Was bleibt uns denn noch in diesen wirren Zeiten? Na, man kann immerhin so tun, als wäre alles in Ordnung und sich auf Lippen konzentrieren – rot wie Wein. Ferdinand Kraemer, die eine Hälfte des auf amerikanische Tradition spezialisierten Münchner Duos Black Patti, hat ein Solo-Album veröffentlicht. „Bunch of Birds“ heißt es und ist ein in den Grund der Tradition gesetzter Anker. Und dies in einer Welt, in der man die feinen alten Dinge immer öfter missbraucht, um Irrgärten für Orientierungslose zu errichten.
Die roten Lippen, mit denen Ferdinand Kraemer in „Catch Me If You Fall“ so sehnsüchtig charmant im Satzgesang singt, als stünde er zur Zeit der Great Depression in einem Recording Studio in Tennessee, gehören Maria Hafner, der wunderbaren Münchner Volksmusikerin. Nebenbei beweist das wieder, wie eng in Struktur und Harmonie die bayerische und die amerikanische aus diversen Herkunftsländern zusammenimportierte Volksmusik Amerikas beieinander sind.
Ungewöhnlich bei vielen Nummern: der Bass. Eine Tuba, gespielt von der schon längere Zeit in der Szene rührigen Theresa Loibl. Mit ihr hat Kraemer das Album im Wesentlichen produziert. Sie hat es als Engineer aufgenommen und gemischt. Und einen tollen Job gemacht. Gleich bei der ersten Nummer, dem „Fortunate Blues“ schauen Freunde vorbei wie Micha Acher an der Trompete. Mit dezentem Schlagzeug und Loibls jubelnder Klarinette spielt das Arrangement zwischen New Orleans und Tom Waits. Loibl hat das auf eine Weise aufgenommen, die klingt wie einst, als man mit reduzierter Mikrofonierung in einem trockenen Raum den Klang gestaltete. Hier ist das ein fein tiefengestaffeltes Klangbild, vor dem der Hörer direkt steht, ohne durch Hallschleier blicken zu müssen.
Ein Sound, geschaffen, um Details abzubilden: Kraemers ausgefuchste Flatpicking-Gitarre in Kombination mit den rhythmischen Slides über die Bünde in „Shake It Loose“, seine Zupftechnik in „Lord I Wonder“, bei der die linke Hand so elegant die Saiten verstimmt. Ja, das Leben ist wunderlich, und ohne jede Bitterkeit fragt der Sänger: „Is this world gonna end? / Is this world gonna last?“
Tief gründelt der Sound in der amerikanischen Musikvergangenheit, die lange schon auch die unsere ist. Es ist die Entertainment-Kunst des vergangenen Jahrhunderts zwischen Delta-Blues, Appalachen-Bluegrass und Tanzschuppen-Ragtime. Überzeitlich wird vor diesem Hintergrund die individuelle Erfahrung, die in den Texten schwingt. „Papa Waltz“ – begleitet von einer sanft schaukelnden Fiddle spricht der Sänger noch einmal mit seinem Papa, der vielleicht zuhört, von irgendwoher. Er erzählt ihm vom Aufwachsen der Kinder und davon, wie er jetzt seine Steuer alleine machen muss. Es tut immer noch weh, aber es wird heilen. Doch gewiss ist nichts.
Sicherheit, auch das eine überzeitliche Weisheit, ist eine Illusion. Das Leben ist doch eher so wie das Cover mit der Fotografie aus Massachusetts von 1907. Zwei Trapezkünstler. Der eine gerade im Flug. Der andere schwingt ihm entgegen. Nur wenige Zentimeter sind es, bis er ihn fangen wird. Hoffentlich.
Ferdinand Kraemer: „A Bunch Of Birds“, Gutfeeling Records


