Vor dem ersten großen Auftritt, der ersten Sitzung als Bundestagsabgeordnete, ging es erst mal ganz genau zu: Jamila Schäfer und Sebastian Roloff mussten regelrecht antreten. Zählappell nennt sich das. Bei der konstituierenden Sitzung des Bundestags darf nichts schief gehen, da wird in den Fraktionen auf einer Liste abgehakt, ob alle da sind. Das gilt für Neulinge ebenso wie für erfahrene Kollegen. "Wie früher in der Schule", erzählt Schäfer von den Grünen.
Name für Name wurde vorgelesen, wie alle die anderen sagte sie: "Anwesend." Auch Roloffs Name wurde abgehakt, in einem anderen Raum auf der Liste der SPD, doch danach hielt es ihn nicht lange in der Vorbesprechung. Roloff beschäftigte nämlich vor der konstituierenden Sitzung des Bundestags eine ganz praktische Frage: "Wie schaffe ich es, dass ich einen guten Platz erwische?"
Nur wenige ganz Prominente in der SPD-Fraktion hatten einen zugewiesenen Sitzplatz im Plenarsaal. Für den Rest galt: Wer schnell kam, konnte weiter vorne sitzen. Roloff war gewarnt und genoss "aus dem Mittelfeld" heraus einen sehr guten Blick auf die Ereignisse. Vorher sei er schon ziemlich aufgeregt gewesen, sagt er am Telefon. Am Ende wurde es "unvergesslich".
"Man denkt: Was für ein Privileg, wie bei uns ein Machtwechsel gelingt"
Dazu trug auch die an diesem Tag wichtigste Personalie bei. Zur Bundestagspräsidentin wurde etwas überraschend nämlich die von ihm sehr geschätzte Bärbel Bas gewählt, also ausgerechnet jene Fraktionskollegin, die dem noch bürolosen Neu-Abgeordneten Arbeits-Asyl in ihren Räumen gewährt hatte. Damals ahnten wohl beide noch nicht, dass Bas solch eine schnelle Karriere hinlegen würde. "Wenn doch, dann hat sie sehr gut geblufft."
In einer der Pausen der etwa sechs Stunden dauernden ersten Sitzung traf Roloff auch seine Münchner Kollegin Schäfer von den Grünen. Beide sind im Münchner Süden zur Bundestagswahl angetreten, beide haben das erste Mal den Einzug ins Parlament geschafft. Auch Schäfer fand die erste Sitzung am 26. Oktober eindrucksvoll. "Da spricht der Alterspräsident über die Bedeutung der Demokratie und man denkt: Was für ein Privileg, wie bei uns ein Machtwechsel gelingt."
Schade fand sie nur, dass die "schon eher pathetische Stimmung" immer wieder von Tagesordnungs-Gezänk mit der AfD getrübt worden sei. Aber insgesamt fand sie die erste Sitzung ihres Bundestags-Lebens schlicht "toll".
Auch Roloff war beeindruckt, obwohl es zwischendurch sehr formell zuging. Die geheime Wahl der Bundestagsspitze wird zelebriert, jeder der 736 Abgeordneten wurde aufgerufen, musste den Plenarsaal verlassen, sich in der Abgeordneten-Lobby mit Stimmausweis- und Karte wappnen und schließlich in der Kabine sein Votum abgeben. "Die Alten sind nach ein paar Wahlgängen dann schon mal genervt, wenn es so lange dauert. Ich bin viel auf meinem Stuhl gesessen und habe es auf mich wirken lassen", sagt Roloff.
Doch mit Genießen allein lässt sich der Start ins Abgeordneten-Dasein nicht schaffen. Sein Mitarbeiter-Team mit drei Vollzeit- und zwei Teilzeitkräften hat er beisammen, nun plant er eine Klausur. Muss ja viel besprochen werden, wenn alles anfängt. Mit der Suche nach einem Wahlkreisbüro kam er auch einen guten Schritt voran, für ein Ladenlokal in Untergiesing könnten bald die Unterschriften fällig werden.
Dann steht etwas an, was ihm nicht besonders liegt, aber dringend nötig ist. Roloff muss sich um die Inneneinrichtung kümmern. Wenn man ein Foto seiner neuen Berliner Wohnung sieht, ahnt man, dass das kein Lieblings-Hobby von ihm ist. In einem Zimmer steht eine einsame Leiter, im Schlafzimmer, so erzählt er es, liegt nur eine Matratze am Boden. "Etwas spartanisch" lebe er gerade noch in Berlin, räumt Roloff ein.

Seine Kollegin Schäfer hat es in dieser Beziehung leichter. Als stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen ist sie in Berlin schon länger verwurzelt. Fürs Telefonat erwischt man sie auf dem Fahrrad. Die Wochen momentan sind extrem stressig für sie, aufgrund ihrer Parteifunktion ist sie an den Koalitionsverhandlungen beteiligt, was wahrscheinlich sonst kaum neue Abgeordnete geschafft haben. Sie leitet für die Grünen mit ihrer Kollegin Franziska Brantner das Team zum Thema Europa. "Da war ich am Anfang schon sehr aufgeregt", sagt Schäfer. "Man weiß ja nicht, wie die anderen ticken. Wir kommen aus unterschiedlichen Parteien, Ebenen und Generationen.
Vergangenen Mittwoch ging es dann richtig los, um neun Uhr Start und dann auch bis nach 19 Uhr. Auch wenn die Standpunkte teils sehr verschieden sind, die ersten Gespräche seien gut angelaufen, sagte Schäfer. Vertrauen habe sich bereits gebildet, für die Lösung der Sachfragen sei nun auch Kreativität gefragt. "Ich bin aber mit jedem Tag optimistischer, dass wir die Ampel-Koalition hinbekommen."
Seit dem Bingospielen weiß Schäfer, welcher Fraktionskollege schon eine Kuh gemolken hat
Das verfolgt natürlich auch Roloff gespannt, als Neuling bei der SPD allerdings aus dem Hintergrund. Wenn Zuarbeit bei seinen Themen gefragt sei, stehe er bereit, sagt er. Ansonsten ist auch genug zu tun. Alleine den Posteingang zu Beginn einer Amtsperiode zu bewältigen, sei eine Aufgabe. Wenn man zwischendurch ein paar Tage nicht in Berlin gewesen sei, brauche man zur Abholung "fast schon eine Schubkarre". Doch ganz ohne Hobby geht es auch in der Bundeshauptstadt nicht. Roloff ist auch hier einen Schritt vorangekommen, er ist jetzt Mitglied im FC-Bayern-Fanclub des Bundestags.
Jamila Schäfer erzählt nichts von Fußball, doch sie hatte zumindest einen unterhaltsamen Spieleabend. Beim Kennenlernen der Grünen-Fraktion wurde Bingo angeboten, in einer sehr persönlichen Variante. Seither weiß Schäfer zum Beispiel, wer ihrer Kollegen schon mal eine Kuh gemolken hat und wer wirklich stricken kann.
Und noch eine völlig neue Erfahrung hat sie gemacht. Als sie am vergangenen Samstag nach München zurückkehrte, um in einer Veranstaltung von ihren Berliner Tagen zu erzählen, wartete im Augustiner-Schützengarten überraschenderweise ein Fass Bier auf sie. Und dazu ein Schlegel. Anzapfen, das erste Mal. "Ich hatte erst mal ziemlich Sorge, dass ich das völlig falsch mache. Aber es war einfacher als gedacht." Egal ob in Berlin oder München, das Leben als Abgeordnete bietet jede Woche etwas Neues.


