Buch über das Münchner Viertel "Maxvorstadt klingt total unsexy"

Autor Martin Arz darüber, wo die Maxvorstadt am schönsten ist, warum sie ständig mit Schwabing verwechselt wird und wie Hitler das Viertel vereinnahmte.

Interview: Lisa Sonnabend

sueddeutsche.de: Ihr Buch über die Maxvorstadt trägt den Namen "Die unbekannte Schöne". Warum unbekannt?

"Selbst Maxvorstädter denken oft, sie wären Schwabinger": Autor Martin Arz

(Foto: Foto: oh)

Martin Arz: Die Maxvorstadt kennt fast jeder. Kaum jemand nimmt sie allerdings als eigenständiges Viertel wahr, weil die Leute immer denken, es ist Schwabing oder vielleicht sogar Neuhausen. Nur den wenigsten Münchnern ist so richtig bewusst, dass dieses riesengroße Viertel mit Uni, Pinakotheken, Museen, Akademie und Brauereien ein eigenes Viertel voller Geschichte und Geschichten ist.

sueddeutsche.de: Warum ist das so?

Arz: Das liegt daran, dass der Schwabing-Mythos in der Maxvorstadt geboren wurde - rings um die Türkenstraße. Die Literaten, Künstler und Musiker, die den Schwabing-Mythos mitkreiert haben, sprachen immer von Schwabing, auch in ihren Briefen und Biographien. Daher kommt, dass die Maxvorstadt nicht existent ist und als Schwabing wahrgenommen wurde und wird. Maxvorstadt klingt ja total unsexy. Schwabing war anfangs ja ein Dorf vor den Toren Münchens. Als Schwabing eingemeindet wurde, ist es mit der Maxvorstadt zusammengewachsen und die Grenzen wurden fließend. Frank Wedekind, Franziska zu Reventlow und andere Ur-Schwabinger mussten pausenlos umziehen in der Maxvorstadt und in Schwabing, weil sie sich ihre Wohnungen nicht mehr leisten konnten. Sie haben einfach keinen großen Unterschied zwischen den beiden Vierteln gemacht. Warum auch?

sueddeutsche.de: Gibt es dann keine Maxvorstädter Identität?

Arz: Selbst Maxvorstädter denken oft, sie wären Schwabinger. Doch mittlerweile beginnt es. Bekannte von mir sagen inzwischen stolz: 'Wir sind Maxvorstäder, keine Schwabinger.' Es gibt hier eine gute Mischung aus Neuhinzugezogenen und Alteingesessenen. Auf den Straßen grüßt man sich, man kennt sich. Maxvorstädter haben 'ihren' Kiosk, 'ihren' Laden. Sie entwickeln eine Art Heimatgefühl.

sueddeutsche.de: Die Maxvorstadt hat auch sehr düstere Seiten. Hitler hat hier das Zentrum der NSDAP errichtet...

Arz: Hitler hat sich ja ursprünglich als Künstler gesehen, wollte an die Akademie und hat in der Schleißheimer Straße gewohnt. Er wollte teilhaben an dem Bohème-Leben, merkte aber bald, dass er nicht dazu gehört. Später wurde er dann gefördert von dem Verleger-Ehepaar Bruckmann am Karolinenplatz. Im Fotostudio Hoffmann in der Schellingstraße hat er im Jahr 1929 Eva Braun kennen gelernt, die dort als Assistentin arbeitete. Hoffmann selbst wurde Hitlers Leibfotograf. Und auch die pompöse Architektur des Königsplatzes faszinierte Hitler. Er nutzte den Platz für seine Aufmärsche und Paraden, dafür hatte er Platten auf die Rasenflächen legen lassen. Rings um den Karolinenplatz standen viele Palais und Wohnhäuser von reichen Bürgern, die heute nur zum Teil erhalten geblieben sind. Die Maxvorstadt war ein repräsentatives und nobles Viertel, zu dem Hitler dazu gehören wollte. Hitler griff auch in das Straßenbild des Viertels ein und ließ historische Klenze-Bauten abreißen, um eine schnelle Zufahrtsstraße vom Flughafen Riem in sein Viertel hinein zu haben er eine schnelle Zufahrtsstraße vom Flughafen Riem in sein Viertel hinein zu haben, die heutige Von-der-Tann-Straße.

sueddeutsche.de: Wird heute ausreichend an die braune Vergangenheit des Viertels erinnert?

Arz: Das Viertel bemüht sich. An der Musikhochschule, wo die Ehrentempel standen, in denen Hitlers Getreue aufgebahrt wurden, sind heute Freiflächen. Das finde ich sehr gut. Das Gebiet wird bewusst dem Wildwuchs überlassen. Und auch dass bald ein NS-Dokumentationszentrum entstehen soll, ist richtig. Ich hoffe es kommt bald, es wird ja immer weiter hinausgeschoben.

sueddeutsche.de: Sie selbst leben in der Isarvorstadt. Was gefällt Ihnen an der Maxvorstadt?

Arz: Wenn ich in die Maxvorstadt komme, ist das für mich jedes Mal ein Flashback. Ich hab in München studiert und somit viel Zeit in der Maxvorstadt verbracht, war viel im Viertel unterwegs - auch wenn ich nie in der Maxvorstadt gewohnt habe. Auch heute finde ich, dass die Maxvorstadt Charme hat. Besonders die Straßen, die alten Häuser und die vielen kleinen Läden in Richtung Augustenstraße und Stiglmaierplatz gefallen mir sehr. Hier ist es ähnlich wie in der Isarvorstadt. Und auch die Türkenstraße - was da alles los ist! Diese Straßen machen für mich den Charakter des Viertels aus.

Martin Arz, geboren 1963 in Würzburg, lebt seit 1983 in München. Er arbeitet als Autor. Von ihm ist bereits das Buch "Die Isarvorstadt - Gärtnerplatz-, Glockenbach- und Schlachthofviertel" erschienen, weitere Stadtteilporträts sollen folgen. Die Maxvorstadt - Die unbekannte Schöne von Martin Arz und Ulrich Schall ist im November 2008 im Hirschkäfer Verlag erschienen. Es kostet 28 Euro.

"Maxvorstadt klingt total unsexy"

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