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Bronzeplastik in der LMU:Doryphoros geht auf Reisen

Schöner fremder Mann: Der "Doryphoros" von Polyklet vom Münchner Bildhauer Georg Römer ist eine der bedeutendsten Statuen der Antike.

(Foto: Robert Haas)
  • Die LMU leiht eine Nachbildung des "Doryphoros", eines Speerträgers des griechischen Bildhauers Polyklet, an das British Museum in London aus.
  • Der Transport wird schwierig: Die Statue aus Bronze wiegt 1,6 Tonnen.
  • Die Münchner Nachbildung gilt als besonders exakt, allerdings wurde sie bei einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg beschädigt.

Von Jakob Wetzel

Er erweckt fast Mitleid, wie er da steht, blind und entwaffnet. Im ersten Stock des Hauptgebäudes der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) steht auf einem steinernen Sockel eine Nachbildung des "Doryphoros", ein Speerträger des griechischen Bildhauers Polyklet. Wirklich beachtet wird sie selten, sie gehört eben zum Inventar. Seit einem Bombenangriff im Jahr 1944 hat sie keine Augen mehr, und auch die Waffe fehlt: Sie ist ein Speerträger ohne Speer. Doch dabei wird die Figur gehörig unterschätzt. Sie ist tatsächlich ein begehrtes Kunstwerk - so begehrt, dass sie jetzt auf Reisen geht.

Von 26. März bis 5. Juli wird der Münchner Speerträger im British Museum in London zu sehen sein, und zwar nicht versteckt zwischen zwei Säulen im ersten Stock des Hauses, sondern im Zentrum der großen Ausstellung "Defining Beauty" über den menschlichen Körper in der griechischen Kunst. Er soll unmittelbar neben einem Original aus dem Athener Parthenon stehen. Und nicht nur das. Kurz nach der Anfrage aus London meldete sich auch noch das Mode-Unternehmen Prada. Am 9. Mai eröffnet dessen Kunststiftung eine Ausstellungshalle in Mailand mit einer Schau über antike Kunst - und Kern der Ausstellung sollte ebenfalls der Münchner Speerträger sein.

Komplizierter Transport

Die LMU hatte die Wahl, den Zuschlag erhielt London. Am Montag wird die Statue verpackt, abgeholt und ins British Museum gebracht. Der Transport ist kompliziert, weil der Speerträger mitsamt seinem Steinsockel verladen werden muss, das Gesamtgewicht beträgt 1,6 Tonnen. Ein Kran werde die Statue deshalb durch ein Fenster auf einen Lastwagen heben, heißt es aus der LMU. Nach London gelangt der Speerträger dann mit dem Zug.

Dass die Münchner Figur so wichtig ist, hat mehrere Gründe. Einmal gilt das Original als eine der bedeutendsten Bronzestatuen der Antike, Polyklet selbst soll sie als Musterbeispiel für gelungene Proportionen bezeichnet haben, es gibt zahllose Kopien aus Stein. Die Münchner Rekonstruktion wiederum gilt als besonders exakt. Der Münchner Bildhauer Georg Römer schuf sie 1921 nach einer Vorlage des Archäologen Paul Wolters. Der hatte die jeweils am besten gearbeiteten und erhaltenen Teile von drei römischen Marmor-Kopien nachgebildet, die in Rom, in Pompeji und in der Villa dei Papiri bei Herculaneum gefunden worden waren. So wollte Wolters dem Original möglichst nahe kommen. Das Verfahren ging auf den Münchner Archäologen Adolf Furtwängler zurück und erregte in der Fachwelt damals Aufsehen.

Der dritte Grund für die Bedeutung des Münchner Speerträgers schließlich ist, dass es weltweit nur drei Nachbildungen der Figur in Bronze gibt. Eine steht in der LMU, eine zweite steht seit 2001 vor dem Akademischen Kunstmuseum der Universität Bonn. Eine dritte wurde bereits 1912 gegossen und befindet sich in Warschau, nach Angaben der Universität ist sie in Privatbesitz. Zum Glück für Prada: Die LMU verwies die Kunststiftung auf den Speerträger in Polen, er wird im Mai in Mailand zu sehen sein.

Statue wurde bei Bombenangriff beschädigt

Dass die Münchner Figur etwas verloren im LMU-Hauptgebäude steht, liegt auch an ihrer Geschichte. Denn ursprünglich war der Speerträger Teil eines Kriegerdenkmals; der von Säulen gestützte Raum im ersten Obergeschoss galt als "Ehrenhalle". Neben der damals bewaffneten Figur waren Registertafeln mit den Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen Mitarbeiter und Studenten der LMU angebracht. In den Sockel der Statue waren zwei griechische Verse von Plutarch eingelassen. In goldenen Buchstaben hieß es dort: "Wir waren einst als Jünglinge voller Heldenkraft" und "Wir aber werden einstens noch viel stärker sein". Das Kriegerdenkmal stand dort, bis das LMU-Hauptgebäude 1944 von Bomben getroffen wurde; dabei verlor der Speerträger unter anderem seine Augen und den Speer. Nach dem Krieg blieb er an seinem Platz, nur ohne Inschriften, ohne Totenlisten und ohne Waffe.

Welches kunsthistorische Kleinod die LMU im ersten Stock ihres Hauptgebäudes stehen hat, ist vielen Münchnern, auch Universitätsmitarbeitern und Studenten, gar nicht bewusst. Immerhin sollte sich das nach der Ausstellung in London ändern: Ein paar Merchandising-Artikel gibt es bereits. In ihrem Uni-Shop an der Leopoldstraße 13 vertreibt die LMU Tragetaschen mit Speerträger-Motiv, außerdem gibt es "Doryphoros"-Schlüsselanhänger und entsprechend bedruckte Getränke-Untersetzer aus Kork.

© SZ vom 19.02.2015/vewo
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