Bürgerservice Ein Dienst für alle Fälle? Das ist passé

In den Sozialbürgerhäusern sollen sich künftig eigene Berater nur noch um Familien kümmern. Doch es regt sich Widerstand

Von Heiner Effern

Die Stadt will ihr dezentrales Hilfsangebot für Bürger in Not neu organisieren. Künftig sollen in den zwölf Münchner Sozialbürgerhäusern zwei getrennte Dienste arbeiten: Einer soll sich um Familien mit Kindern kümmern, einer um alle Probleme von Menschen ohne Kinder. Bisher kümmern sich die Mitarbeiter der Bezirkssozialarbeit generell um alle Themen, von Gewalt gegenüber Kleinkindern über Erziehungs- und Familienprobleme, Streit und Schulden bis hin zur Betreuung von Senioren. "Ein Dienst kann aber schwer alle Themen im Detail abdecken", sagt Sozialreferentin Dorothee Schiwy. Deshalb werde sie dem Stadtrat vorschlagen, die Aufgaben neu aufzuteilen.

Die Mehrheit von SPD und CSU hat sie dafür im Sozialausschuss am Dienstag hinter sich, die Personalvertreter ihres eigenen Hauses allerdings rebellieren. Sie fürchten Gehaltseinbußen für einen Teil der Mitarbeiter, fühlen sich nicht genügend eingebunden und bezweifeln grundsätzlich, dass die Reform notwendig sei. Die Gewerkschaft Verdi ruft deshalb zu einer Kundgebung vor der Sitzung auf. "Wir fordern alle internen und externen Entscheidungsträger auf, Eigeninteressen einzustellen und eine fachliche Diskussion zu führen", sagt Philipp Heinze, Sprecher der Verdi-Betriebsgruppe im Sozialreferat. Die Botschaft ist klar: Nicht internes oder politisches Gerangel dürfe im Vordergrund stehen, sondern die Bedürfnisse der Bürger und der Mitarbeiter. Das neue Konzept sei viel zu unausgegoren, um "600 Arbeitsplätze in einem fachlich hoch sensiblen Bereich gänzlich auf den Kopf zu stellen", schreibt Verdi in einer Mitteilung.

Betroffen sind nicht nur die etwa 300 Mitarbeiter der städtischen Bezirkssozialarbeit, sondern auch deren Kollegen von der Vermittlungsstelle für Erziehungshilfen und von der Fachstelle für häusliche Versorgung. Letztere arbeiten auch in den Sozialbürgerhäusern, ihre Arbeit soll nun aber jeweils in einem der beiden Dienste aufgehen. Auch die Beschäftigten zum Beispiel kirchlicher Träger, die sich um sozial Bedürftige kümmern, werden die Auswirkungen in der Zusammenarbeit spüren. Deren Verantwortliche signalisieren nüchtern Zustimmung. "Vernünftig" sei die Reform, wenn sie im Sozialreferat die Abläufe erleichtere, sagt Norbert Huber, Chef der Münchner Caritas und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Wohlfahrtspflege. Gleichzeitig sei sie aber auch "ein Schritt zurück". Moderne Sozialarbeit richte sich nach den Bedürfnissen der Menschen in einem jeweiligen, kleinteiligen Gebiet. Dort kümmerten sich Sozialpädagogen um alle Sorgen der Bürger, die sich nicht immer exakt den Aufgaben des einen oder des anderen Dienstes zuordnen ließen. "Aber das ist natürlich anspruchsvoller", sagt Huber.

Sozialreferentin Schiwy weist die Kritik insbesondere der Personalvertreter zurück. "Das wird nicht so heiß gegessen, wie es von den Kollegen gekocht wird." Tatsächlich müssten zwar laut Gesetz die Mitarbeiter der beiden Dienste unterschiedlich bezahlt werden. Wer sich also künftig nur noch um Menschen ohne Kinder kümmere, müsste 90 Euro brutto weniger verdienen als jetzt. Doch Schiwy versichert: "Nein, Mitarbeiter werden nicht zurückgestuft." Im Übrigen stehe die Neuorganisation noch ganz am Anfang. "Nur das Ob ist entschieden, nicht das Wie." Die Ausgestaltung würde nun in einem breiten Prozess erarbeitet. Das solle den Mitarbeitern die Verunsicherung über die neuen Abläufe nehmen. "Wir arbeiten gemeinsam daran, dass sich die Ängste nicht bewahrheiten."

Christian Müller, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, fordert das Zwei-Dienste-Modell. "Wichtig ist, dass der Spezialisierung in verschiedenen Lebensbereichen Rechnung getragen wird." Für die Reaktion der Gewerkschaft Verdi hat er kein Verständnis. "Es ist bedauerlich, dass die Personalvertreter das Gespräch mit uns nicht gesucht haben." Nach einem ersten kurzen Kontakt mit Verdi habe "Schweigen im Walde" geherrscht. Auch CSU-Sozialsprecher Marian Offman verteidigt das Konzept der Stadt: "Durch eine bessere Zuordnung wird die Qualität der Betreuung erhöht."

Nach einer groben Einschätzung des Sozialreferats könnten die beiden neuen Dienste bis zum Jahr 2020 stehen. Gut zwei Drittel der Mitarbeiter sollen künftig dem Familiendienst angehören, knapp ein Drittel dem für Menschen ohne Kinder. Dass diese Reform nun kommt, hat mit einem viel größeren Umbau im Sozialreferat zu tun. Dort soll die Gesamtverantwortung für alle Sozialbürgerhäuser neu verteilt werden, der eigene Bereich dafür soll wohl wegfallen. "Das eine kann man nicht ohne das andere planen", sagt Schiwy.