Briten in München Angst vor dem "No Deal"

Ingrid Taylor und Clive Ashbolt vo der Gruppe "British in Bavaria" bereiten sich auf den Brexit vor.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mehr als 100 000 Briten in Deutschland sorgen sich um ihre Zukunft. Wenn der Deal zwischen der EU und Großbritannien scheitert, könnten sie Ende März ihre Bürgerrechte verlieren. Besuch bei einem Briten-Stammtisch in München.

Von Thomas Hummel

Für Andrew Ketley war der 24. Juni 2016 der Tag, der sein Leben veränderte. Er saß in seinem Haus in Manchester und traf zusammen mit seiner Ehefrau eine Entscheidung: Wir wandern aus. Weg aus diesem Land, in dem sich einen Tag zuvor eine dünne Mehrheit der Bevölkerung für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden hatte. "Weil uns klar war, dass es hier bergab gehen wird", sagt der 42-Jährige. Also verkauften die Ketleys ihr Haus, suchten innerhalb der EU neue Arbeitsstellen und zogen um. Sie landeten in München.

In ein anderes Land zu ziehen ist immer ein Abenteuer. Andere Gewohnheiten, eine andere Sprache, und in Deutschland fällt Ende November Schnee. Doch im Fall der Ketleys ist die Ungewissheit noch größer. Denn ihr Heimatland tritt am 29. März aus der EU aus, und welchen rechtlichen Status sie danach in Deutschland haben werden, ist immer noch unklar. Und sie sind damit nicht alleine: Die Ketleys teilen das Schicksal von etwa 1,2 Millionen Briten, die derzeit in einem EU-Land leben, davon etwa 107 000 in Deutschland, 6000 in München. 50 von ihnen haben sich am Montagabend in der Gastwirtschaft Altmünchner Gesellenhaus am Stachus zum Stammtisch "British in Bavaria" getroffen. Es standen helle Biere und dunkle Weißbiere auf den Tischen, dazu Schweinebraten mit Kartoffelknödel und Fleischpflanzerl mit Kartoffelsalat. Kulinarisch sind diese Briten integriert - doch für Debatten über die bayerische und die englische Küche ist die Lage hier zu ernst.

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Denn solange der kürzlich ausgehandelte Deal zwischen der EU und der britischen Regierung nicht von den Parlamenten in Straßburg und London abgesegnet ist, droht das "No Deal"-Szenario, der ungeordnete Austritt Großbritanniens und damit für die Briten in Europa die Gefahr, von einem Tag auf den anderen ihre Aufenthaltsrechte zu verlieren. Ketley sagt, er verlasse sich auf den deutschen Staat und darauf, dass er den Briten hierzulande eine Art Bestandsschutz gewähre. Als zweite Option sehe er für sich die "Blaue Karte", die Bürger aus Nicht-EU-Staaten beantragen, wenn sie hier arbeiten wollen. Er glaubt, als IT-Experte mit fester Arbeitsstelle würde er die Anforderungen erfüllen.

Die Schicksale im Altmünchner Gesellenhaus ähneln sich. Und sind in den Details doch verschieden. Da ist der 75-jährige Rentner Mike Cahill, der vor sechs Jahren wegen seiner Frau nach München kam und nun nicht weiß, ob die Gesundheitskosten weiter von seiner britischen Versicherung bezahlt werden. Falls nicht, müsse er in Deutschland eine private Krankenversicherung abschließen, was in seinem Alter sehr teuer ist.

Die Übersetzerin Kerry Moore hat im vergangenen Jahr ihren Mann geheiratet, der hat den deutschen und den costa-ricanischen Pass. Sie kauften eine Wohnung, sie ist schwanger. "Ich glaub nicht, dass ich rausgeworfen werde", sagt Moore. Die Frau aus Newcastle lacht und macht große Augen, es ist ein kurzer Augenblick typisch englischer Ironie. Einer der wenigen, den Leuten ist eigentlich nicht zum Lachen zumute. Kerry Moore würde gerne tun, was alle hier anstreben: die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Am Montagabend war nicht weit entfernt im Rathaus eine Einbürgerungsfeier, ein paar neue Deutsch-Briten kamen deshalb später zum Stammtisch. Für sie haben sich alle Probleme mit einem Schlag gelöst. Doch den deutschen Pass kann man erst nach acht Jahren Aufenthalt beantragen. Moore kam vor fünf Jahren. Ob ihr die Heirat mit einem Deutschen hilft, weiß sie nicht.

Alle im Altmünchner Gesellenhaus hadern mit dem Brexit. Angesichts der aufgeheizten Stimmung in London rechnen viele damit, dass das Parlament den Deal von Premierministerin Theresa May ablehnt. Doch selbst wenn er durchkommt, wird er den Briten in der EU einige Freiheiten nehmen. So dürfte es für sie künftig schwierig werden, in ein anderes EU-Land umzuziehen. Der Erhalt der Bürgerrechte dürfte nur dort gelten, wo ein Brite derzeit lebt.

"Wir leben hier nicht in einem Klima der Feindseligkeit"

Immerhin bleibt ihnen erspart, was die mehr als drei Millionen EU-Bürger in Großbritannien seit dem Brexit-Referendum erfahren: teilweise offene Aggressionen und Probleme mit den Behörden. "Wir leben hier nicht in einem Klima der Feindseligkeit", sagt Ingrid Taylor, Sprecherin von "British in Bavaria". Im Gegenteil bemühten sich die Behörden zu helfen. Jeder Antrag, der vor dem 29. März gestellt und bearbeitet wird, kann im Einzelfall entscheidend sein. "Was wir erfahren von den Beamten, aber auch von unseren deutschen Bekannten, ist Mitleid", sagt Taylor.

Durch den Brexit lernen die Briten jetzt Wörter, die selbst Deutschen schwer über die Lippen kommen: Kreisverwaltungsreferat, Daueraufenthaltsbescheinigung, Übergangsregelungen, Aufenthaltserlaubnis, Krankenkassenbeitrag und so weiter. Kommt der aktuelle Deal durch die Parlamente, ist das Gröbste erst einmal überstanden. Soweit sie das im Gesellenhaus verstanden haben, bliebe dann für die Übergangszeit bis Ende 2020 alles beim Alten. Falls diese sogar bis 2022 verlängert würde, dürften praktisch alle ausreichend lange da sein, um die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen zu können.

Es gibt nur ein Szenario, das ihnen hier lieber ist. Es ist jenes, das zuletzt Premierministerin May angedeutet hat: Falls der Deal mit der EU scheitert, könnte es auch gar keinen Brexit geben. Als ein Redner davon erzählt, geht zum einzigen Mal an diesem Abend ein Raunen durch den Saal. Der Verbleib ihres Landes in der EU ist für alle Briten hier eine Art Heilsversprechen. Das Ende ihrer Zukunftsängste.

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