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Bogenhausen:Die Versorgungslücke wächst

125 Pflegeplätze gibt es an der Effnerstraße (im Bild), 108 sollen im Prinz-Eugen-Park entstehen.

(Foto: Catherina Hess)

Das Münchenstift an der Effnerstraße ist derzeit die einzige Senioren-Einrichtung im Viertel, die Pflegeplätze anbietet. Die Nachfrage ist schon heute groß. In zehn Jahren könnten im Stadtbezirk laut Statistik 380 Betten fehlen

Von Nicole Graner, Bogenhausen

"Oh, ja". Barbara Mooser sagt es mit Nachdruck. "Es gibt lange Wartelisten!" Die Nachfrage nach Plätzen im Münchenstift an der Effnerstraße ist groß. "Enorm", berichtigt die Hausleiterin. Die 62-Jährige ist stolz darauf, dass das Haus, für das die Bürger und Lokalpolitiker so sehr gekämpft haben und das 2012 als moderner Neubau wiedereröffnet worden ist, so gut angenommen wird. Aber sie weiß auch, dass es momentan das einzige Haus in Bogenhausen ist - mit 125 Plätzen in der Pflege und 59 Apartments. "Wir brauchen Einrichtungen, gerade weil Bogenhausen ja auch wächst." Und sie sagt noch etwas aus ihrer Erfahrung im Haus: "Die Bogenhauser sind sehr mit ihrem Viertel verbunden, und die alten Menschen wollen am liebsten in ihrem Viertel bleiben."

Alle fünf Jahre ermittelt das Sozialreferat den Bedarf an vollstationären Pflegeeinrichtungen. Das Berechnungsverfahren ist zeitintensiv. Aus der aktuellen amtlichen Pflegestatistik des Statistischen Landesamts und der Bevölkerungszahlen des Statistischen Amts in München werden Leistungsempfängerinnen und -empfänger aus der Pflegeversicherung ermittelt. Auf diesen Zahlen und Quoten, zum Beispiel auch der Bevölkerungsprognose, basiert dann, so erklärt das Sozialreferat, die "Gesamtzahl der prognostisch pflegebedürftigen Menschen" für München. Diese Zahl ist das eine, das andere eine Berechnung aus den sogenannten Versorgungselementen - also "ambulant mit Pflegegeld", "ambulant mit Sachleistung" und "stationär". Die Zahl der möglichen vollstationär Pflegebedürftigen wird in der Bedarfsermittlung dem Ist-Stand und den möglichen neuen Pflegeplätzen gegenübergestellt.

Im Dezember soll, so teilt das Sozialreferat mit, die neue Bedarfsermittlung dem Stadtrat vorgelegt werden. Erstmalig werde dann auch eine Bedarfsaussage auf Stadtbezirksebene getroffen. Für 2030 hat das Sozialreferat auch für Bogenhausen schon Zahlen errechnet. Der Bedarf heißt es auf Anfrage, liege dann bei 609 "vollstationären Pflegeplätzen". Nimmt man die 125 Plätze vom Münchenstift an der Effnerstraße und die 108 Plätze, die in einer geplanten Einrichtung im Prinz-Eugen-Park in Oberföhring entstehen sollen, fehlen also in zehn Jahren allein im Stadtbezirk Bogenhausen 376 Plätze.

Die Grünen im Bezirksausschuss (BA) Bogenhausen haben in der jüngsten Sitzung erneut auf die Pflegeproblematik hingewiesen. "Der Stadtbezirk ist unterversorgt", sagt Petra Cockrell (Grüne). Es müsse über einen weiteren Standort nachgedacht werden. Auch will das Gremium wissen, ob die geplanten Einrichtungen im Stadtbezirk noch weiter verfolgt würden. Cockrell fordert außerdem, dass das Sozialreferat auf Investoren zugehen und sie auffordern solle, auch den Bau einer Pflegeeinrichtung in Betracht zu ziehen.

Im Prinz-Eugen-Park plant die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern ein Seniorenzentrum. Das Sozialreferat geht von schätzungsweise 108 "vollstationären Pflegeplätzen" aus. Auch habe das Referat, so informiert es auf Anfrage, für das Planungsgebiet östlich der S 8, also zwischen Daglfing und Johanneskirchen den Bedarf für eine vollstationäre Pflegeeinrichtung angemeldet. Der Standort Cosimastraße, den auch der BA Bogenhausen immer wieder abfragt, werde nicht weiter verfolgt. Er sei für eine "vollstationäre Pflegeeinrichtung nicht geeignet".

Was die Frage des BA anbelangt, inwieweit Investoren zum Bau von Pflegeeinrichtungen ermuntert werden, weist das Sozialreferat darauf hin, dass es nur noch "marginalen Einfluss auf die Entwicklung neuer Pflege-Angebote" habe. Seit 1995, also mit Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung, werde der Pflegemarkt frei gestaltet. Aber das Sozialreferat schöpfe, wie es weiter mitteilt, "alle verbliebenen kommunalen Einwirkungsmöglichkeiten" aus. Auch habe man beim Referat für Stadtplanung und Bauordnung den Bedarf an Pflegeeinrichtungen "hinterlegt".

Derzeit stehen an die 25 Platzsuchende auf der Warteliste im Münchenstift. Münchner und Bogenhauser würden "vorrangig" behandelt, wie Barbara Mooser erklärt, die das Haus an der Effnerstraße seit 2012 leitet. "Ich lege da Wert drauf", sagt sie. Aber natürlich könnten sich auch Externe auf die Warteliste setzen lassen. Wenn ein Platz frei werde, manchmal schneller als gedacht, werden die Listen nach der Reihenfolge korrekt "abtelefoniert". "Das ist", sagt Mooser, "doch nur fair."

Bis aber in Bogenhausen weitere Pflegeeinrichtungen entstehen, wird Zeit vergehen. Bis dahin ist Barbara Mooser schon in Rente. Vorerst gibt es im Stadtbezirk nur das Münchenstift. Die Wartelisten könnten also noch länger werden.

© SZ vom 10.11.2020
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