Jazz:Geschöpfe der Nacht

Peter Gall

Groove, der förmlich ins Tanzbein schießt: Schlagzeuger Peter Gall, der den Award mit seinem Quintett gewonnen hat.

(Foto: Stefan König/ BMW Group)

Peter Gall und sein Quintett gewinnen in der Philharmonie den nachgeholten BMW Welt Jazz Award 2020.

Von Dirk Wagner, München

Eigentlich war es eine Corona-bedingte Notlösung, dass man das ausstehende Finale vom letztjährigen Jazz-Wettbewerb der BMW Welt in die Philharmonie verlegt hat. Konnten doch dort viel mehr Zuschauer dem Gipfeltreffen der von einer Fachjury bestimmten Sieger-Ensembles Adam Baldych Quartett aus Polen und Peter Gall Quintett aus Deutschland beiwohnen. Das jährlich wechselnde Motto des seit 2009 vergebenen Jazz Awards lautete 2020 "The Melody At Night". Solche klassische Verknüpfung des Jazz mit der Nacht sollte wohl auch begründen, warum die Sonntagsmatineen des Wettbewerbs im vergangenen Jahr auf Dienstagabend verschoben wurden. Dann verstummten die Nacht-Melodien wegen Corona schon vor dem Wettbewerbsende. Ein Jahr später dürfen die Finalisten immerhin auf derselben Bühne spielen, auf der vor ihnen Legenden wie Ella Fitzgerald oder Miles Davis aufgetreten waren.

Manfred Frei, der einige der legendären Konzerte veranstaltet hatte, sitzt selbst im Publikum und erfreut sich mit den anderen Zuschauern an den musikalischen Höchstleistungen der Finalisten. An den Zeitreisen, für die Adam Baldych der Klangfarbe wegen auch mal zur Renaissancegeige greift. Schon auf dem 2019 erschienenen Album "Sacrum Profanum" übertrug er Kompositionen vom Mittelalter bis zur Neuzeit in den gegenwärtigen Jazz. Wobei sein Quartett damit auch live keine Zeitreise im eigentlichen Sinne zelebriert, sondern eine lyrische Verschmelzung der Zeiten. Schlagzeuger Dawid Fortuna hat dafür sein Drumset um eine große Konzerttrommel erweitert. Ferner begleitet vom Pianisten Krzysztof Dys und vom Kontrabassisten Michał Barański, umtänzelt Baldych seine Geige mal streichend, mal zupfend. Dann wiegt sich sein schlaksiger Körper zur Musik und scheint schwerelos mit ihr aufzusteigen. Mit solch zugleich spannendem und entspannendem Vortrag hätte Baldych die Trophäe fast schon gehabt, die zwischen den beiden Bühnenbereichen der konkurrierenden Ensembles stand.

BMW Welt Jazz Award

Für seine musikalischen Zeitreisen greift zweitplatzierter Adam Baldych auch mal zur Renaissancegeige.

(Foto: Peter König)

Doch dann gelingt dem Peter Gall Quintett mit einer nicht minder vielschichtigen Musik ein Groove, der förmlich ins Tanzbein schießt. Nicht, dass die All-Star-Band des Schlagzeugers hier Tanzmusik geschaffen hätte. Aber sie erzeugt einen Sound, bei dem es schwer fällt, dem Konzert zurückgelehnt zu lauschen. Schon wenn Wanja Slavin sein Saxofon nahezu erglühen lässt, möchte man von der Hitze seines Spiels angefeuert aufspringen. Dazu die spannenden Gitarrenfiguren des Amsterdamers Reinier Baas, die Klavierfantasien von Rainer Böhm, Felix Henkelhausens anmutiger Bass und das mitreißende Schlagzeug des Komponisten und Bandleaders Peter Gall. Die Qualitäten beider Finalisten mögen schwer abzuwägen sein. Doch Galls Musik gleicht mehr dem, was man jazzmusikalisch mit einer Melody at Night assoziiert. Darum wurde seinem Quintett zurecht der Jazz Award 2020 zugesprochen, derweil Baldychs Quartett immerhin den Publikumspreis für das beste Konzert in der Vorrunde erhielt: einen Auftritt beim nächsten Jazzsommer im Bayerischen Hof. Der BMW Welt Jazz Award 2022 widmet sich mit dem Motto "Key Position" dem Klavier.

© SZ/arga
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