SZ-Serie „Tut gut“Wie ein Grünstreifen glücklich machen kann

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Rosa Chirico, Wirtin der Trattoria Marinella in der Münchner Kirchenstraße.
Rosa Chirico, Wirtin der Trattoria Marinella in der Münchner Kirchenstraße. Catherina Hess

Rosa Chirico backt beruflich Pizze nach neapolitanischer Art. Ein Blick auf die Blumenpracht direkt vor ihrer Trattoria zeigt aber, wo ihre wahre Leidenschaft liegt.

Von Sabine Buchwald

Viele hundert Menschen radeln täglich hier vorbei. Viele ziemlich flott, weil die Kirchenstraße in Richtung Innenstadt an dieser Stelle abschüssig wird. Wenn man so des Weges kommt, weht einen von rechts an der Hausnummer 79 der Duft von kräftig gebackenem Hefeteig mit Oregano an. Links neben dem Radweg könnte man die Nase in Blumen stecken. Dafür müssten die Radler freilich anhalten. Spaziergänger jedoch bleiben tatsächlich oft stehen. Auch die Bewohner der umliegenden Häuser schauen immer wieder nach, was denn gerade so wächst. Die meisten mögen, was Rosa Chirico hier geschaffen hat. Einige unterstützen sie sogar dabei. Auf wenigen Quadratmetern Fläche ist mitten in Haidhausen ein Biotop zu finden. Wer nicht so sehr auf mit Tomatensoße und Mozzarella belegte Teigfladen steht, der hat vielleicht Freude an den Blumen auf dem Grünstreifen gegenüber der Pizzeria Marinella. Rosa Chirico ist die Wirtin hier.

Seit 19 Jahren gibt es das Restaurant, aber erst seit drei Sommern blüht es üppig vor der Eingangstür. Auf die Frage, wer das denn hier angelegt habe, verändert sich der Gesichtsausdruck der jungen Frau hinter dem Tresen. Mit einem karierten Geschirrtuch wischt sie gerade Gläser trocken. Es ist späte Mittagessenszeit an einem Dienstag, die Tische vor dem Restaurant sind noch gut besetzt. Als man Rosa Chirico nach den Blumen fragt, wird ihre gefaltete Stirn plötzlich glatt. Die Skepsis in ihrem Gesicht verschwindet. Sie beginnt zu lächeln. „Io, ich“, sagt sie. „Das ist meine Passion.“ Sie habe eigentlich keine Zeit darüber zu sprechen, wehrt sie ab. Weil sie heute für die Pizze und den Steinofen zuständig sei. Und in ein paar Tagen fahre sie in die Ferien. Heimaturlaub. Italien. Doch dann holt sie tief Luft: „Was wollen Sie wissen?“, und kommt mit raus zu den Blumen.

„Viel Arbeit“, sagt Rosa Chirico, während sie in die Hocke geht, um  welke Blütenblätter wegzuzupfen. Mit niedrigen Umrandungen in Gelb und Weiß hat sie ihr Stadtgärtchen eingezäunt. Früher war der Grünstreifen ein Abstellplatz für Fahrräder, vor allem ein beliebtes Hundeklo. „Das hat mir nicht gefallen, war auch nicht schön für die Gäste“, sagt sie. Nun müssen sich Zweiradfahrer und Vierbeiner anderswo umsehen.

Rund um einen der von der Stadt gepflanzten Straßenbäume grünt und blüht es. Manches sprießt direkt aus der Erde, anderes wächst in Töpfen und Kästen. Leicht zu erkennen sind rote Geranien, gelbe Gerbera und ein paar Gladiolen, die sich schon in die Höhe recken, aber noch ein wenig Zeit zur Entfaltung brauchen. Dazwischen stecken Margariten aus Metall und einige Solarkugeln, die bei Dämmerung milchiges Licht abgeben. Nicht von allen Pflanzen weiß Rosa Chirico, was es einmal war oder noch werden wird. Sie deutet auf einen Rosenstrauch, der nur kleine Knospen trägt und sagt: „Rosen sind kompliziert.“ Es sei nicht einfach, unter dem Baum etwas zum Blühen zu bringen. „Es gibt zu wenig Sonne.“ Vielleicht, denkt man, hätte die gebürtige Südeuropäerin überhaupt gern mehr Sonne in München, auch für sich selbst. Unter dem Ärmel ihres rechten Oberarms lugt ein Tattoo hervor. Sie hat sich zwei handtellergroße Rosen stechen lassen, passend zu ihrem Vornamen. Rosen, die nie verblühen. Rosa Chirico lacht.

Die Chefin der Trattoria Marinella stammt wie ihr Mann aus Salerno, südöstlich von Neapel. Auf ihrer Webseite werben sie für die Pizza aus ihrem Haus. „Von Italienern“ gemacht, leidenschaftlich, original, mit 1a-Zutaten und Buchenholz im Holzofen gebacken.

Ihr Hobby geht ins Geld

Leidenschaft, Passion, davon spricht Rosa Chirico immer wieder. Die Reihenfolge der Themen steht für sie fest. Nummer eins sind für sie die Blumen, dann kommt ihr Sohn und danach – natürlich – das Lokal.

Und ihr Mann? Sie schaut zu ihm, wie er gerade zwei Teller mit dampfender Pasta zu einem Tisch trägt. „Er unterstützt mich.“

„Ich finde toll, was meine Frau macht“, sagt er, als sie kurz ins Haus geht und sein Kompliment nicht hören kann. Zuvor hatte sie noch erzählt, dass ihr Mann, wann immer sie möchte, mit ihr ins Gartencenter des nächsten Baumarkts fährt, um neue Pflanzen zu kaufen. „Wir investieren jedes Jahr 200 bis 300 Euro.“ Minimum. „Im Winter geht alles kaputt. Im Frühjahr muss ich wieder neu anfangen.“ Im viel wärmeren Salerno wäre das wohl anders. „Macht nichts, ich liebe es“, sagt Rosa Chirico. Machen die Blumen sie glücklich? „Ja!“

Auf wenigen Quadratmetern grünt und blüht es.
Auf wenigen Quadratmetern grünt und blüht es. Catherina Hess

Es ist eigentlich kein Geheimnis: Bäume, Blumen und Grünflächen wirken positiv auf das Wohlempfinden von Menschen. Besonders Städter könnten davon profitieren, fand Heike Tost in einer Studie am Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim heraus. Die Psychologie-Professorin untersuchte mit ihrem Team, was in Gehirnen in grüner Umgebung vor sich geht. Ihr Ergebnis in aller Kürze ausgedrückt: Mit Pflanzen lässt sich Stress kompensieren.

Für Rosa Chirico bedeuten sie eine Auszeit von Küche und Tresen. Ihr Grünstreifengarten ist auch Ersatz für einen Balkon, den ihre Wohnung nicht hat. Sobald sie mal eine halbe Stunde erübrigen kann, ist sie draußen. Und die Pflanzen bringen ihr Anerkennung. Allein in der kurzen gemeinsamen Zeit konnte man Gäste „Wie schön!“ raunen hören und schnappte neugierige Blicke von Radlern auf.

Diebe haben keine Chance

Aber: „Sie brauchen viel Wasser, wenn es heiß ist“, sagt Rosa Chirico. Am Abend gießt sie kräftig mit dem Gartenschlauch, und wenn sie mal nicht da ist, wie jetzt während des Urlaubs, beauftragt sie eine Frau aus der Nachbarschaft zum Gießen.

Überhaupt die Nachbarn. Sie schauen auf den kleinen Garten, sprechen darüber. Als eines Nachts jemand die bepflanzte Schubkarre stehlen wollte, haben aufmerksame Anwohner die Polizei gerufen. So konnte der Diebstahl verhindert werden. Auch das rot lackierte Fahrrad, das sie gefunden und integriert hat, steht jetzt schon eine Weile dort. Rosa Chirico schaut auf die Mehrfamilienhäuser gegenüber. Sie weiß jetzt, dass ihr Garten sicher ist. Aber ist dieses Urban-Gardening überhaupt erlaubt?

Die Pizzeria-Chefin zuckt mit den Schultern. Noch habe sich niemand beschwert. „Die Stadt sollte mir dankbar sein“, sagt sie. Ich kaufe die Blumen und zahle das Wasser. Manchmal findet sie am Morgen einen Topf, den jemand dazu gestellt hat. Dann freut sie sich und fühlt sich bestätigt.

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