Wild ging es schon auf dem Weg zur Isarphilharmonie zu. Kinder und Eltern lieferten sich an der U-Bahnstation Brudermühlstraße ein Wettrennen, wer schneller an der Oberfläche ist - die Kids über die Treppe oder die Erwachsenen auf der Rolltreppe. Die Kinder haben gewonnen, und zwar auf ganzer Linie an diesem Samstagnachmittag. Da standen nicht Spielplatz oder Schwimmhalle auf dem Programm, sondern das Familienkonzert des BRSO, ein Arrangement zu Auszügen der Symphonie Nr. 3 von Albert Roussel rund um die Geschichte „Freddy und die wilden Wölfe“ aus der Feder von BR-Autorin Katharina Neuschaefer.
Aufgeregtes Gewusel auch im Foyer der Isarphilharmonie. Mütter und Väter trinken auf der Empore noch einen Cappuccino, Großeltern halten die gezückte Handykamera parat. Jungs und Mädchen zwischen schätzungsweise drei und zehn Jahren zupfen an der Harfe, halten ehrfürchtig einen Geigenbogen in der Hand, versuchen Töne aus der Klarinette zu locken. Die Musikerinnen und Musiker des BRSO, auch das ist gute Tradition, erklären ihren jungen Gästen vor dem Familienkonzert die Instrumente - inklusive ausprobieren. Wann kommen Kinder klassischer Musik schon mal so nah?

In diesem Jahr haben erstmals auch Kinder die Möglichkeit, das Konzert zu besuchen, obwohl ihre Eltern zu wenig verdienen, um sich eine solche Freizeitaktivität leisten zu können. 150 Freitickets wurden mithilfe des Münchner Sozialreferats an sie verteilt. Damit führt das BRSO die Kooperation mit dem Spendenhilfswerk der Leserinnen und Leser der Süddeutschen Zeitung, SZ Gute Werke, auch in diesem Jahr fort. Zuletzt spielten die Musikerinnen und Musiker unter der Leitung von Sir Simon Rattle im November das alljährliche Benefizkonzert zugunsten von SZ Gute Werke.
Der Gong schlägt zwei Mal - jetzt aber schnell auf die Plätze. Aufgeregte Stille im Konzertsaal. Schnell noch die Schuhe ausziehen und ein Plätzchen auf Mamas oder Papas Schoß suchen - dann geht es endlich los. Das Orchester kommt auf die Bühne, der Applaus tost. Klatschen können Kinder. Das freut auch die Musikerinnen und Musiker, denen ihr Auftritt sichtbar Freude bereitet. So lässig sieht man sie vor üblichen Klassikkonzerten nicht, hier wird nun fröhlich ins Publikum gewinkt, weil vielleicht die eigene Tochter oder der eigene Sohn in den Reihen sitzt. Herrlich.
Doch nicht nur für viele Kinder ist der Besuch eines Konzertes mit klassischer Musik eine Premiere, sondern auch für Mona Vojacek Koper. Sie trat als Sprecherin die Nachfolge von Rufus Beck an, der in den vergangenen Jahren mit dem BRSO beim Familienkonzert auf der Bühne brillierte. Die 32-jährige Schauspielerin kennt man aus Fernsehserien wie „Die Rosenheimcops“ oder „Der Bergdoktor“, in „Die Tribute von Panem“ hatte sie eine Nebenrolle. Aktuell spielt sie im Schauspielhaus Bochum im Stück „Don't Worry Be Yoncé“ die Beyoncé.

Ihr kraftvolle Stimme konnte Vojacek Koper auch auf der Bühne der Isarphilharmonie unter Beweis stellen. Das Publikum hat sicher noch nie Wölfe so schön heulen hören - in einer Geschichte, in der es laut Programmheft um Mut, Freundschaft und Selbstvertrauen geht.
Protagonisten darin sind die von Autorin Katharina Neuschaefer gewohnt liebevoll gezeichnete Charaktere mit kleinen, lustig erzählten Macken. So etwa der Leitwolf, dessen Befehlston Sprecherin Vojacek Koper nach Art eines Möchtegern-Bösewichts urkomisch nachkrächzt. Oder die etwas einfältigen Wolfszwillinge, die die ihnen für die Elchjagd zugewiesenen Positionen auf drei und auf sechs Uhr nicht für Himmelsrichtungen, sondern für die Uhrzeit halten. Und nicht zuletzt ist da natürlich das mutige Wolfsbaby, dass sich im schlimmsten Schneesturm auf den Weg macht, um den Elch davor zu warnen, dass sein Rudel ihn zum Abendessen verspeisen möchte. Die Illustrationen mit warmherzigen Kinderbuchstrich dazu lieferte Jörg Mühle.

Natürlich geht die Geschichte gut aus. Der Elch rettet das Wolfsbaby vor dem sicheren Tod im Sturm, die Wolfsmama ist überglücklich, die Wolfszwillinge zu Tränen gerührt. Und der Chef des Rudels, der trotzdem noch einmal auf das Elch-Essen zurückkommt, erhält die klare Ansage aus dem Orchester und dem Publikum: „Halt die Schnauze, Leitwolf.“ Die Kinder finden es wunderbar. Wann darf man schon mal einen solchen Fluch ungestraft loslassen?
Entsprechend groß ist der Applaus am Ende des gut einstündigen und damit zeitlich kindgerechten Konzerts, dessen Musik von Leonhard Huber passend bearbeitet wurde. Am Dirigentenpult stand Sasha Scolnik-Brower, der das Orchester so kraftvoll wie einfühlsam leitete. Kein Wunder, hat er doch einen großen Lehrmeister. Der 29-jährige US-Amerikaner arbeitet gerade während eines Fellowships als Assistent an der Seite von BRSO-Chef Sir Simon Rattle.
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