BuchpräsentationAus den Erinnerungen eines Genussmenschen

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Drei Genießer: Daniel Kill, neuer Küchenchef im Blauen Bock, Schauspieler Lambert Hamel und Buchautor Stefan Grosse (von links).
Drei Genießer: Daniel Kill, neuer Küchenchef im Blauen Bock, Schauspieler Lambert Hamel und Buchautor Stefan Grosse (von links). Stephan Rumpf

Der Stoff, aus dem Helmut Dietl Filme machte: Der Hotelier und Gastronom Stefan Grosse hat viel Amüsantes aus seinem Leben zu berichten

Von Franz Kotteder, München

Auf den Gedanken, dass sich in Stefan Grosse ein Genussmensch verbirgt, darauf kann man leicht mal kommen. Wobei das Verb "verbirgt" völlig fehl am Platz ist, denn Stefan Grosse strahlt den Genussmenschen ja förmlich aus. Der Hotelier des Blauen Bocks am Viktualienmarkt, gleich gegenüber der Schrannenhalle, ist die personifizierte barocke Lebensfreude, das sieht man auf den ersten Blick. Und jetzt haben wir es obendrein auch noch schriftlich. Auf 150 Seiten. Denn Stefan Grosse hat ein Buch geschrieben, ein "Memoir", wie er es im Untertitel nennt, also eine kleine Sammlung hübscher Erinnerungen und Anekdoten. Keine gewichtige Abrechnung und keine erschütternde Lebensbilanz, sondern eine leichtfüßig-luftige Sammlung von Reminiszenzen an Begegnungen und amüsanten Bekenntnissen. Und man kann sagen: Passt zu ihm.

Am Montagvormittag, also tatsächlich bei der ersten sich bietenden Möglichkeit, lud Stefan Grosse in das Restaurant des Blauen Bocks ein, um sein Buch "Fürs Verlangen ist noch niemand bestraft worden" vorzustellen. Mehrmals musste die Premiere verschoben werden, wegen Corona, dann erwies sich der 7. Juni durch glückliche Fügung als der Tag, an dem die Gastronomie auch in Bayern erstmals wieder innen öffnen durfte. Für jemanden wie Grosse, der sein Hotel nur bedingt offen halten konnte und das Restaurant nur draußen und somit so gut wie gar nicht, ist das natürlich ein Festtag.

Vor allem auch, weil sein alter Freund Lambert Hamel, früher ein gefeierter Schauspieler am Bayerischen Staatsschauspiel und an den Kammerspielen, die erste Lesung aus Grosses Buch übernahm - und das auch noch an seinem, Hamels, eigenem Geburtstag. Die Bekenntnisse und Anekdoten, aufgeschrieben von Matthias Kessler und lektoriert von Palma Müller-Scherf, eignen sich aber auch gut für die öffentliche Lesung, weil sie viele prall-farbige Schilderungen enthalten. Angefangen von den Lehrjahren im Ulmer Ratskeller, wo Stefan Grosse Koch lernte, bevor er dann später im Bayerischen Hof noch eine Lehre als Hotelkaufmann draufsattelte, bis hin zu den fast aberwitzigen Jahren als Gastronom im "Münchner Bermudadreieck". Das befand sich zwischen dem Bratwurstglöckl von Michi Beck, dem Andechser am Dom von Sepp Krätz und Sigi Brantls Vinothek. Dort trafen sich "die Münchner Aktienheinzl", die vormittags im Bankenviertel arbeiteten: "Das Portemonnaie zum Bersten voll, die Hoden dick und der gesunde Menschenverstand verloren: Die rechneten nach, was sie von acht bis elf am Morgen verdient hatten, und zehn Prozent davon wurden noch am selben Tag auf den Kopf gehauen."

Ein wunderbarer Schelmenroman eigentlich, mit dem Vorteil, auch noch wahr zu sein. Grosse ist diskret - aber nur ein bisschen. Wer zum Beispiel "der Feinkost-König" ist, weiß man spätestens, wenn man erfährt, dass der auch mal Hoflieferant gewesen ist. Käfer kann es nicht sein, bleibt noch Dallmayr. Dort war Grosse 13 Jahre lang unter anderem für die Austern- und Champagnerbar in der Markthalle zuständig. Da begegnet man allerhand Menschen, die viel Geld haben und sich gelegentlich auch langweilen. Da gab es etwa den französischen Autohändler für italienische Edelkarossen zwischen Ferrari und Lamborghini, der eine Vorliebe für gebratene Hühnerbürzel und reiche Strohwitwen hegte und beiden Leidenschaften energisch nachging, wobei die Austernbar und das warme Buffet in einem Fall Ort der Erfüllung, im anderen Ausgangspunkt der Affärenanbahnung waren. Und es gab - wir befinden uns im München der Neunzigerjahre - die vor Geld geradezu stinkenden Finanzjongleure, die sich am Tresen zum Scherz von ihren vierjährigen Schratzen löffelweise mit Kaviar füttern ließen, dazu Schampus in sich hineinliterten und nie mit einer Zeche unter tausend Mark das Lokal verließen. "Die Münchner Society war zu dieser Zeit unfassbar erfolgshungrig und tendenziell emotional verwahrlost", schreibt Grosse trocken und zutreffend.

Hübsche Geschichten gibt das allemal her. Etwa die von einer Frau, die München "in den gastronomischen Olymp katapultieren" wollte. "Die Dame gehörte zu den Erben eines Lebensmittelkonzerns", so Grosse, und sie ließ sich von ihm nicht nur bei der Einrichtung ihres Sternerestaurants im Umfeld der Maximilianstraße beraten. Was Grosse nicht schreibt: Es handelt sich um Bärbel Jacobs, Erbin der Hamburger Kaffeedynastie, die eben mal schnell das Restaurant Marstall aufmachte, das bald zwei Sterne im Michelin bekommen sollte und wo sich der heutige Drei-Sterne-Koch Christian Jürgens als Küchenchef seine ersten Sporen (beziehungsweise seinen ersten Stern) verdiente. Aber damit nicht genug. Im Schlossrondell von Nymphenburg ließ sie sich von Grosse ein geheimes Privatrestaurant vom Allerfeinsten für die Upper Class einrichten; das Standardmenü kostete 3000 Mark ... Das ging solange, bis die Dame die Lust an diesem Gourmetspielzeug verlor und Grosse aus heiterem Himmel seine Papiere bekam.

Geschichten dieser Art findet man eine ganze Menge in Grosses Memoir, und man fühlt sich direkt hineinversetzt in die Kir-Royal-Welt von Helmut Dietl. Unwillkürlich fragt man sich gar: Was war eigentlich zuerst da? Klar: die Fernsehserie. Aber viele der Charaktere hätten auch als Vorlage für sie dienen können. Und manches liest sich, als hätten sich die Protagonisten Kir Royal zum Vorbild genommen und gaben sich dann ein paar Jahre später alle Mühe, es im wirklichen Leben nachzuspielen. Es fehlt nur noch ein Mario Adorf mit seiner Kohle, der sonst in Kleber macht.

Hauptsächlich ist das Buch freilich eine Huldigung an den Genuss, auch wenn Grosse die dunklen Seiten nicht auslässt und von der Insolvenz des Hotels berichtet, bevor er es aus der Konkursmasse erwerben und zu neuem Erfolg führen konnte. Aber es gibt offenbar noch Wichtigeres. "Entweder habe ich Hunger. Oder ich hab Lust auf mehr", bringt Grosse die Sache auf den Punkt, und: "Was für viele Außenstehende vielleicht nach Übermut und Völlerei aussieht, ist für mich innere Erfüllung." Sehr beeindruckend die Schilderung, wie sein idealer Paris-Aufenthalt aussieht. Man glaubt ihm dann gern, dass er "in meinem Leben bestimmt schon zwei Einfamilienhäuser verfressen" hat. Aber wie sagt es Stefan Grosse selbst so treffend: "Der Genuss ist es, der uns glücklich macht, nicht der Besitz."

© SZ vom 08.06.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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