Boomende Stadt auf dem Weg zum Zwei-Millionen-Dorf Münchens überhitztes Wachstum

Wahrscheinlich hilft nur noch Abschreckung: die hässlichen Seiten von München.

(Foto: Dieter Hanitzsch)

SZ-Leser vermissen eine Planung, die den Zuzug begrenzt, und mahnen, die letzten Frischluftschneisen nicht auch noch zuzubetonieren

"Auf dem Weg zum Zweimillionendorf" und vom 26. April und "Wir müssen den Ballungsraum München entschleunigen" vom 27. April (Thema des Tages):

Rettet die Frischluftschneisen

"Immer schneller, immer weiter nach oben. München wächst rasant und die Politik sieht keine Chance, den Bevölkerungsanstieg zu begrenzen", so heißt es in der Bildunterschrift des SZ-Artikels. Ob die Stadtpolitik wirklich so völlig unschuldig an der sich seit Jahren abzeichnenden Situation ist, sei dahingestellt. Sie sollte jedenfalls nicht fortfahren, Maßnahmen in der Baupolitik zu ergreifen, die die Lebensverhältnisse der Stadtbevölkerung auf Dauer erheblich verschlechtern.

Mit der Versiegelung von Wiesen und Äckern, wie unter anderem in Blutenburg geplant, wird genau das getan, was eine Stadt wie München auf keinen Fall tun sollte. Unsere Stadt gehört zu den am stärksten mit Feinstaub und Stickoxiden belasteten Städten Deutschlands. Ärzte weisen immer wieder auf die damit verbundenen Gesundheitsrisiken hin. Deshalb sind große freie Flächen, nicht nur in der Stadt selbst, sondern vor allem auch in den Randgebieten nötig, um den dringend erforderlichen Luftaustausch in der bereits zu dicht verbauten Stadt zu gewährleisten. Dabei kommen den noch vorhandenen Freiflächen im Münchner Westen und Südwesten als Windschneisen eine besondere Bedeutung zu, weil der Wind schließlich vorwiegend aus dieser Richtung kräftig weht und die Stadt zu einem guten Teil mit Frischluft versorgt.

Das überhitzte Wachstum Münchens darf nicht als Entschuldigung herhalten, eine Baupolitik zu verfolgen, die letztlich nur zum Schaden der Münchner gerät. Albert Buchmeier, München

Schuld ist die Gier

In dem Beitrag wird der CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl zitiert mit der Aussage: "Wir haben keine Möglichkeit, den Zuzug wirksam zu begrenzen." Der SPD-Kollege Alexander Reissl sieht das offenbar ähnlich und plädiert daher für massive Investitionen in Wohnungen, Schulen und die Verkehrsinfrastruktur. Wo bleibt der Widerspruch der Redaktion oder wenigstens eine Aussage, dass die Probleme des grenzenlosen Wachstums schlicht hausgemacht sind? Um nur ein Beispiel zu nennen: Wer zwingt die Stadt, Bauprojekte wie die gerade im Bau befindlichen Bavaria-Towers am Ende der A 94 zu genehmigen? Wer Derartiges genehmigt, darf sich nicht wundern, dass die dort entstehenden Büroarbeitsplätze einen massiven Zuzug verursachen werden. Braucht München ständig neue Arbeitsplätze? Offensichtlich nicht! Die Arbeitslosenquote ist auf historisch niedrigem Niveau. Die Möglichkeit, den Zuzug zu begrenzen, besteht also ganz einfach darin, damit aufzuhören, permanent im großen Stil neues Gewerbe anzusiedeln, nur weil "Investoren" das wünschen. Die Gier der Politik nach immer mehr Gewerbesteuern steht der Gier der Investoren offenbar in nichts nach und ist die Wurzel allen kommunalen Übels. Vielleicht sollten die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung einmal das Buch "Die Grenzen des Wachstums" (Club of Rome) lesen. Das ist zwar schon in die Jahre gekommen, aber grundsätzlich immer noch aktuell. Siegfried Kunz, Hohenlinden

Mut zur Begrenzung

Mit der Gemütlichkeit hört es sich spätestens dann auf, wenn der Ort der Gemütlichkeit zu voll wird. Diesen Zeitpunkt hat München längst weit überschritten. Selbst bin ich am Stadtrand von München aufgewachsen, als sich dort noch Fuchs, Hase und Fasan gute Nacht sagten, wo heute eine A 99 eine asphaltierte Schneise von damals unvorstellbarem Ausmaß geschlagen hat. Die Hoffnungen von Autofahrern und Verkehrsplanern auf Entlastung sind längst dahin, spätestens mit dem Wohnbauprojekt Freiham ist das Chaos dort abermals perfekt. Wer immer es sich heute noch leisten kann, nach München zu ziehen: Es sind zu viele. Planung geht anders. Was fehlt, ist der Mut zur wahren Begrenzung. Die Weltstadt mit Herz steht kurz vor dem Infarkt. Wolfgang Ulbricht, München

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