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Buchvorstellung:Unrühmliche Verdrängung

Buchpräsentation im Institut für Zeitgeschichte: Albert Speer. Eine deutsche Karriere. Magnus Brechtken hat auf der Basis vieler bislang unbekannter Quellen eine umfassende Biografie des angeblich unpolitischen Technikers erarbeitet.

Der Historiker Magnus Brechtken spricht mit einem Besucher der Podiumsdiskussion über sein Buch.

(Foto: Florian Peljak)

Der Historiker Magnus Brechtken deckt in seinem Buch über Albert Speer die Lüge auf

Jeder hätte es lesen können, das Dokument liegt seit sechs Jahrzehnten in der Leonrodstraße. Es belegt, wie Hitlers Rüstungsminister Albert Speer das Konzentrationslager Auschwitz ausbauen ließ und den Holocaust vorantrieb. Im Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) sind diese Aufzeichnungen aus dem September 1943 verwahrt. Aber keiner wollte sie lesen. Wenn der Historiker Magnus Brechtken, 53, diese Geschichte erzählt, schwebt im Raum ein fassungsloses Wie-konnte-man-nur? In seinem Buch über Albert Speer, das er am Mittwoch im Institut für Zeitgeschichte präsentiert hat, nimmt Brechtken eine ganz und gar unrühmliche deutsche Legende auseinander. Unrühmlich vor allem für alle, die sie gerne glaubten: die Deutschen.

Sie machten sich zu Nebendarstellern einer großen Farce, die Historiker, die Journalisten und die Leser. Denn sie glaubten Speer allzu gern, dass er vom Mord an den Juden nichts mitbekommen habe. Indizien und Beweise des Gegenteils blendeten sie kollektiv aus. Das ist Magnus Brechtkens Thema. Speer ist eine gute Story, immer noch: Der Vortragssaal im IfZ fasst das Publikum nicht, die Podiumsdiskussion muss in einen Nebenraum übertragen werden. Der Großteil des überwiegend ergrauten Auditoriums gehört zweifellos zur Generation, die sich von Speer blenden ließ. Jetzt wollen sie es wissen.

Der Verleger Thomas Rathnow bezeichnete die Studie als "lehrreiches, leidenschaftliches und furioses Plädoyer für mehr Nüchternheit und erhöhte Wachsamkeit", wo in der Geschichtsschreibung Interpretation und Narration ineinander überzugehen drohten. Diesen Appell zu weniger Dichtung und mehr Wahrheit richtet er nicht nur an die Historiker, sondern auch an die eigene Verlegerzunft. Schließlich - sehr pikant! - war mit Wolf Jobst Siedler genau der Herausgeber maßgeblich an Speers Märchenbüchern beteiligt, der später jenen Siedler-Verlag gründete, für den Rathnow heute verantwortlich ist.

Die Historiker am Podium, IfZ-Direktor Andreas Wirsching, Heike Görtemaker und Winfried Nerdinger, Leiter des NS-Dokumentationszentrums, sind sich mit Magnus Brechtken einig, dass der Glaube der Deutschen an Speers Teilschuldmärchen zum allgemeinen Verdrängungsprozess gehörte. Wenn schon Hitlers Rüstungsminister nichts wusste von Auschwitz, wie dann das einfache Volk? Die Lüge ist aufgedeckt. Brechtken nennt die Belege, und Wirsching sagt, "sie hinterlassen einen sprachlos und ratlos".

© SZ vom 02.06.2017
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