Konzertante Aufführungen von Opern haben unter Simon Rattle neues Gewicht gewonnen beim BR-Symphonieorchester. Alban Bergs „Wozzeck“ eignet sich dafür besonders gut: Zum einen ist die Musik schon in sich theatral, zum anderen lässt sich ohne Szene leichter ihrem komplexen Formbau folgen. Rattle durchleuchtet ihn in der Isarphilharmonie formbewusst, die großbesetzten BR-Symphoniker bieten die gesamte raffinierte Klangpalette der Partitur auf.
Nach trockener Analyse klingt es nie, weil Rattle dem Süffigen ebenso Raum bietet, was in der heiklen Akustik freilich auf Kosten der Sängerstimmen geht. Christian Gerhaher kann sich als Wozzeck in der Mittellage mehrfach nicht durchsetzen, bleibt ansonsten der in langen Jahren entwickelten Rollenanlage treu, als nervöser, in sich gefangener Antiheld, der eine verworrene Welt mehr begutachtet, als sie zu erleiden. Marie ist mit dem schlanken, jugendlich wirkenden Sopran von Malin Byström reizvoll besetzt, besonders in der Höhe gerät die Stimme aber schnell unter Druck.

„Hidalgo“ in München:Klassik ohne Berührungsängste: Ein Festival sucht die Nähe zum Publikum
Bei diesem Klassik-Ereignis sind die üblichen Spielregeln auf null gesetzt: „Hidalgo“ soll Publikum und Musiker in „Close Contact“ bringen – ob auf der Jagd, bei einer ungewöhnlichen „Winterreise“ oder mit einem Klang-Kult-Ritual. Der große Überblick.
Rattle hatte die Oper mit beiden szenisch bereits 2023 beim Festival in Aix-en-Provence realisiert, dem übrigen Ensemble merkt man ebenso Bühnenerfahrung an: Brindley Sherratt als Doktor und Nicky Spence als Hauptmann (und später Narr) ergänzen sich perfekt zum komischen Duo fatale, Eric Cutler hat die präpotente Machostatur für den Tambourmajor. Der auch als Komponist bekannte HK Gruber, besetzt als Erster Handwerksbursche, bringt die interessante Farbe eines derb rustikalen Sprechgesangs ein.
Da lässt sich sogar die Beleuchtungsabteilung nicht lumpen: Zu Wozzecks Mord an Marie schießen rote Strahlen an den Wänden auf. Ästhetisch wären sie in „Starlight Express“ besser aufgehoben, doch Rattle sorgt für packende Emotionalität in der Trauermusik. Wenn sich dann noch der Chor des Bayerischen Rundfunks oben auf der Galerie vervollständigt, der Kinderchor der Bayerischen Staatsoper unten vors Orchester tritt, hat die Aufführung auch ohne Inszenierung großes Theaterformat.

