Antisemitismus Judenhasser ist Namensgeber für Kirche in Bogenhausen

Am 26. Juni 1960 von Kardinal Wendel geweiht: die katholische Kirche St. Johann von Capistran in der Gotthelfstraße im Stadtteil Bogenhausen.

(Foto: Johannes Simon)
  • Johannes Capistranus ist ein Heiliger, aber er war auch ein Judenhasser. Und er war ein religiöser Fanatiker, der Menschen foltern und umbringen ließ.
  • Dieser Mann ist der Patron der Bogenhausener Pfarrkirche St. Johann von Capistran.
  • Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitschen Kultusgemeinde München, plädiert für eine Namensänderung der Kirche. Doch das ist kaum möglich.
Von Wolfgang Görl

Er ist ein Heiliger, aber auch ein höchst problematischer Geistlicher, der sich an der Schwelle zur Neuzeit der Verfolgung und Ermordung vieler Juden schuldig gemacht hat. Dieser Mann ist der Patron der Bogenhausener Pfarrkirche St. Johann von Capistran. Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitschen Kultusgemeinde München, sagt: "Ich war schockiert, als ich vom Hintergrund des Johannes Capistranus erfahren habe. Dass ein Judenhasser als Namensgeber für eine Kirche mitten in München herhalten darf und vor dieser noch mit einem eigenen Denkmal geehrt wird, ist völlig unverständlich." Im Erzbischöflichen Ordinariat ist man sich der Abgründe dieses Heiligen bewusst, wie Pressesprecherin Bettina Göbner bestätigt: "Es ist bekannt und unbestritten, dass er neben den Verdiensten, die er auch hatte, Verbrechen begangen hat gegenüber den Juden und auch gegenüber den Hussiten."

Die Pfarrkirche St. Johann von Capistran ist Ende der Fünfzigerjahre errichtet worden, der eindrucksvolle Rundbau ist ein Werk des Architekten Sep Ruf. Erzbischof Joseph Kardinal Wendel hat die Kirche im Juni 1960 eingeweiht. Sie steht im Mittelpunkt einer damals neu eingerichteten Pfarrei, deren größter Teil aus einem Gebiet bestand, das ehedem zur Haidhauser Pfarrei St. Gabriel gehörte hatte. Diese wurde von Franziskanern betreut, und auf deren Anregung, sagt Göbner, habe man Johann von Capistran als Patron gewählt.

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Wer aber war dieser Mann? Johann wurde 1386 im Städtchen Capistrano in den Abruzzen geboren. Nach dem Jurastudium fungierte er als Richter in Perugia, ehe er 1415 in den Franziskanerorden eintrat. Bald zog er als Wanderprediger umher, auch als Wunderheiler machte er von sich reden. Johannes avancierte zum Berater mehrerer Päpste, als Gesandter war er auch in politischer Mission unterwegs. Das Ökumenische Heiligenlexikon, ein Nachschlagewerk im Internet, schreibt: "Johannes predigte 40 Jahre lang täglich, die Menschen hingen an seinen Lippen. Er gründete Krankenhäuser, organisierte Sozialarbeit, war ein gefragter Beichtvater und immer wieder einflussreicher Ratgeber für verschiedene Herrscher." Papst Alexander VIII. sprach ihn 1690 heilig.

Doch es gibt auch eine finstere, ja grauenerregende Seite des Mannes. Heute würde man von einem Hassprediger sprechen, dessen Attacken vor allem Juden und Hussiten galten. Und nicht nur das. Er war auch Täter, ein religiöser Fanatiker, der Menschen foltern und umbringen ließ. Vom Papst zum Inquisitor ernannt, bekämpfte er die als Häretiker diffamierten Ordensbrüder der Fratizellen sowie die Hussiten. Am schlimmsten aber wütete er gegen die Juden, schon Zeitgenossen nannten ihn die "Geißel der Hebräer".

"Jede Kirche muss ihren Titel haben, der nach vollzogener Weihe nicht geändert werden kann."

Er hat sich nicht nur dafür eingesetzt, Juden zu isolieren, er war auch für Pogrome verantwortlich. Unter dem Vorwand, die Juden hätten Hostien geschändet, ließ er 1453 die jüdischen Bürger Breslaus einsperren, foltern und ihr Eigentum beschlagnahmen. 41 von ihnen wurden auf Geheiß des Franziskaners auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Überlebenden wurden vertrieben, ihre Kinder aber mussten sie zurücklassen. Sie wurden zwangschristianisiert.

Angesichts dieser Verbrechen sagt Charlotte Knobloch: "Ich wünsche mir, dass eine katholische Kirche, die Ansichten wie die von Capistranus lange hinter sich gelassen hat, sich nun so schnell wie möglich auch von solchen Benennungen lösen kann." Das aber ist laut Erzbistum schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Denn einer Änderung steht das Kirchenrecht entgegen, genauer gesagt, der Kanon 1218: "Jede Kirche muss ihren Titel haben, der nach vollzogener Weihe nicht geändert werden kann."

Die Pfarrei, sagt Bettina Göbner, habe diesen Kirchenpatron quasi geerbt, und jetzt sei es wichtig, dass man nicht nur seine guten Seiten erwähne, sondern auch thematisiere, dass er dunkle Seiten hatte. Göbner versichert, dass die Pfarrei dies bei Kirchenführungen oder in Broschüren anspreche. "Man muss den Heiligen so anschauen, wie er war." Und sie fügt hinzu: "Die Bedenken, die Frau Knobloch äußert, teilen wir natürlich."