Kritik:Klangfarbenpracht

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BRSO

Isabelle Faust (links) und Jakub Hrůša bei ihrem Auftritt in der Isarphilharmonie.

(Foto: Astrid Ackermann)

Isabelle Faust und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Jakub Hrůša in der Isarphilharmonie.

Von Sarah Maderer, München

Der Anfangszauber, der der Isarphilharmonie nun schon seit Wochen innewohnt, will noch immer nicht verfliegen. Am Donnerstagabend durfte sich erstmals das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Jakub Hrůša in die neuen akustischen Gefilde wagen. Hrůša hält "The Mystery of Time", eine musikalische Meditation über die Zeit seines Landsmannes Miloslav Kabeláč, für das ideale Eröffnungsstück, um die Akustik des neuen Saals auszutesten. Kleine, streng konstruierte Motive münden nach Minimal-Music-Manier in einen Crescendo-Sog, den Hrůša unter stoischem Pulsschlag und zugleich emotionaler Intensität anschwellen lässt.

Viel Gefühl zeichnet auch Isabelle Fausts Darbietung von Benjamin Brittens Violinkonzert in d-Moll aus. Dabei scheinen sie Kollegenmeinungen wie "liegt undankbar" oder "unspielbar" nicht zu beirren. Vom nahezu filmmusikalischen Einstieg über die dramatische Kadenz im zweiten Satz bis hin zum Passacaglia-Thema im dritten meistert Faust jede geforderte Klangfarbe, weiß genau, wie sie ihre "Dornröschen"-Stradivari anzupacken hat - im Pizzicato wie im Flageolett. Für dieselbe Präzision und Strahlkraft, die Faust in der Höhe mühelos von der Hand gehen, scheinen ihr die Tiefen ihrer Geige mehr Aufmerksamkeit abzuverlangen. Doch trotz aller technischen Mühen, die Britten hier fordert, ist Faust besonders ihr emotionaler Einsatz anzusehen, ja buchstäblich ins Gesicht geschrieben.

Die Zugabe - kompositorisch gesehen kein "Crowd-Pleaser" - verstärkt den Eindruck von einer furchtlosen und nahbaren Künstlerin. Sichtlich gelöst und hungrig auf das Finale wird nun das Orchester zum Solisten. Flügel, Glöckchen und imposantes Schlagwerk lassen bereits in dieser Ersten Symphonie Schostakowitschs, dem Werk eines 19 Jahre alten Studenten, seinen charakteristischen Stil durchblitzen. Hrůša, dessen linke Hand mal in sanften Wellen, mal als bedrohliche Klaue durch das Stück führt, entlockt dem Klangkörper die im Stück angelegte emotionale Tiefe und besiegelt somit den intensiven Erstkontakt.

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