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BR-Symphonieorchester:Endlich wieder froh

BRSO

Baiba Skride, Solistin mit großem Durchhaltewillen.

(Foto: Astrid Ackermann)

Das BRSO kehrt mit Andris Nelsons zurück ins Leben

Von Egbert Tholl

Da fragt einen eine offenbar versierte Konzertgängerin, ob die denn nicht normalerweise anders angezogen seien. Die Musiker. Denn die tragen keinen Frack. Die tragen schwarze Anzüge und schwarze Hemden, vielleicht, weil es noch ungewöhnlich früh ist (18 Uhr), vielleicht, weil Andris Nelsons es so will, vielleicht, weil sie zeigen wollen, dass nach Corona alles anders ist. Letztlich ist es ja egal, was sie anhaben, Hauptsache sie spielen und ein paar Hundert dürfen in der Philharmonie zuhören - bei den Musikerinnen sieht man ja eh keinen Unterschied.

Programmheft gibt es keines. Wenn man wissen will, was das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Andris Nelsons spielen wird, welchen Solopart dabei die Geigerin Baiba Skride übernehmen wird, dann muss man so einen Dingsbums-Code scannen. Hat man nichts zum Scannen, erlebt man ein Überraschungskonzert.

Eine kleine Überraschung ist ohnehin, dass das BRSO seine Rückkehr ins aktive Konzertleben mit dem zweiten Violinkonzert von Schostakowitsch feiert, einem kargen, abstrakten Spätwerk, für dessen Solopart es schon eine mit rigorosem Durchhaltewillen ausgestattete Geigerin wie Baiba Skride braucht. Hier gibt es keine Möglichkeit, mit vordergründiger Virtuosität zu brillieren, aber viele endlos einsame Solostellen, die Skride mit versonnener Sanglichkeit, aber auch mit großer Lust am sehr lebendigen Ausprobieren füllt. Nelsons hält das Orchester zurück, tastet, sucht, findet - unter anderem den herrlichen Dialog zwischen Skride und dem Hornisten Carsten Carey Duffin. Nelsons macht kaum große Gesten; wenn doch, dann haben sie die Lesbarkeit einer plastischen Theateraufführung.

Unmittelbar danach gibt es dann doch ein großes Funkeln, Schostakowitschs neunte Symphonie. Die war einst ein Lieblingsstück von Mariss Jansons, der sie mit grandiosem Bumms aufzuführen pflegte. Nelsons macht das anders, führt die durchtriebene Zartheit aus dem Violinkonzert weiter, verbindet das Fahle mit dem Glitzernden - mitunter wähnt man sich fast bei Spektralmusik. Dann aber steht da auf einmal dieser Klangmonolith aus dunklem Blech, singt Marco Postinghel betörend mit dem Fagott und stellt sich doch noch eine Überwältigung ein. Freilich eine extrem kontrollierte, geboren aus der Verbindung vom Präzision und Musizierlust, nicht völlig überbordend, mehr froh als fröhlich.

© SZ vom 07.06.2021
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