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Buchtipp:Wunden einer Familie

In "Briefe nach Breslau" erzählt Maya Lasker-Wallfisch ihre persönliche Geschichte über drei Generationen. In Briefform richtet sie sich direkt an die unbekannten Großeltern aus Polen, die 1942 von den Nazis im Lager Izbica umgebracht wurden.

Von Antje Weber

Dass alles Deutsche schlecht sei, lernte Maya Lasker-Wallfisch schon früh. Doch warum eigentlich? Ihre Mutter Anita, die als junge Cellistin während des Holocaust die KZ Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt hatte, erzählte den Kindern nichts davon. "Ich verstand nicht, was los war, und so wuchs ich in einem Zustand permanenter Verwirrung auf", schreibt Maya Lasker-Wallfisch. "In meinem Leben fühlte sich nichts sicher an, ohne dass ich je verstanden hätte, warum." Ihr Buch "Briefe nach Breslau" allerdings zeigt, dass sie inzwischen sehr viel verstanden hat - auf denkbar mühsame Weise, wie ihre "Geschichte über drei Generationen" deutlich macht. Die 1958 in London geborene Psychotherapeutin schreibt darin Briefe an die unbekannten Großeltern aus Breslau, die 1942 von den Nazis ins Lager Izbica abtransportiert und umgebracht wurden; sie zeichnet auch den Weg ihrer Mutter und deren Schwester durch Gefängnisse und Lager nach. Verzahnt hat sie diese erschütternden Briefe mit ihrer eigenen zeitweilig dramatisch düsteren Biografie, geprägt von Drogen und Abstürzen: "Ich wurde zur Wunde der Familie, die nichterklärte Vergangenheit steckte in mir", weiß Maya Lasker-Wallfisch heute aufgrund neuer Forschungen zur Epigenetik. Bei einem Gespräch im Literaturhaus wird es nun um Fragen wie diese gehen: Kann sich diese Wunde schließen, lassen sich solch ererbte Traumata heilen.

Maya Lasker-Wallfisch: Briefe nach Breslau (Insel Verlag, 255 S., 24 Euro); Gespräch mit Sabine Bode im Literaturhaus, Salvatorplatz: Di., 7. Juli, 20 Uhr; Saal-Tickets bereits ausverkauft; Stream-Tickets buchbar über www.literaturhaus-muenchen.de

© SZ vom 02.07.2020

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