Bogenhausen Die Nacht des Eierbechers

Vor fünf Jahren werden Teile der Großskulptur "Mae West" am Effnerplatz zusammen gefügt. Hunderte verfolgen damals die spektakuläre Aktion. Heute spotten immer noch viele Münchner über das Kunstwerk

Von Marco Völklein, Bogenhausen

Der Coolste in dieser eiskalten Nacht ist Johann Wittmann. Seit Monaten haben sich die Ingenieure auf dieses Wochenende vorbereitet. Arbeiter haben einen gigantischen Autokran auf der großen Freifläche nördlich des Effnerplatzes aufgestellt, Spezialfirmen haben dort seit Wochen das Oberteil der Großplastik "Mae West" errichtet. Nun soll, in der Nacht vom 29. auf den 30. Januar 2011, das Oberteil draufgesetzt werden auf das Unterteil, das bereits seit Wochen steht. Dann aber, kurz nach 6 Uhr in der Früh, gibt Projektleiter Wittmann das Zeichen: Abbruch. Die Temperaturen sind so weit unter den Gefrierpunkt gerutscht, dass die Sicherheit für die Arbeiter nicht mehr gewährleistet ist. Projektleiter Wittmann aber, der zuvor schon den Bau des Richard-Strauss-Tunnels gemanagt hatte und nun, als Krönung des Bauwerks, die Skulptur errichtet, bleibt ruhig. Die Arbeiter müssten sich ausruhen, sagt er in die TV-Kameras. Am Abend gehe es weiter.

Fünf Jahre sollen schon vergangen sein seit diesem Kraftakt? Ja, sagt SZ-Leser Wolfram Becker, der auf den halbrunden Jahrestag hingewiesen hat. Spektakulär war die Errichtung der Großskulptur tatsächlich. Trotz der arktischen Temperaturen fanden sich Hunderte Zuschauer rund um den Effnerplatz ein, um zu erleben, wie der Autokran das Oberteil auf das Unterteil setzte - und damit die "Mae West" getaufte Skulptur der US-amerikanischen Künstlerin Rita McBride zusammenfügte. Der Wirt des italienischen Restaurants "Il Galeone", direkt am Effnerplatz gelegen, dürfte damals das Geschäft seines Lebens gemacht haben.

Ein riesiger Autokran setzte an einem Januarwochenende vor exakt fünf Jahren das Oberteil auf das bereits an Ort und Stelle vormontierte Unterteil.

(Foto: Johannes Simon)

Normalerweise schließt das Restaurant gegen 23 Uhr, in dieser Nacht aber harren die Schaulustigen bis weit in die frühen Morgenstunden aus. "Viele Stammgäste haben angefragt, ob wir länger öffnen", erzählt damals ein Kellner. Der Gastraum, der etwa 100 Plätze bietet, ist gut besetzt. Auch das nahe Westin-Grand-Hotel profitiert in dieser Nacht von dem Trubel draußen auf dem Effnerplatz. Wegen der Kälte fragen immer wieder Leute an, ob sie kurzfristig ein Zimmer haben können - mit Blick auf die Mae West. Für 129 Euro die Nacht inklusive Frühstück.

Als es dann endlich losgeht mit dem Hinübersetzen des Oberteils am Sonntagabend gegen 20 Uhr wird der Verkehr auf dem Mittleren Ring gesperrt. Ebenso schalten Techniker der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) den Strom in den Oberleitungen der Trambahn am Effnerplatz ab. Damals endet der Betrieb noch an der alten Wendeschleife, die Verlängerung der Strecke nach St. Emmeram wird erst fast elf Monate später, im Dezember 2011, in Betrieb genommen. Gegen 22 Uhr schließlich fügen Arbeiter das Unter- und das Oberteil der Mae West zusammen. Arbeiter verbinden beide Teile mit 128 Schrauben. Projektleiter Wittmann atmet durch: "Jetzt haben wir's geschafft."

Seit fünf Jahren dominiert die Skulptur "Mae West" den Effnerplatz.

(Foto: Johannes Simon)

Seither steht die 52 Meter hohe Plastik am Effnerplatz, weithin sichtbar, vor allem für diejenigen, die aus Norden kommend über die Effnerstraße in die Stadt rollen. Noch immer spotten manche über den "überdimensionalen Schirmständer" oder "riesengroßen Eierbecher", Anwohner klagen regelmäßig über Erschütterungen, wenn die Trambahnen über den Platz rumpeln. Im örtlichen Stadtteilparlament gibt es zudem immer wieder Debatten darüber, wie der relativ triste Platz rund um die Skulptur belebt werden könnte. Zuletzt rückte eine Gartenbaufirma an und pflanzte einige Bäume und Büsche. Der Verkaufspavillon an der Trambahnwendeschleife ist dagegen schon seit Monaten ungenutzt. "Wahrscheinlich", sagt ein Anwohner, "ist einfach zu viel Verkehr drumherum, als dass dieser Platz irgendwann mal gemütlich werden könnte".