Bogenhausen Versuch eines Brückenschlags

Ländliche Gegend am Stadtrand: Viele Anwohner halten hier ein Wohngebiet für 30 000 Menschen für völlig überdimensioniert.

(Foto: Florian Peljak)

Vor dem Ideenwettbewerb für das neue Großquartier im Nordosten lädt die Stadt zum Dialog

Von Ulrike Steinbacher, Bogenhausen

"Enteignung" ist ein Schlüsselwort in dieser hitzigen Debatte. Die einen - Stadtbaurätin Elisabeth Merk, die Verwaltung und Kommunalpolitiker von SPD und Grünen - werden nicht müde zu betonen, dass es bei der Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme (SEM), für die im Gebiet zwischen Riem und Johanneskirchen die Voruntersuchungen laufen, ganz und gar nicht darum geht, den Eigentümern ihre Grundstücke wegzunehmen. Vielmehr solle dort günstiger Wohnraum samt Infrastruktur entstehen, den München so dringend braucht, und zwar alles aus einem Guss. Und das lasse sich mit dem baurechtlichen Instrument der SEM nun einmal am besten verwirklichen. Merk geht von Wohnungen für 30 000 und Arbeitsplätzen für 10 000 Menschen aus.

Die anderen dagegen - viele, die schon heute im Nordosten leben - verstehen "Enteignung" nicht nur im Wortsinn. Für sie ist der Begriff auch eine Chiffre für Stadterweiterung mit der Brechstange. Nach ihrem Eindruck soll ihre ländliche Heimat am Stadtrand zerstört und durch ein seelenloses Neubaugebiet ersetzt werden, ohne dass sie irgendein Mitspracherecht hätten. Von Verwaltung und Politikern fühlen sie sich mit ihren Vorbehalten und Einwänden seit Jahren ignoriert.

Wie tief das Misstrauen inzwischen sitzt, zeigt die kometenhafte Entwicklung des Bündnisses Nordost: Während sich viele Grundstücksbesitzer schon vor Jahren in der Initiative Heimatboden zusammengeschlossen haben, organisieren sich in diesem Bündnis ganz gewöhnliche Anwohner. Es startete erst vergangenen September mit sieben Aktiven, hat inzwischen aber etwa 200 Mitglieder. Zur Podiumsdiskussion des Bündnisses Ende Februar, bei der sich die CSU auf die Seite der SEM-Gegner stellte, kamen 1000 Besucher. Etwa 500 weitere habe man wegen Überfüllung abweisen müssen, berichtet Bündnis-Sprecherin Daniela Vogt. "Daran sieht man, wie das die Leute umtreibt."

Eine neue Gelegenheit, ihre Meinung zu sagen, haben die Daglfinger, Johanneskirchner und Englschalkinger am Samstag, 16. März. Für diesen Termin lädt das Planungsreferat zum "öffentlichen Dialog" ein, der dem im Februar beschlossenen städtebaulichen Ideenwettbewerb vorgeschaltet ist. Was bei diesem Dialog an Anregungen und Hinweisen zusammenkommt, soll in die Wettbewerbsunterlagen einfließen, auf deren Basis sich dann Architekten-Teams aus aller Welt Gedanken über ein Wohnquartier in dem 600 Hektar großen SEM-Untersuchungsgebiet machen. Schon 2016 hatte das Planungsreferat selbst drei Bebauungsvarianten dafür vorgelegt. Sie waren aber bei den Anwohnern auf harsche Kritik gestoßen und gelten heute als veraltet.

Am 15. März, noch vor dem öffentlichen Dialog, sind die Grundstückseigentümer zu kurzen Einzelgesprächen mit Vertretern des Planungsreferats eingeladen. Allerdings ist von der Initiative Heimatboden zu hören, dass wohl nur wenige Eigentümer diesen Termin wahrnehmen werden. Am Samstag dagegen wollen alle kommen. "Selbstverständlich", sagt Daniela Vogt. Schließlich lehne das Bündnis Nordost ein neues Quartier nicht kategorisch ab. Aber 30 000 neue Nachbarn seien einfach zu viel. Wohnungen für 10 000 Menschen halte man für verträglich, sagt sie. "Und nicht noch irgendein Gewerbegebiet dazu". Johann Oberfranz, Sprecher der Initiative Heimatboden, hebt zusätzlich die Infrastruktur-Mängel hervor: Bevor neue Wohnungen entstünden, müsse erst einmal die S 8 in den Tunnel. Außerdem seien Straßen und Autobahnen im Osten schon heute überfüllt.

Öffentlicher Dialog zum Start des Architektenwettbewerbs für den Münchner Nordosten, Samstag, 16. März, 10 bis 14 Uhr, Grundschule an der Ruth-Drexel-Straße 27, Prinz-Eugen-Park, Informationen unter www.muenchen.de/nordosten