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Bogenhausen:Es heißt zusammenrücken

Die Turnerschaft Jahn baut am Stammsitz an der Weltenburger Straße für 21 Millionen Euro eine Dreifachturnhalle samt Parkdeck und neuer Vereinswirtschaft. Das Projekt geht zulasten des Freigeländes

Von Julian Raff, Bogenhausen

Wo Münchner Sport-Infrastruktur wächst, liegen entsprechende Metaphern natürlich nahe. Werner Gawlik, Vizepräsident der Turnerschaft (TS) Jahn, sieht sich und die 5000 Mitglieder des 133 Jahre alten Traditionsvereins mit der Grundsteinlegung für dessen neue Dreifachsporthalle an der Weltenburger Straße gut unterwegs in einem "Halbmarathon", der nach vierjährigem Vorlauf immerhin nicht mehr in einen "Ultramarathon" auszuarten droht.

Wo bisher die Vereinsgaststätte war, entsteht die neue Sporthalle mit Zuschauertribünen. Simulation: Architekturbüro Stark

Für voraussichtlich 20,7 Millionen will der Verein bis Frühjahr 2022 im Norden seines Stammareals eine Dreifachsporthalle mit integriertem Parkdeck und Platz für die Vereinsgastronomie erstellen. Die Stadt schießt ein Drittel der Baukosten zu und gewährt ein zinsloses 5,8-Millionen-Euro-Darlehen aus einem Sonderförderprogramm. Ein Zuschuss des Freistaats von bis zu weiteren 30 Prozent ist theoretisch möglich, wird aber wohl gedeckelt.

In einem zweiten Abschnitt will die TS den südlichen Bestand generalsanieren und erweitern, vor allem die alte Sporthalle von 1972. Der Bestand ist technisch in die Jahre gekommen und Mitgliederzuwachs und Publikumsinteresse nicht mehr gewachsen. Immerhin zahlt der Verein pro Jahr knapp 30 000 Euro Miete für fremde Hallen. Zugleich spielen einige Abteilungen hochkarätig, wie zum Beispiel die Basketballdamen in der Bundesliga. Wo bisher die maximal zulässigen 199 Zuschauer auf Gymnastikbänken saßen, bieten Tribünen im Obergeschoss künftig Platz für 800 Zuschauer.

Bei der Grundsteinlegung an der Weltenburger Straße: die Architekten Wolfgang R. Löffler (links) und Matthias Sieder vom Projekt-Controlling.

(Foto: Catherina Hess)

Auch wenn die Kapazität wohl nur sporadisch ausgeschöpft wird und die Sportler selbst angehalten sind, möglichst ohne Pkw zu Training und Spiel anzureisen, erhöht die TS ihre Stellfläche auf dem Gelände von 76 auf 124 Parkplätze. Architekt Jürgen Stark hat die Halle mit einem Groß- oder wahlweise drei abtrennbaren Kleinfeldern platzsparend über dem Parkdeck platziert. Eine Tiefgarage schied aus Kostengründen aus, aber auch wegen des nicht beliebig verdichtbaren Untergrunds. Halle, Parkplätze, Wellness- und Saunazone, Gymnastikbereich und Gastronomie musste der Planer gedrängt auf dem Vereinsgelände unterbringen. Ein Bau auf der gegenüberliegenden Wiese, im Flächennutzungsplan eine Vorratsfläche für Sport, scheiterte an den Verhandlungen mit privaten Eigentümern. Zudem müsste die TS dort - eher widerwillig - eine Bezirkssportanlage mit anderen Vereinen teilen.

Auch sonst begleiteten schwierige Standortfragen den Planungsprozess. TS-Projektkoordinator Gawlik ließ nicht unerwähnt, dass eine, wie er betonte, kleine Gruppe von Vereinsmitgliedern nach wie vor einen 2018 beschlossenen Grundstücksverkauf in Freimann kritisiert - zum einen in Sachen Transparenz und Kaufpreis, zum zweiten, weil nicht sicher ist, wann und ob der Verein sein in Aussicht gestelltes Zusatzprojekt einer Freimanner Sporthalle realisieren kann. Wie TS-Präsident Peter Wagner erklärt, hingen die Chancen vom finalen Kaufpreis des Freimanner Geländes ab und der wiederum von der politisch noch nicht entschiedenen Bebaubarkeit des Grundstücks. Der Verein müsse aber auch abseits seiner Bogenhauser Heimat eine Dependance im Norden mit eigenem Mitgliederstamm neu aufbauen, gibt Wagner zu bedenken. Auf dem Bogenhauser Areal heißt es nun zusammenrücken. Die Leichtathleten können ihr Freigelände vielleicht schon Ende des Jahres wieder nutzen, die Tennisspieler verlieren dauerhaft einen von vier Plätzen. Nicht wirklich kompensierbar ist der Verlust des Vereins-Biergartens. Als Ersatz bleibt ein kleiner Freisitz beim künftigen Haupteingang.

© SZ vom 06.08.2020

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