bedeckt München 10°

Blogparade #femaleheritage:Gemeinsam Lücken schließen

Die Monacensia ruft zur digitalen Spurensuche auf: Ein offener Blog unter dem Schlagwort #femaleheritage soll an wichtige Frauen der Stadt erinnern

Von Sabine Buchwald

Es könnte eine Anekdote zu Annette Kolb sein, der leidenschaftlichen Autorin und Friedensaktivistin, oder ein neuer Gedanke zu der Schriftstellerin Lena Christ und deren traurigem Ende. Die Monacensia wäre empfänglich für jede schriftliche Äußerung über diese beiden Frauen, die einst in München lebten. Willkommen wären sicher auch Zeilen zu Fanny Moser, der Schweizer Zoologin und Parapsychologin, die Ende der 1920er Jahre eine Weile hier wohnte. Wer von letzterer noch nie gehört hat, könnte womöglich durch das Forschungsprojekt "Frauen und Erinnerungskultur" der Monacensia mehr von ihr erfahren. Oder von Anita Augspurg, Grete Weil und Marie Haushofer. Das aber sind nur Gedankenspiele, die Möglichkeiten und Chancen dieses auf fünf Jahre angelegten Projektes aufzeigen sollen.

Auftakt dazu ist eine sogenannte Blogparade, die am kommenden Mittwoch, 11. November, unter #femaleheritage startet. Der Titel impliziert, um was es geht: um weibliches Erbe. Mit dem Blog beginnt das Literaturarchiv Monacensia eine digitale Spurensuche. Die Monacensia versteht sich als das "literarisches Gedächtnis Münchens" und bemüht sich schon seit längerem, die Lücken in diesem Gedächtnis zu füllen und Erinnerung lebendig zu halten. Dass Defizite insbesondere beim Vermächtnis von Frauen zu finden sind, mögen Zahlen verdeutlichen. Sie offenbaren ein Ungleichgewicht der Geschlechter selbst in einer Einrichtung, die seit Jahrzehnten von Frauen geleitet wird. Dort werden derzeit Dokumente von 464 Schriftstellern, aber nur von 91 Schriftstellerinnen aufbewahrt. Man besitzt Nachlässe, Vorlässe oder Teilnachlässe von 181 Schriftstellern, doch nur 59 von Schriftstellerinnen. Zwischen 2015 und heute hat die Monacensia für Literaten 470 000 Euro ausgegeben, für Literatinnen nur 31 000.

Diese Diskrepanz mag mit daran liegen, dass wenig Material zur Verfügung steht. Es fehle gerade aus den Biografien von Frauen viel", sagt Anke Buettner, seit knapp zwei Jahren Leiterin der Monacensia. Denn viele Quellen und Erinnerungsstücke seien während der beiden Weltkriege oder bewusst von den Nationalsozialisten zerstört worden. Buettner erhofft sich mit dem neuen Projekt viele neue Erkenntnisse und eine Antwort auf die Frage: "Wer gehört eigentlich zu unserer Stadt?"

Mit welchen Inhalten sich der Blog füllen wird, ist vorab kaum absehbar. Man wünsche sich einen breiten Blick auf das Thema Frauenpersönlichkeiten, sagt die Kunsthistorikerin Tanja Praske, die für die Monacensia den Blog betreut. Das Augenmerk müsse sich nicht nur auf Literatinnen richten, findet sie. Es könnten auch Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen oder Sportlerinnen sein, die einen Bezug zu München haben.

Female Heritage

Anke Buettner leitet seit knapp zwei Jahren die Monacensia und träumt davon, vergessene Autorinnen wieder zu entdecken.

(Foto: Monacensia)

Explizit sollen nicht nur Texte von literarisch Versierten Eingang finden oder gar nur von Bloggerinnen und Bloggern, die mit dem Schreiben von digital publizierten Texten vertraut sind. Man setzt auf das Interesse von Wissenschaftlern, Studierenden und Schülern sowie Kollegen aus anderen Kulturhäusern. Angeschoben haben Buettner und Praske die Blog-Aktion bereits vor einigen Monaten. Sie haben gut 30 Institutionen angesprochen und dabei festgestellt: "Das Thema brennt." Beiträge versprochen haben bereits unter anderem das Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum in Osnabrück, das Historische und das Jüdische Museum in Frankfurt, der Adalbert-Stifter-Verein in München, die Bayerische Schlösser und Seenverwaltung und das Landesmuseum Württemberg.

Der Fokus solcher Institutionen mag kalkulierbar sein, je nachdem, mit welchen Themen sie sich befassen. Welches Wissen über Frauen darüber hinaus ans Licht kommen wird, das ist wohl das Spannende an diesem Ansatz. Ein offener Blog lebt von seinen Einträgen und letztlich davon, wie bekannt er in der Webgemeinde wird.

Die Zeit ihn zu füttern, hat die Monacensia auf vier Wochen begrenzt. Beworben und vernetzt werden soll die Aktion über Facebook, Instagram und Twitter. Anders als Äußerungen in diesen sozialen Medien werden die Beiträge, die unter #femaleheritage erscheinen, direkt auf mögliche antidemokratische, rassistische oder frauenfeindliche Haltungen geprüft. Praske wird mit zwei Mitarbeiterinnen die Texte redigieren oder kommentieren, je nachdem wie sie eintreffen. Dies kann ein fertig gestalteter Artikel sein, der dann über die Einladung der Monacensia verlinkt wird. Texte können auch in einer Mail an Praske geschickt werden. Eventuelle Änderungen werde sie mit den Verfassern diskutieren, verspricht sie.

Eine ähnliche Blog-Aktion hatte die Monacensia bereits anlässlich der Erika-Mann-Ausstellung organisiert. Sie war Teil der digitalen Begleitung der Ausstellung. Zur Teilnahme aufgefordert waren Forschungseinrichtungen und sogenannte GLAM-Einrichtungen: "Galeries, Libraries, Archives, Museums", also Galerien, Bibliotheken, Archive und Museen. Die Ergebnisse dieser institutionellen Vernetzungsaktion sind einsehbar auf der Seite der Münchner Stadtbibliothek, zu der die Monacensia gehört.

Diesmal soll nicht nur eine Frau ins Bewusstsein rücken, sondern das Schicksal vieler Frauen. Vielleicht wissen wir im Moment von mancher nicht allzu viel; vielleicht verstauben irgendwo Schriften von Autorinnen die nicht mehr verlegt werden. Diese wieder zugänglich zu machen, so etwas wäre ein Fest für Buettner. Sie wolle stärker als in der Vergangenheit die Arbeit der Monacensia in Projekten bündeln und auf digitale Formate setzen, erklärt sie. In Zeiten von Ausgangsbeschränkungen und nicht allzu üppigen Kulturmitteln wirken solche Wege sehr weise. Die Monacensia im Hildebrandhaus steht jedem offen, der kommen mag. Material im digitalen Raum, ist auch zugänglich für jeden, der nicht kommen kann. Katrin Habenschaden, Zweite Bürgermeisterin, ist Schirmpatin des mehrjährigen kooperativen Forschungswegs. Sie erwartet von einer differenzierteren Erinnerungskultur ein neues Zugehörigkeitsgefühl. "Denn niemand sollte unterschätzen, was es bedeutet, wenn ganze Gruppen im kulturellen Gedächtnis einer Gesellschaft kaum auftauchen."

Frauen und Erinnerungskultur - Blogparade #femaleheritage, 11. Nov. bis 9. Dez. 2020; blog.muenchner-stadtbibliothek.de; info@tanjapraske.de

© SZ vom 07.11.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema