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Jazz:Von Kürbissen und Waldfarnen

Adam Baldych

Sie sind einer der beiden Finalisten beim BMW Jazz Award: das Quartett um den polnischen Geiger Adam Baldych.

(Foto: Kasia Stanczyk)

Der sportliche Charakter von Wettbewerben wirkt in der Musik immer ein wenig fehl am Platz. Trotzdem verspricht das Finale des BMW Jazz Award in diesem Jahr besonders spannend zu werden. Und das liegt nicht nur an den tollen Bands, die da gegeneinander antreten werden.

Von Ralf Dombrowski, München

Eigentlich ist es ein schnelles Business und ein rätselhaftes noch dazu, das seiner Struktur nach vom Sport in die Kunst getragen wurde. Während es in der Klassik noch Sinn machen kann, Leistungsnachweise in der Beherrschung eines festgelegten Repertoires zu erbringen, um eine vage messbare Größe zur Unterscheidung nahezu gleich ausgebildeter Musikerinnen und Musiker an der Hand zu haben, sind Wettbewerbe im Jazz eigentlich ein Widerspruch in sich. Zwar gibt es auch dort seit ein paar Jahrzehnten Normen der Spieltechnik, die an Universitäten gelehrt werden. Will man aber volatile Größen wie Kreativität beurteilen, stehen Jurys oft vor der im Kern unlösbaren Aufgabe, Äpfel mit Kürbissen oder vielleicht sogar Waldfarnen vergleichen zu müssen. Versteht man eine Band auch noch als gestalterisches Kontinuum, wird es erst Recht unübersichtlich. Denn wer eine Vorausscheidung aus einer spezifischen Entwicklungsstufe seines Ensembles heraus gewonnen hat, kann ein gutes Jahr später schon wieder an einer völlig anderen Stelle stehen.

Der bayerische Schlagzeuger Peter Gall tritt mit seinem Quintett ebenfalls in der Philharmonie im Gasteig an.

(Foto: Stefanie Marcus)

Insofern wird das Finale des BMW Welt Jazz Awards 2020 in der pandemiebedingten Aufschubsversion auf vielen Ebenen spannend. Da ist zum einen die Frage, wie sich die beiden Siegergruppen über ein Jahr Isolation, gebremster Kommunikation und Reflexion entwickelt haben. Das Quartett des polnischen Geigers Adam Baldych war zur Zeit des Wettbewerbskonzerts bereits ein hoch strukturiertes Team in der stilistischen Gemengelage zwischen klassischen, europäischen und traditionellen Referenzen, die es aus der Perspektive improvisatorischer Deutung kammerjazzig neu bewertet hat. Der bayerische Schlagzeuger Peter Gall wiederum versammelt in seinem Quintett eine zeitgenössische All-Star-Riege der moderaten Experimentatoren und verknüpft sie auf modern jazziger Basis zu einer Laborgruppe starker Stilcharaktere, die mit dem Anspruch an Freiheit innerhalb eines strukturierenden Systems vorbildlich offen umgehen können. Diese künstlerischen Faktoren treffen auf der anderen Seite auf veränderte Rahmenbedingungen. Denn der BMW Welt Jazz Award findet am Freitagabend erstmals in der Philharmonie im Gasteig statt. Die an Mäzenatentum gekoppelte Markenpflege wird vom Rand des Olympiaparks prestigeträchtig mitten in die Stadt getragenen und hat mit dem renommierten Saal die Möglichkeit, ein großes Publikum zu empfangen. Mit diesem Finale verändert sich daher auch die Ausrichtung des Awards. Er wird durch den Spielort und die fortlaufenden Kooperationen unter anderem mit dem städtischen Kulturreferat und dem Radiosender egoFM einerseits münchnerischer in der Verortung und andererseits internationaler in der Strahlkraft. Das macht es aber für die Jury nicht einfacher, an einem Sommerabend unter dem Motto "The Melody At Night" eine Wahl zu treffen. Es bleibt eine ebenso reizvolle, wie eigentlich unlösbare Aufgabe.

Finale BMW Welt Jazz Award 2020, Philharmonie im Gasteig, Freitag, 23. Juli, 19 Uhr

© SZ/arga/pop/chj
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