Was sind die besten Bücher eines Jahres? Auch wenn es zweifellos Kriterien für ein gutes Buch gibt – vom sprachlichen Ausdruck über den Unterhaltungswert bis zur gesellschaftlichen Relevanz –, wird jeder Leser und jede Leserin die Prioritäten unterschiedlich setzen. Hier also eine kleine Auswahl von Büchern Münchner Autorinnen und Autoren aus Belletristik, Sachbuch und Lyrik, die in diesem Jahr besonders hervorstachen – und die selbstverständlich vielfach ergänzt werden kann.
Christine Wunnicke: Seltsam schön

Eine Anatomin verliebt sich in eine Pflanzenmalerin, was im 18. Jahrhundert in mehrfacher Hinsicht kompliziert ist – so könnte man den Inhalt von Christine Wunnickes historischem Roman „Wachs“ beschreiben und hätte damit doch nichts Entscheidendes vermittelt. Denn die Art und Weise, wie die Münchner Schriftstellerin in diesem schmalen Buch zwei ungewöhnliche Frauenfiguren und -leben nach historischen Vorbildern miteinander in Beziehung setzt, dabei vom Alltag in Paris vor dreihundert Jahren und auch von der Französischen Revolution erzählt, ist unnachahmlich.
Die Meisterin im Weglassen erzeugt mit dem, was sie nach strenger Prüfung auf den Seiten stehen lässt, eine eigentümliche Atmosphäre und Spannung. Deren Sog hat „Wachs“ in diesem Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises katapultiert und der Schriftstellerin in Verbindung mit ihrem Gesamtwerk den Jean-Paul-Preis des Freistaats Bayern eingebracht. Und man kann nur hoffen, dass sie für die Zukunft einen ähnlich feinen Verlag wie Berenberg (der schließen muss) findet, der ihre Werke mit viel Liebe zum exquisiten Detail gebührend würdigt. Antje Weber
Christine Wunnicke: Wachs, Roman. Berenberg, 176 Seiten, 24 Euro
Jonas Lüscher: Von Menschen und Maschinen

Der Titel des Romans stammt aus der KI-Forschung: Jonas Lüscher hat den englischen Begriff „enchanted determinism“ mit „Verzauberte Vorbestimmung“ übersetzt. Er bedeutet im weiteren Sinne, dass wir heutzutage technische Entwicklungen wie die Künstliche Intelligenz zwar nicht mehr verstehen, ihr aber trotzdem vertrauen (müssen). Das passt gut zu einer verunsichernden Gegenwart – und zum ambivalenten Verhältnis der Menschen zu aller Art von Maschinen im Laufe der Geschichte.
Jonas Lüscher verbindet verschiedenste Orte, Zeiten und Figuren in seinem weit ausgreifenden, literarisch herausfordernden Roman, der den Bogen vom Aufstand der Weber bis in eine imaginierte Hightech-Zukunft spannt. Die einzelnen Geschichten hinterlassen starke Bilder – bis hin zur bewegend geschilderten Corona-Erfahrung, als das Leben des Autors selbst von Maschinen abhing. Lüscher ist in diesem Jahr gleich mehrfach für seinen Roman ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis, außerdem stand sein Buch auf der Longlist des Deutschen und auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises. Ein klarer Fall von Verzauberung! Antje Weber
Jonas Lüscher: Verzauberte Vorbestimmung, Hanser, 352 Seiten, 26 Euro
Pierre Jarawan: Vom Libanon ins Weltall

„The Moon has lost her Memory“ – „Der Mond hat sein Gedächtnis verloren.“ Diese Zeile aus T. S. Eliots berühmtem Gedicht „Rhapsody on a Windy Night“ stellt der Münchner Autor Pierre Jarawan seinem Buch voran. Ein Epigraf, das wie ein sanftes Laternenlicht den Weg weist durch die knapp 500 Seiten seines Romans „Die Frau im Mond“. Geht es darin doch um das Anschreiben gegen das Vergessen. Da ist sein fiktiver, mit großer Fabulierkunst begabter Protagonist Maroun, der bald seinen 100. Geburtstag feiert und von der Angst gequält wird, dass ihn die Demenz all seiner Erinnerungen beraubt: an sein Geburtsland, Libanon, sein Leben als Migrant in Kanada, seine geheimnisvolle Frau Anoush, die den Völkermord an den Armeniern überlebt hat. Vor allem aber scheint die Großtat seines Lebens allgemein vergessen: Als Ingenieur der Lebanese Rocket Society hat er am 4. August 1966 eine Rakete vom Libanon aus in den Weltraum geschickt.
Es ist nun an seiner Enkeltochter Lilit, all diese, ein ganzes Jahrhundert umspannenden Fäden zu einer großen Erzählung zusammenfügen. Pierre Jarawan lässt Lilit diese Herausforderung auf ganz besondere Weise bestehen. „Das ist wie bei einer guten Baklava: Es braucht verschiedene Schichten, die, im richtigen Verhältnis übereinandergelegt, ein großes Ganzes ergeben, etwas wirklich Überwältigendes“, heißt es in diesem dritten Roman des Schriftstellers, der dafür mit dem Tukan-Preis 2025 der Landeshauptstadt München ausgezeichnet wurde. Jutta Czeguhn
Pierre Jarawan: Die Frau im Mond, Roman, Berlin Verlag, 496 Seiten, 26 Euro
Dagmar Leupold: Bilder für den Schmerz

Es ist selten, dass eine Schriftstellerin in einem Jahr gleich zwei und gleichermaßen glänzende Bücher herausbringt. Und so seien hiermit einfach beide Werke von Dagmar Leupold wärmstens empfohlen: der Gedichtband „Small Talk“ und der Roman „Muttermale“ (der auf der Shortlist des Bayerischen Buchpreises stand). Das Zusammenspiel der schmalen, doch gewichtigen Bücher macht dieses Jahr zu einem Höhepunkt im ohnedies reichen literarischen Schaffen dieser Schriftstellerin.
Unterschiedlichste Beobachtungen aus dem Alltag wie auch zum nahen Krieg in der Ukraine lassen sich in „Small Talk“ finden, in jeweils wenigen Zeilen aufs Treffendste verdichtet. Sprachlich feinpoliert ist auch der autobiografisch grundierte Roman „Muttermale“, in dem Leupold in einzelnen Dingen und Begriffen dem Leben ihrer Mutter nachspürt – und damit nicht nur stellvertretend eine versehrte und im Schweigen erstarrte Kriegsgeneration beschreibt, sondern die ganze Nachkriegsgesellschaft seziert. In beiden Büchern gelingt es Dagmar Leupold, eindringliche Bilder für den Schmerz zu finden. Und trotzdem auch Raum für Zuversicht zu lassen. Antje Weber
Dagmar Leupold: Small Talk, Gedichte, Jung und Jung, 122 Seiten, 22 Euro. Muttermale, Jung und Jung, 172 Seiten, 24 Euro
Annegret Liepold: Rechte Gewalt

Annegret Liepolds Roman „Unter Grund“ steigt mit einer Kurzschlusshandlung ein: Franka Zimmermann sitzt barfuß und verwirrt auf einer Bank im U-Bahnhof Stiglmaierplatz. Eben noch war die junge Referendarin oben im Justizgebäude an der Nymphenburger Straße. Zusammen mit ihrer Klasse. Es der 27. Juli 2017, der 377. Verhandlungstag im NSU-Prozess. Einer ihrer Schüler hatte im Saal die Angeklagte Beate Zschäpe eine „Nazischlampe“ genannt. Ein Triggerwort, das Franka zurück ins Jahr 2006 katapultiert, in ihr fränkisches Heimatdorf, in eine schwierige Jugend, ins rechtsradikale Milieu, von dem sie sich Halt erhoffte.
In ihrem Buch schaut Annegret Liepold, Jahrgang 1990, mit klarem Blick auf die Neonazi-Szene, sie leuchtet deren Strategien aus, schildert die Dynamiken der Verführbarkeit und mögliche Ausstiegswege. Das alles, ohne ihre Protagonistin und ihre Taten zu entschuldigen. Ein kluges, beeindruckendes Romandebüt. Jutta Czeguhn
Annegret Liepold: Unter Grund, Karl Blessing Verlag, 256 Seiten, 24 Euro
Ralf Westhoff: Das System umkrempeln

Die Zahl der Privatinsolvenzen hat 2025 einen Höchststand erreicht, laut Creditreform gelten in Deutschland aktuell 5,67 Millionen Menschen als überschuldet. Neu ist dieses Phänomen nicht: Im Romandebüt von Ralf Westhoff geht es zurück ins 19. Jahrhundert, zu einem Bauernpaar in Finanznöten. Die beiden bekommen einen Kredit aufgebürdet, den sie nicht zurückzahlen können.
„Niemals nichts“, lautet der Titel des Buchs, es ist auch das Mantra von Liza und Maximilian: „Niemals sollten sie nichts zahlen an die Bank“, erklärt ihnen ein Notar, selbst die geringste Summe sei besser als nichts. Also wird das Paar erfinderisch, lernt hinzu und krempelt das System um. Nebenbei erfährt man, woher die vielen Schulden kommen. Das ist abwechslungsreich und spannend erzählt, das überzeugt auch sprachlich. Mit „Shoppen“ oder „Wir sind die Neuen“ landete der Münchner Filmemacher Kinohits, mit „Niemals nichts“ beweist er sich auch als Schriftsteller. Josef Grübl
Ralf Westhoff: Niemals nichts, Rowohlt, 224 Seiten, 23 Euro
Mirjam Zadoff: Übungen in Zuversicht

Eigentlich führt alles an diesem schmalen Buch erst mal auf eine falsche Fährte. Der Titel auf dem blaugelben Cover: „Wie wir überwintern.“ Der Untertitel: „Den Lebensmut durch harte Zeiten retten.“ Das erste Kapitel: „Steigt ins kalte Wasser.“ Wo ist man da hineingeraten? In eines dieser saisonalen Ratgeberbücher aus der Sparte Selbstoptimierung, das mit unglaublich unoriginellen To-do-Listen wedelt?
Nichts davon. Die Historikerin Mirjam Zadoff, Direktorin des Münchner NS-Dokumentationszentrums, hat „an langen Feiertagen, wenn das Leben zur Ruhe kommt, und das Nachdenken beginnt“, ein wunderbares Buch geschrieben, das notorische Pessimisten wohl nicht mögen werden. Denn es ist ein leidenschaftliches „Trotzdem“ zwischen zwei Buchdeckeln, das die aktuelle, mehr als deprimierende Weltlage mit keinem Satz negiert. Und wenn die 51-Jährige erstaunlich naheliegende Übungen „in Techniken der Zuversicht“ empfiehlt, wie etwas roten Lippenstift oder schlichte Freundlichkeit, ist das kein naiver Eskapismus, sondern ein selbstbewusster, freudvoller Akt, uns unsere Autonomie zurückzuholen. Vieles möchte man sich mit dickem Stift markieren. Wer das Buch weiterreicht, was man unbedingt tun sollte, verwendet also besser Post-it-Zettel. Jutta Czeguhn
Mirjam Zadoff: Wie wir überwintern, Hanser, 136 Seiten, 16 Euro
Florian Scherzer: Fasziniert vom Anderssein

Der Kopf, die Augen, der ganze Körper: Diese Frau sieht eigenartig aus. Als wäre sie nicht von dieser Welt. Und – da ist Florian Scherzers Roman schon weit vorangeschritten – die Menschen liegen ihr zu Füßen. Lassen sich verzaubern von ihrem Marsianischen Cabinett, mit dem sie über die Jahrmärkte zieht, um bald anzukommen in der besten Gesellschaft. Magdalena will sich nicht von Kerlen wie August Böck ausbeuten lassen, sie macht sich selber zur Herrin über ihr Anderssein.
Mit „Die Marsianerin“ schafft der Münchner Autor Florian Scherzer mit wilder Lust am Erzählen und Erfinden eine bayerische Welt an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, in der man unsere Gegenwart wie im Spiegel eines Panoptikums aufscheinen sieht. Diversität und Freak Show – auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, bedient Scherzer nicht den billigen Effekt, sondern nimmt seine Figuren ernst. Zur Attraktion an sich wird das Buch durch seine Illustrationen, die auf den ersten Blick die Anmutung von Radierungen haben, aber am Tablett entstanden sind, mit kleiner Hilfe der Künstlichen Intelligenz. Schön, dass Martin Arz den verlegerischen Mut hatte, dem Roman in seinem Hirschkäfer Verlag eine Heimat zu geben. Christian Jooß-Bernau
Florian Scherzer: Die Marsianerin. Hirschkäfer Verlag, 336 Seiten, 22,90 Euro
Delschad Numan Khorschid: Von Flucht und einer großen Kraft

„Das letzte Spiel“ heißt eines von Delschad Numan Khorschids Gedichten. Es geht um ein Fußballspiel. Natürlich, könnte man meinen. Doch natürlich ist hier nichts. „Im Lärm der zerfallenden Leinwände unserer Bilder / barfuß, mittendrin / basteln wir mit den Resten / der übriggebliebenen, / halb verbrannten Kleider / unserer Eltern / einen kleinen Ball.“
Das traurige, aber eben nicht hoffnungslose Gedicht findet sich in dem schönen Band „Nirgendwo ist mein Zuhause“ (Schillo Verlag), der in diesem Jahr als eines von „Bayerns besten Independent Büchern 2025“ und mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet wurde. Die Strophen sind eingebettet in Fotografien, die Khorschid in Irak aufgenommen hat, Bilder von Jungs, die in einer kahlen, trostlosen Landschaft Fußball spielen. Ein kleines Glück.
„Nirgendwo ist mein Zuhause“ ist eine Komposition aus Poesie, Fotos und kurzen Prosatexten, in denen Khorschid seine Fluchtgeschichte erzählt. Als 17-Jähriger machte er sich 2001 allein auf den Weg, um nach vielen Monaten in Deutschland anzukommen. Heute ist er Schauspieler am Residenztheater, Fotograf und Autor. Das Buch erzählt von diesem unglaublichen Kampf und zeugt von einer großen Kraft, die Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland eine solche Kunst ermöglicht. Yvonne Poppek
Delschad Numan Khorschid: Nirgendwo ist mein Zuhause. Schillo Verlag, 200 Seiten, 35 Euro
Annette Roeder: Straßenkinder in Wien

Gewiss, Wien in den 1920er-Jahren hat seine goldglänzenden Jugendstil-Seiten, aber die Realität der Straßenkinder der „Alsergrundbande“ im 9. Bezirk sieht wesentlich grauer aus. Die 14-jährige Waise Philomena verdient sich dort ihren Lebensunterhalt als Schuhputzerin, und zwar genau vor der Praxis von Sigmund Freud. Sie schätzt ihren Arbeitsplatz, denn seine reichen Patientinnen haben oft Begleiter, die ihre Wartezeit nutzen, um sich von ihr die Schuhe putzen zu lassen. „Und da Geld bei diesen Leuten keine Rolle spielte, wählten sie gerne die Luxus-Pflege mit Sohlenreinigung, zweifacher Bienenwachs-Politur und Farbauffrischung“.
Philomena erfährt bei ihrer Tätigkeit so einiges. So auch vom Tod von Freuds Patientin Baronin Wallersee, die angeblich heimtückisch ermordet wurde von ihrem Mündel Sidonie. Aber Philomena ist überzeugt, deren Unschuld beweisen zu können, waren doch beide einst Zöglinge im selben Waisenhaus. „Frag Philomena Freud“ von der Münchner Autorin und Architektin Annette Roeder bietet eine selbstbewusste Heldin, einen spannenden Fall und eine Zeitreise mit wienerischer Sprachfärbung und sorgfältig recherchierter Stadthistorie. Ein fein strukturierter historischer Kriminalroman, Auftakt einer fesselnden neuen Serie für Jugendliche. Barbara Hordych
Annette Roeder: Frag Philomena Freud. Die Perlenspinne, Knesebeck Verlag, ab 12 Jahre

