Boazn-Gschichtn Gin im Glockenbach

Längst kein Widerspruch mehr: der schicke Drink in der schäbigen Bar. Quo vadis, Boazn?

(Foto: Florian Peljak)

Niemals wird man sich in den modernen Trend-Läden so wohl fühlen wie in den guten alten Boazn, die der Stadt nun auch noch verloren gehen - München geht es wirklich schlecht

Kolumne von Daniela Gaßmann

Einmal wollte ich in eine Boazn gehen, und die Boazn war nicht mehr da. Stattdessen Designerstühle hinter einer polierten Scheibe, Lampenschirme und Metallkommoden. "Wo bekomm' ich jetzt ein Bier?", war mein erster Gedanke. Der zweite: "Verrückt teuer, dieses Möbelgeschäft." Der dritte: "Es ist schon wieder passiert." Schon wieder musste ich trauern um eine Kneipe - und damit um die ganze Stadt. Denn an den Boazn erkennt man, wie es München geht.

Das weiß ich schon seit einem Freitag am Ende eines Monats, als mein Geld ausging, ich aber unbedingt Bier brauchte. Die Boazn um die Ecke, dachte ich, die kann ich mir gerade noch leisten. Etwas später fragte ich am Tresen: "Wie bitte?" Nicht, weil der Wirt auf Bairisch vor sich hin nuschelte (er sprach perfektes Hochdeutsch). Sondern weil ich ihn auf Anhieb verstand: "Drei fünfzig", sagte er. So viel kostete hier inzwischen das Helle.

Genauso erschreckend fand ich die Menschen, die an diesen Bieren hingen: Mitte zwanzig, enge Jeans, Turnschuhschick. Ziemlich schön waren sie - und genau da lag das Problem. So wie sie aussahen, hätten sie auch im Glockenbachviertel Gin mit Gurke trinken können. Für mich galt das zwar auch, aber das wollte ich mir nicht eingestehen. Schließlich war ich doch schon immer so gern in die Boazn gegangen.

Eigentlich sind Boazn ja die letzten Orte, an denen München nicht so sehr München ist: Kokons für Menschen, die hier nicht studieren oder erfolgreich sind; denen das Geld fehlt oder die Lust, um mitzumachen in einer ziemlich konformen Stadt.

Nun aber werden auch diese Kokons zertreten von den schönen jungen Menschen und den steigenden Preisen. Oder noch schlimmer: von neuen Mietern, die ein Geschäft aufmachen wollen. Zum Beispiel einen Laden für Lampenschirme (und Metallkommoden, die verrückt teuer sind und die mich furchtbar traurig machen). Niemals wird man sich mit ihnen so wohl fühlen wie in den guten alten Boazn, die der Stadt nun auch noch verloren gehen - München geht es wirklich schlecht.

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