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Bund für Geistesfreiheit:Selbst ein Urteil bilden

Stadt soll Liste der belasteten Straßennamen veröffentlichen

Der Bund für Geistesfreiheit München (bfg) fordert, die Kardinal-Faulhaber-Straße in Sylvia-Klar-Straße umzubenennen. Zur Begründung schreibt die Organisation, es sei nicht hinnehmbar, dass "ein Kriegstreiber, Demokratiefeind und Hitler-Verehrer wie Kardinal Faulhaber mit einem Straßennamen geehrt" werde.

Der Bund für Geistesfreiheit, eine atheistische Weltanschauungsgemeinschaft, die sich der Aufklärung und dem Humanismus verpflichtet fühlt, formuliert die Forderung in Zusammenhang mit der Debatte, die derzeit um eine von Experten erstellte Liste mit 370 problematischen Straßennamen geführt wird. Über die Liste hat der Ältestenrat der Stadt in nichtöffentlicher Sitzung bereits diskutiert, letzten Endes entscheidet der Stadtrat über die Frage, ob Straßen, die etwa nach Antisemiten, Rassisten oder Nationalsozialisten benannt wurden, einen neuen Namen erhalten. Bislang ist nicht bekannt, wer alles auf der Liste steht. Deshalb fordert der bfg, die Liste umgehend zu veröffentlichen, "damit sich die Stadtgesellschaft selbst ein Urteil bilden kann".

Die Kardinal-Faulhaber-Straße, die bis dahin Promenadestraße hieß, wurde mit Beschluss des Stadtrats vom 17. Juni 1952 nach dem Geistlichen benannt, der von 1917 bis zu seinem Tod im Jahr 1952 Erzbischof von München und Freising war. Die Umbenennung, so schreibt der bfg, "geschah damals ganz offenkundig in Unkenntnis seiner Gegnerschaft zur Demokratie". Zum Beleg zitiert der Bund einen Tagebucheintrag des Kardinals vom 15. September 1933, in dem Faulhaber die Hoffnung ausdrückte, Hitler möge es gelingen, "das Übel des parlamentarischen demokratischen Systems mit der Wurzel auszureißen". Auch Antisemitismus werfen die bfg-Mitglieder dem Kardinal vor, etwa wenn er 1936 dem NS-Regime das Recht zugestand, "gegen Auswüchse des Judentums in seinem Bereich vorzugehen". Zudem sei Faulhaber ein Kriegstreiber gewesen, der den Ersten Weltkrieg freudig mit den Worten "Eisenpillen bringen Bluterneuerung" begrüßt habe.

Sylvia Klar, deren Namen der Bund als Alternative vorschlägt, war mit dem späteren bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner befreundet, dem sie 1933 auch zur Flucht vor den Nazis verhalf. Die Tochter einer jüdischen Familie gehörte zum Kreis der Widerstandsgruppe "Neu Beginnen". Sie wurde von den Nazis ins KZ Ravensbrück deportiert und 1942 in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet.

© SZ vom 19.11.2019 / wg
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