Buch zum 250. Todestag François de Cuvilliés - ein illegitimer Sohn des bayerischen Kurfürsten Max Emanuel?

Je mehr man über die stupende, stets auch beziehungsreiche und mit ikonografischen Verweisen gespickte Kunst dieses Mannes liest, desto mehr möchte man über ihn selbst wissen. So wäre das Buch noch interessanter, enthielte es eine systematische, die wichtigsten Lebenslinien nachzeichnende Biografie des Meisters. Da diese fehlt, muss sich der Leser den Lebenslauf Cuvilliés' gewissermaßen zusammenklauben - was angesichts der Fülle an Informationen allerdings auch ganz gut gelingt. Von besonderem Wert ist dabei der Aufsatz von Hermann Neumann von der Bauabteilung der Bayerischen Schlösserverwaltung. Da gibt es nämlich zwei Rätsel, die Neumann gerne lösen würde.

Das eine betrifft seine Herkunft, genauer gesagt, die Frage: Wer ist sein Vater? Cuvilliés kam im Oktober 1695 in der Kleinstadt Soignies im Hennegau im heutigen Belgien auf die Welt. Vater war offiziell der Leineweber Nicolas Cuvelier. Doch bis heute kursiert die Vermutung, der kleinwüchsige François sei ein illegitimer Sohn des bayerischen Kurfürsten Max Emanuel gewesen, der ja viele Sprösslinge aus amourösen Extratouren hatte.

Prunkvolle Kulisse für kurfürstliche Feste und Kunst: Die von Cuvilliés gestaltete Grüne Galerie, die zum Komplex der Reichen Zimmer in der Residenz gehört.

(Foto: Catherina Hess)

Für die These spricht, dass Cuvilliés, der 1706 in Mons als Hofzwerg in die Dienste des im Exil weilenden Kurfürsten getreten war, nach der Rückkehr Max Emanuels ins heimische München eine vierjährige Ausbildung in Paris genießen durfte und in erstaunlich kurzer Zeit zum Hofbaumeister avancierte. Anders gesagt: Der Kurfürst hielt in väterlicher Weise seine Hand über ihn. Aber genügt das, um die Vaterschaft zu beweisen? Wohl kaum. Das sieht auch Neumann so, weshalb man sagen muss: Cuvilliés war ein Wittelsbacher oder auch nicht.

Leider ist auch kein Porträt des Rokokomeisters überliefert, zumindest keines, das über jeden Zweifel erhaben wäre. Neumann hat das nicht ruhen lassen, er hat sich auf Bildersuche begeben, etwa im Cuvilliés-Theater, in der Amalienburg oder in der Schlosskapelle Sünching. Und ja, in den dortigen Bildwerken könnten Cuvilliés-Porträts versteckt sein. Dafür sprechen etwa gewisse physiognomische Eigenheiten sowie Symbole, die auf seinen ersten Job als Hofzwerg hinweisen. Das alles sind wiederum Indizien, aber keine unumstößlichen Beweise.

So muss Neumann ernüchtert bekennen: "Weder ein archivalischer Beleg für die Vaterschaft des bayerischen Kurfürsten Max Emanuel bei François des Cuvilliés dem Älteren noch ein signiertes oder eindeutig zuschreibbares Porträt des Architekten können als Abschluss dieser Untersuchung vorgewiesen werden."

Als Max Emanuel, der nach der Niederlage gegen die kaiserlichen und englischen Truppen 1704 bei Hochstädt geflüchtet war, elf Jahre später wieder nach München zurückkehrte, hatte er eine illustre Schar meist französischer Künstler im Schlepptau, darunter auch Cuvilliés. Diese erhielten, wie Gabriele Dischinger in ihrem Aufsatz schreibt, Logis in einem verwaisten Trakt der Herzog Maxischen Residenz, also in der Maxburg, der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Nebenresidenz der Wittelsbacher. Cuvilliés, nach seinen Pariser Studienjahren zum Hofbaumeister ernannt, kam 1728 in den Genuss einer kostenlosen Dienstwohnung in der Maxburg. Vorangegangen war ein Avancement: Kurfürst Karl Albrecht, Sohn und Nachfolger des 1726 gestorbenen Max Emanuel, hatte Cuvilliés mit dem bis dato ranghöheren Hofbaumeister Joseph Effner gleichgestellt. Auch privat tat sich was: Im November 1730 heiratete Cuvilliés die Kaufmannstochter Maria Barbara Blomaerts.

Die Arbeits- und Atelierräume in der Maxburg bildeten in diesen Jahren eine Art Kreativwerkstatt, in der Künstler wie der Metallbildhauer Guillielmus de Grof, der Gartenarchitekt Dominique Girard, der Tapissier François Drouyn, der Ornamentschnitzer Wenzeslaus Miroffsky und eben auch Cuvilliés Hand in Hand arbeiteten. 1742 musste Cuvilliés seine Dienstwohnung räumen, er zog mit seiner Familie - das Paar hatte neun Kinder - in die Fürstenfeldergasse. Dort starb seine Frau 1753 im Kindbett. Nach einem zweiten Parisaufenthalt heiratete Cuvilliés 1758 die vermögende Landshuterin Charlotte von Freinhueber auf Dornwang, mit der er eine Wohnung in der Burggasse bezog.

Jeanne Philippine du Ry, die Tochter eines Kollegen, hat den rätselhaften Mann in einem Brief von 1749 so charakterisiert: "Herr Cuvilliés ist (. . .) sehr klein, aber gut gebaut; weder schön noch hässlich, aber sehr mager, und er sieht krank aus. Er redet nicht viel, aber was er sagt, ist gut gesprochen. Sein Wissen kann ich nicht beurteilen, aber es scheint mir nicht, als ob er prahle. Ich finde sein Wesen sehr sanft und gesetzt, die maßvolle Art seines Auftretens könnte an seinem Alter liegen."

Albrecht Vorherr (Hg): François de Cuvilliés. Rokoko-Designer am Münchner Hof. Allitera Verlag, 242 Seiten, 29,90 Euro. Zum 250. Todestag Cuvilliés veranstaltet die Akademie der Schönen Künste (Max-Joseph-Platz 3) am Donnerstag, 12. April, 19 Uhr, einen Abend mit Musik, Vorträgen und einem Podiumsgespräch.

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