitze der Liste gewählt; er wird im Herbst aller Voraussicht nach erstmals in den Bundestag einziehen. Post droht nach acht Jahren dort das Aus. Allerdings muss dafür auch die Bayern-SPD dieser Reihenfolge bei der Aufstellung ihrer Liste am kommenden Wochenende folgen.

"Bei einer Listenaufstellung liegt es in der Natur der Sache, dass es mehrere Bewerber für einen Platz gibt", sagte der 38 Jahre alte Roloff am Sonntag. "Ich habe den Delegierten ein Angebot gemacht, das erstaunlich gut angenommen wurde, worüber ich mich sehr freue." Gleichwohl räumte er ein, dass es "unüblich" sei, dass ein Kandidat die Oberbayern-Liste anführe, der noch nicht im Bundestag sitzt. Vor den amtierenden Abgeordneten. Bei der SPD gibt, beziehungsweise gab es für dieses Prozedere strikte Regeln. Nach vorne auf die Liste kommt erstens, wer am längsten im Bundestag sitzt. Zweitens, wer schon drin ist. Drittens muss der Proporz stimmen, einem oder einer aus der Stadt München folgen zwei auf dem Land in einem Paket.

Was am Samstag auf einem digitalen, aber dafür nicht minder dramatischen Parteitag vorgefallen ist, gleicht einem Aufstand gegen diese alten Gesetze. Die in Starnberg kandidierende Münchnerin Carmen Wegge griff die Abgeordnete Bela Bach (Landkreis München) beim dritten Frauenplatz ebenfalls erfolgreich an. Dass der vorher in verschiedenen Parteigremien als Spitzenmann benannte Post handstreichartig seine politische Existenz verlieren könnte, wird in der Münchner SPD ein Beben auslösen. Nicht das Antreten von Roloff an sich, sondern dessen Geheimplan zum Umsturz wird nicht nur Post noch länger beschäftigen.

"Niederträchtig und gemein" habe ihm Roloff "von hinten das Messer in den Rücken gehauen", sagte der 39 Jahre alte Post am Sonntag. Er überlegt nun, ob er überhaupt weitermachen oder seiner Partei die Kandidatur vor die Füße werfen soll. In der kommenden Woche will er seine Entscheidung bekannt geben. Für die Liste ließ er sich am Samstag nicht mehr aufstellen, womit ihm nur der Einzug in den Bundestag über das Direktmandat im Münchner Norden bliebe. Das könnte er versuchen, auch wenn die Aussichten dafür angesichts der Lage der SPD im Bund aussichtslos erscheinen. Den Rückhalt seiner Parteifreunde im Bundeswahlkreis hätte er zumindest. Bei seiner Kür zum Kandidaten setzte Post sich gegen die stark kämpfende Gegnerin Philippa Sigl-Glöckner locker durch. "Wir würden geschlossen hinter ihm stehen, wenn er für das Direktmandat weiter antritt", sagte Stadträtin Julia Schönfeld-Knor. Sie ärgert vor allem, dass Roloff "nicht mit offenem Visier" angetreten sei.

Die Münchner Parteispitze muss sich fragen lassen, warum sie von Roloffs Plan so überrumpelt wurde. "Ich war da nicht eingeweiht, so was mache ich nicht", sagte die Vorsitzende und Bundestagsabgeordnete Claudia Tausend. Sie selbst ist mit dem Listenplatz zwei bei den Frauen gut abgesichert und dürfte wieder nach Berlin gewählt werden. Doch der "Ärger", den sie selbst verspürt und den sie intern auch spüren dürfte, greift tiefer. Es gab im Münchner Vorstand Anfang Februar eine Sitzung, in der sich bis auf eine Enthaltung alle für Post als Münchner und oberbayerischen Kandidaten ausgesprochen hatten. Der Konkurrent Roloff, um dessen Ambitionen es vorher in der Partei schon mal gegangen war, nahm aus beruflichen Gründen nicht teil. Erst am Freitag vor dem Parteitag habe sie von Roloffs Kandidatur um Platz eins erfahren, sagt Tausend. Auch im geschäftsführenden Oberbayern-Vorstand votierte eine Mehrheit am Samstag wenige Stunden vor dem Parteitag noch für Post.

Wie abgesprochen schlug ihn der Münchner Partei-Vize Roland Fischer vor, die Miesbacherin Christine Negele nominierte Roloff. Zu diesem Zeitpunkt war es wohl aber längst keine offene Wahl mehr. Durch eine Panne in einer geheimen Abstimmung wurde klar, dass sogar die Münchner Delegation nicht geschlossen für Post stimmen und das Votum ihres Stadtvorstands in Teilen missachten würde. Der als früherer Gewerkschafter und jetziger Personalleiter bei MAN bestens in der IG-Metall vernetzte Roloff nutzte offensichtlich dazu noch alte Kontakte aus Juso-Zeiten und sammelte Stimmen von Menschen, die mit dem wegen seiner Art oft umstrittenen Post Rechnungen offen hatten.

Nun muss die Münchner SPD klären, in welcher Verfassung sie in den Bundestagswahlkampf geht. Am Montagabend ist eine Sitzung des Parteivorstands angesetzt. Sie werde in nächster Zeit viele Gespräche führen, kündigte München-Chefin Tausend an, in der Hoffnung, dass es "nicht zu schwersten Auseinandersetzungen" komme. SPD-Stadt-Vize Florian von Brunn, in dessen politischer Heimat im Münchner Süden die auch ihn überraschende Revolte begann, will nun mit dafür sorgen, dass die SPD in München "nicht noch weiter gespalten" werde.

Auch Claudia Tausend hofft, dass der Wahlkampf nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen wird. Sehr einheitlich sei der ja bei vier Kandidaten in München noch nie gewesen. Da habe es meist vier leicht gekoppelte Kampagnen gegeben - und das werde auch dieses Mal so sein. Sie selbst sei einfach "enttäuscht; wir geben uns Mühe, kollegial und geschlossen zusammenzuarbeiten". Andere, so lässt sie den Gedanken im Raum stehen, hätten das eigene Wohl mehr im Blick als das der Partei.

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