Bogenhausen:Enorme Steigerungen

Bahnhof Daglfing

Stillstand: Nichts geht am Daglfinger Bahnhof, wenn die Schranken geschlossen sind. Der von der Stadt finanzierte Tunnel steht wieder infrage.

(Foto: Florian Peljak)

Tunnel-Befürworter gehen von wesentlich höheren Güterverkehrszahlen aus als für die viergleisige Erweiterung zwischen Zamdorf und Johanneskirchen bisher angenommen. Das könnte auch die Zuständigkeiten bei der Finanzierung durcheinander wirbeln

Von Ulrike Steinbacher, Bogenhausen

Die Bürgerinitiative für Bahntunnel von Zamdorf bis Johanneskirchen hat die Befürchtung, dass sämtliche Planungen für die Entflechtung von S-Bahn- und Güterzug-Gleisen samt der vier Kilometer langen Bahn-Unterführung durch den Stadtbezirk Bogenhausen angesichts des zunehmenden Güterverkehrs obsolet sind.

Zur Erinnerung: Die Deutsche Bahn und der Freistaat Bayern planen seit Jahrzehnten an diesem viergleisigen Ausbau der bisher zweigleisigen Bahnstrecke herum, die Stadt München möchte das ganze Projekt unter die Erde verlagern, damit sie ein neues Viertel für bis zu 30 000 Menschen östlich der Bahnlinie ans Stadtgebiet anbinden kann. Den Tunnel würde die Stadt auf eigene Kosten bauen lassen, die Schätzung liegt inzwischen bei 2,3 Milliarden Euro. Ursprünglich waren es 700 Millionen Euro.

In einem Brief an den Bezirksausschuss (BA) Bogenhausen weist die Pro-Tunnel-Bürgerinitiative darauf hin, dass Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) beim Brennerzulauf mittlerweile "wesentlich höhere Güterverkehrszahlen" zugrunde lege als für die Tunnel-Planung angenommen. Und da sei "die allerneueste (durch Österreich erzwungene) verkehrspolitische Wende vom Lastwagen zum Güterzug im Alpentransit" noch gar nicht berücksichtigt. Der Tunnel im Münchner Nordosten sei daher auch kein städtisches Projekt mehr, für das die Stadt alleine geradestehen müsse, sondern "im Hinblick auf die steigenden Verkehrszahlen im Güterverkehr" eine "zwingende Notwendigkeit mit europäischer Bedeutung", erläutert die Initiative.

Angesichts der Brennerzulauf-Pläne und der Zunahme des Güterverkehrs bezweifeln die Mitglieder der Initiative außerdem, dass die "kleinteilige Vorgehensweise" der Deutschen Bahn bei ihren Bauprojekten im Münchner Osten "eine wirtschaftliche und technisch optimale Gesamtlösung" erbringen könne. Gerade erst haben Bahn-Vertreter betont, dass der viergleisige Ausbau bis Johanneskirchen lösgelöst von der Truderinger und Daglfinger Kurve betrachtet werden müsse, obwohl beide Entflechtungsprojekte der Beschleunigung von S-Bahn und Güterzügen dienen und nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegen.

An die Stadt stellt die Tunnel-Initiative eine Reihe von Fragen, die der BA in seiner jüngsten Sitzung kommentarlos weitergab. Diskutieren wollen die Lokalpolitiker darüber erst, wenn die Antworten vorliegen. Dies wiederum finden Mitglieder der Bürgerinitiative nicht nachvollziehbar. Sie kritisieren, dass durch die Vertagung wertvolle Zeit vertan werde. Denn Entscheidungen über die "finalen Weichenstellungen für das Bahnprojekt" stünden in den kommenden Wochen an.

Von der Stadt will die Bürgerinitiative wissen, wie die "enorme" Steigerung der Kostenschätzung für den Tunnel von 700 Millionen auf 2,3 Milliarden Euro binnen vier Jahren zustande kommt und wie sich angesichts der zunehmenden Güterverkehrsdichte die Finanzierungszuständigkeiten ändern. Das Planungsreferat soll außerdem darstellen, wie eine europäische Kofinanzierung der Tunnelkosten aussehen könnte.

Zudem schlägt die Initiative eine Koordinierungsstelle vor "als kompetente städtische Interessenvertretung", die die Bauprojekte des "Bahnknotens München" sowie den Ausbau der Strecke nach Mühldorf und Freilassing "zur Vermeidung technischer Vorfestlegungen" begleitet. Und schließlich fordern die Tunnel-Befürworter von der Bahn endlich Informationen zu den Varianten für den viergleisigen Ausbau der Strecke bis Johanneskirchen. Denn zusätzlich zum Tunnel, den auch die Bogenhauser Lokalpolitiker bisher favorisieren, lässt die Bahn zwei deutlich günstigere Alternativen untersuchen: eine ebenerdige Trasse, doppelt so breit wie heute, und einen offenen Trog, beides mit Lärmschutzwällen. Die Bahn hat zwar eine öffentliche Informationsveranstaltung für das vierte Quartal versprochen - aber die soll explizit erst dann stattfinden, wenn bereits feststeht, ob die Züge ebenerdig, im Tunnel oder im Trog fahren werden.

© SZ vom 13.09.2019
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