Erdfarben in einem satten Rotbraun, das sei für ihn der Bratschenklang. Der Komponist Nikolaus Brass hat in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste bei einem Werkstattgespräch am Vorabend der Uraufführung seines Violakonzertes so dessen Klangwelt beschrieben. Angeregt wurde Brass während der Arbeit an diesem Konzert im Auftrag der musica viva durch einen Prosatext des Frankoschweizer Dichters Philippe Jacottet: "In der Farbe von Erde". Brass ist in seiner Assoziation nicht allein, schon für György Ligeti hatte die Bratsche "durch die tiefe C-Saite eine eigenartige Herbheit, kompakt, etwas heiser, mit dem Rauchgeschmack von Holz, Erde und Gerbsäure".
Niemand sonst als die große Tabea Zimmermann, derzeit Residenzkünstlerin beim BR-Symphonieorchester, kann diesen Klangcharakter der Bratsche in allen Facetten so bezwingend verwirklichen wie unverwechselbar darstellen. Das zarte Solo am Beginn klang bei ihr, als streiche der Wind über die Saiten, ein Schweben in Flagolets, Sul-ponticello- und Flautando-Techniken. Tabea Zimmermann gestaltete das Stück zusammen mit dem BR-Symphonieorchester unter der kundigen, doch auch pauschalisierenden Leitung von Vimbayi Kaziboni gleichsam als Wanderung durch eine dunkle, herbe, melancholische, von Vierteltönen durchwirkte Klanglandschaft, die wilde Fortissimo-Aufbrüche kennt und die Bratschenwanderin zu verschlingen droht. Doch die Höhepunkte sind die versonnenen Lichtungen der Solobratsche, in denen die Solistin höchste Spannung beschwor. Dass Tabea Zimmermann, der Komponist, der Dirigent und das Ensemble aus 44 Streichern und zwei Schlagzeugern nach der Uraufführung heftig gefeiert wurden, versteht sich von selbst.
Zuvor gab es Giacinto Scelsis "Quattro pezzi su una nota sola", vier Studien, die sich jeweils über eine Tonhöhe in Mikroveränderungen klangfarblich ausbreiten und wieder zurücksinken. Zum Schluss wirkte Hans Thomallas "the Brent geese fly in long low wavering lines" in seinen von rhythmisch variablen Mustern unterwebten Klangbewegungen nachgerade gefällig und offen virtuos. Großer Beifall.