bedeckt München 21°

Boxcamp für straffällige Jugendliche:Aufstehen nach dem K.o.

Jugendliche Gewalttäter boxen sich in eine bessere Zukunft: Vor zwei Jahren hat ein Kinofilm über die Work & Box Company im oberbayerischen Taufkirchen für Aufsehen gesorgt. Doch der erhoffte Boom für das hochgelobte Projekt blieb aus. Jetzt starten zwei der Initiatoren von einst neu durch.

Sebastian Ehm

Die Sonne scheint durch die Fenster auf den leeren Boxring. Handschuhe liegen auf dem Boden, Handtücher hängen zum Trocknen über den Seilen. Davor ist ein kleines Fußballfeld mit aufgemalten Toren an der Wand. An den geräumigen Sportraum grenzen die Büros der Angestellten.

Cengiz Yüksel in der Work & Box Company in Taufkirchen: Mitte Mai wurde ein neuer Standort in Stuttgart eröffnet.

(Foto: Sebastian Ehm)

Es ist eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre an diesem frühen Nachmittag. Nichts deutet darauf hin, dass hier gewalttätige Jugendliche ein und aus gehen. Jugendliche, die schon in jungen Jahren so brutal auffällig geworden sind, dass sie eigentlich länger in den Jugendknast müssten. Viele entscheiden sich stattdessen lieber für die Work & Box Company in Taufkirchen.

Sie gehört zur gemeinnützigen Hand In AG, die sich für die Re-Integration von gewalttätigen Jugendlichen einsetzt. Beim Boxen sollen sie sich mit ihrer Gewaltbereitschaft auseinandersetzen. "Es geht hier nicht um Aggressionsbewältigung, sondern darum, in Stresssituationen einen Standpunkt einzunehmen", sagt der Vorsitzende Jürgen Zenkel.

Er nennt sie nur liebevoll seine "Jungs". Die Jugendlichen erhalten neben der sportlichen Betreuung und Schulbildung auch einen Einblick in die Berufswelt. Meistens durch Praktika. So sollen sie langsam an ein normales Leben herangeführt werden.

Im Moment sind alle unterwegs und verrichten die Aufgaben, die ihnen am Morgen aufgetragen wurden. Nur Cengizhan Yüksel ist hier. Der 25-Jährige hat die Work & Box Company schon vor acht Jahren abgeschlossen und macht hier nun ein Praktikum. Er sitzt im Konferenzraum und spricht über die Vergangenheit. Dem Mann wollte er eigentlich nicht in den Kopf schießen, meint Cengiz. Er weiß auch nicht warum er plötzlich damit aus dem Fenster schießen musste. Die Mütze, die sein Opfer trug, verhinderte, dass die kleine Silberkugel aus dem Luftgewehr zum tödlichen Geschoss wurde.

Es war eine von vielen Taten im Strafregister von Cengiz. Körperverletzung, Waffenbesitz, Drogenhandel. Am Ende stand Stadelheim. Noch vor dem 18. Lebensjahr war er vier Monate im Jugendknast bis ihn sein Onkel auf Kaution herausholte. Doch wie konnte es so weit kommen? "Mein Vater war Alkoholiker und hat mich oft verprügelt", meint Cengiz heute. Deswegen sei er auch selten zuhause gewesen. So kam er früh mit den falschen Personen in Kontakt.

Es ist die klassische Story für Jugendliche, die hier landen. "Die Jungs sind teilweise komplett durch, wenn sie hier ankommen", meint Jürgen Zenkel. Cengiz war ein ganzes Jahr in der Work & Box Company. Der 25-Jährige hat sein Leben in den Griff bekommen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite