Süddeutsche Zeitung

Karl Valentins "Buchbinder Wanninger" im Deutschen Theater:Valentin mit Vagabund

Lesezeit: 3 min

Tim Wilhelm ist Sänger der "Münchener Freiheit", jetzt ist er in der kleinen musikalischen Valentiniade "Buchbinder Wanninger" im Silbersaal des Deutschen Theaters zu sehen. Wie kommt's?

Von Barbara Hordych

Nach dem "Brandner Kaspar" kommt am 6. März ein weiterer Klassiker bayerischen Kulturguts im musikalischen Gewand aus der Bierwirtschaft des Füssener Festspielhauses in den Silbersaal des Deutschen Theaters - der "Buchbinder Wanninger". Fred Dörfler verkörpert die Titelfigur aus Karl Valentins berühmtem Sketch, in dem ein Buchbinder sich die Finger wund wählt bei seinen immer verzweifelteren Versuchen, in einer Baufirma einen Ansprechpartner ausfindig zu machen, um die fertigen Bücher und die Rechnung loszuwerden. Allein das ist ein Besetzungscoup, gilt der Münchner doch selbst als Valentin-Spezialist, der mit Texten des hintersinnigen Wortakrobaten in dem Soloprogramm "Klagelied einer Wirtshaussemmel" unterwegs ist.

Trotzdem sollte man keine Eins-zu-Eins-Wiedergabe der originalen Texte und Lieder ("An Bord" und das "Chinesische Couplet" sind auch dabei) erwarten, vielmehr muss man sich die zweite Eigenproduktion des Deutschen Theaters mit dem Festspielhaus Füssen als eine Art Nummernrevue vorstellen, in der die Valentiniaden in eine schräge Rahmenhandlung eingebettet sind: Inspiriert von Valentins prägender Rolle im frühen Münchner Kino hat das Autoren-Duo Karl-Heinz Hummel und Christian Auer in seiner musikalischen Hommage die Baufirma des Originals zur Filmfirma Meisel und Company umgestaltet, die im München des Jahres 1930 kurz vor dem Ruin steht. Die letzte Hoffnung ist der Musikfilm "Mit 8 Takten um die Welt", bei den gerade laufenden Dreharbeiten stört ein Buchbinder, der partout seine Bücher mitsamt Rechnung abliefern will, natürlich erheblich.

Und hier kommt neben Dörfler und Tanja Maria Froidl (die Boandlkramerin aus der Vorgänger-Produktion "Brandner Kaspar") und Henriette Schreiner als Sekretärinnen Tim Wilhelm als bairisch sprechender Schlagersänger Alberich von Hin und Weg ins Spiel. Was hat den Frontmann der Münchener Freiheit, ab Mai wieder als titelgebender Graf in der Ralph-Siegel-Großproduktion "Zeppelin" im Festspielhaus Füssen auf der Bühne, dazu bewegt, in diesem vergleichbar kleinen musikalischen Format mitzuwirken?

"Mittlerweile hat sich ja herumgesprochen, dass ich als Vagabund mit Hund bei meinen Engagements im Füssener Festspielhaus direkt gegenüber vom Haupteingang am Forggensee kampiere", sagt Tim Wilhelm am Telefon. Und entschuldigt sich sofort für das merkwürdige Gluckern im Hintergrund. "Ich transportiere gerade einen 40 Liter-Wasser-Kanister zu meinem Hänger, um die Dusche neu aufzufüllen", sagt Wilhelm und lacht. "Jedenfalls kam im vergangenen Sommer der Theaterleiter und Regisseur Benjamin Sahler gerne zum Plaudern vorbei, wenn ich vor meinem Wohnwagen am Seeufer saß, der hat sich zu einem Treffpunkt entwickelt, den er scherzhaft meinen ,open place' nennt", sagt Wilhelm.

Wobei sein Wohnmobil mitsamt Hund Seppi derzeit nicht am Seeufer, sondern etwas zurückgezogener auf einem Campingplatz zwischen München und Füssen geparkt ist. "Das hängt mit den Vorbereitungen zur ,Zauberflöte' zusammen, in der ich ab Mai den Papageno singe; während der Probenphase brauche ich doch etwas mehr Ruhe", verrät der freiheitsliebende Sänger.

Jedenfalls habe Sahler die Idee an ihn herangetragen, den Valentin-Sketch als musikalische Nummernrevue mit modernen Einsprengseln zu inszenieren. Und ihn mit der Aussicht auf ein kleines, charmantes Projekt geködert. "Ich liebe das Miteinander in solchen Produktionen, das gegenseitige Vertrauen, die schnellen Umzüge, das kreative Lösen von Herausforderungen", sagt Wilhelm. Und die witzigen Songs, angefangen von "Ein Bayer im Himalaya", über "Ob die Erde rund ist wie ein Fußball" bis zu "Der Föhn ist schuld" hätten es ihm ohnehin angetan, "sie haben Ohrwurmqualitäten", schwärmt der Sänger.

Aber braucht es eine solche Version überhaupt? "Ich antworte mal mit einem Motto, das für mich als Vagabund, aber auch für viele Menschen heute gilt: In der Welt zu Hause, in Bayern daheim", sagt Wilhelm. "Gerade weil wir heute global unterwegs sind, ist es wichtig, an seine Wurzeln zu denken. Und das Verrückte an Valentin ist ja, dass seine Sketche so aktuell sind, weil sie seiner Zeit so voraus waren: Dieses Wanninger-Syndrom ist heute vielleicht sogar noch existenzieller als früher - das weiß jeder, der bei Firmen in der telefonischen Warteschleife landet oder sich privat von Anrufbeantworter zu Anrufbeantworter hangelt", sagt Wilhelm.

Für die Ausstattung der Inszenierung hat er eifrig in seinem eigenen Fundus gestöbert - "den horte ich allerdings nicht in meinem Wohnwagen, sondern in einem Studio", erklärt Wilhelm. Beispiele? "Als es hieß, wir bräuchten einen Meerjungfrauenschwanz, konnte ich tatsächlich einen beisteuern. Ich hatte vor einiger Zeit einen gekauft, als wir mit der Münchener Freiheit das Video zu "Meergefühl" drehten", sagt Wilhelm. Auch einen Grammophontrichter hatte er in petto, der war vor einigen Jahren im Familienstück "Lebkuchenmann" in der Komödie im Bayerischen Hof zum Einsatz gekommen.

Für einen kurzen Moment klingt Wilhelm wehmütig, wenn er sich an die Zeiten von Margit Bönisch, der verstorbenen Prinzipalin der Komödie erinnert. "Die Weihnachtsstücke waren ihr ein Herzensanliegen, eine Tradition, die mit ihrem Tod leider beendet wurde", sagt Wilhelm. Aber schon klingt er wieder munter, denn er muss an die Begebenheit mit den großen Filmrollen für die Ausstattung der "Filmfirma Meisel & Company" denken. "Als unser Regisseur den Auftrag gab, Filmrollen zu besorgen, wurden ihm doch tatsächlich diese kleinen Agfa-Filmrollen, die man in Fotoapparate einlegt, gebracht", sagt Wilhelm fröhlich lachend. Den jungen Leuten könne man daraus keinen Vorwurf machen, betont Wilhelm, "das ist eine Generation, die diese riesigen Dinger von früher einfach nicht mehr kennt". Nur gut, dass auch diese sich in seinem reichhaltigen Fundus stapelten. Vermutlich hätte Valentin an diesem Missverständnis Gefallen gefunden.

Buchbinder Wanninger, Mittwoch, 6. bis Sonntag, 10. März, Deutsches Theater, Silbersaal , Schwanthalerstraße 13

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