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Umstrittene Kunst:Bezirksausschuss will, dass der Teppich bleibt

Der Gobelin war Auftakt eines zwölfteiligen Zyklus', 1934 von der Stadt in Auftrag gegeben zur Ausschmückung des großen Saals im renovierten Alten Münchner Rathaus. Die Teppichserie, die Weberinnen der "Münchener Gobelin-Manufaktur" nach Goldschmitts Entwürfen fertigen, sollte einen Bogen spannen von der Gründung Münchens bis zur "Hauptstadt der Bewegung".

Im Münchner Ratssaal hing das finstere Werk nur von 1938 bis 1942, dann wurde es wegen der Luftangriffe im Stadtmuseum eingelagert. Er ist der einzige von insgesamt vier fertiggestellten Teppichen der Serie, der erhalten blieb. Wie er seinen Weg ausgerechnet ins Pasinger Rathaus fand, das in der NS-Zeit eingeweiht wurde, ist nicht zu erfahren. Womöglich hat ihn Münchens Oberbürgermeister Thomas Wimmer als Gastgeschenk mitgebracht, als 1952 die Wiederinstandsetzung des im Krieg schwer zerstörten Pasinger Rathauses gefeiert wurde.

Jene, die den Gobelin häufig vor Augen beziehungsweise im Rücken haben, die Mitglieder des Bezirksausschusses, reagierten teils amüsiert auf Scholz' Thesen von den ideologischen Webfehlern. Im September vergangenen Jahres stimmten sie dafür, dass der Teppich bleibt, jedoch mit einer Hinweistafel versehen wird, welche die geschichtlichen Zusammenhänge erklärt.

Auch der Ältestenrat der Stadt, der in solchen Fragen das letzte Wort hat, will diesen Weg nun gehen. Wie der Text lauten wird, hat Freimut Scholz im November aus einem Brief von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) persönlich erfahren. "Die Bildfindungen konfrontieren den Betrachter mit den damals gängigen monumentalen, heroischen und völkischen Darstellungsformen", liest sich in dem Schreiben unter anderem.

"Zumutung für alle, die das verbrecherische Deutsche Reich durchlebt haben"

Freimut Scholz steht mit seinem dicken Akt Korrespondenz etwas verloren im Pasinger Sitzungssaal und blickt auf den Gobelin. Er ist enttäuscht. Der Kommentar der Ältesten erscheint ihm unzulänglich, zumal auf die ideologischen Verstrickungen Goldschmitts mit dem NS-Regime nicht eingegangen werde. Er hatte sein Anliegen bei allen möglichen städtischen Stellen und Persönlichkeiten vorgebracht.

Unter anderem bei Winfried Nerdinger, den Gründungsdirektor des NS-Dokuzentrums, der ihm beipflichtet: "Aus meiner Sicht ist eine derartige Dekoration völlig unpassend im Sitzungssaal einer demokratischen Einrichtung." Künstlerin Blanka Wilchfort, selbst aus einer Familie von NS-Verfolgten, spricht von einer "Zumutung für alle, die das verbrecherische Deutsche Reich durchlebt haben, und für deren Nachkommen".

Freimut Scholz hofft nun, dass der Ältestenrat seine Entscheidung noch einmal überdenkt oder zumindest den Text auf der Hinweistafel ergänzt. Doch seitens der Stadt sind die Signale eindeutig: Man werde sich nicht noch einmal mit der Angelegenheit befassen.