Die global verzweigte Schmetterlingsgattung Polygonia kommt in ihrem speziellen Outfit derart schick daher, dass man sich kaum entscheiden kann, wer in dieser Edelfalterfamilie denn nun die Schönheitskür gewinnt. Polygonia gigantea, der als XXL-Version durch China flattert? Polygonia gracilis, der als besonders elegant gemusterter Artgenosse in den USA und in Kanada zu Hause ist? Oder vielleicht doch der C-Falter, dem man auch in Europa häufig begegnet?
Schwere Entscheidung. Gemein ist den Polygonia neben ihrer schwarz gesprenkelten und zwischen Hellbraun und sattem Orange changierenden Tönung jedenfalls ein Flügeldesign, das bereits im Familiennamen steckt. Lässt sich der doch aus dem Griechischen etwa mit „viele Winkel“ übersetzen, was uns wiederum direkt zu jener Musik führt, von der hier die Rede sein soll.
Just unter dem Alias Polygonia kreiert die Münchner Elektronik-Produzentin Lindsey Wang nämlich seit einigen Jahren Tracks, die sich neben einer ausgeprägten Lust am naturinspirierten, man könnte auch sagen „organischen“ Klang auch durch ihren rhythmisch verwinkelten Charakter auszeichnen. Denn während vor allem im House der Viervierteltakt als „Four to the floor“ schnurgerade voranpumpt, morphen und mäandern die Tracks aus Wangs Maschinen mitunter auf eine derart komplexe Weise durch die Gehörgänge, dass man womöglich etwas braucht, um sich ihrer Magie zu öffnen.
Ist das aber erst mal passiert, eröffnen sich einem etwa auf ihrem jüngsten Album „Dream Horizon“ in der Tat faszinierende neue Horizonte träumerischer Natur. Kommt man hier doch in den Genuss eines Sounddesigns, so kühn und kunterbunt, dass es einem vor lauter filigran klingelnder, sirrender, britzelnder, blubbender und klöppelnder Details ganz blümerant werden kann.
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Mal von „Soul Reflections“, deren hypnotischer Beat von etwas umschwirrt wird, das wie die synthetisierte Form eines Insektenschwarms wirkt. Mal von einem atarisoundhaft verzwirbelten „Mindfunk“, mit dem sie dem Minimal-Techno neue psychedelische Seiten abgewinnt. Oder auch von einem Track wie „Essential Breath“, der einen auf gehauchter Atemübungsbasis mit ätherischen Saxofonsprengseln sacht und langsam wieder von diesem vielgestaltigen Trip herunterbringt.
Es sind Tracks, an denen sich kategorisierungsfreudige Rezensenten schier die Zähne ausbeißen können. Denn auf wundersame Weise steckt hier zwischen Techno, Breakbeats, Bassmusik, House, Electro, Ambient und IDM einerseits so ziemlich alles drin, was die elektronische Musik hergibt. Andererseits fließt all das eben auch auf derart ungreifbare Art und Weise zusammen und wieder auseinander, dass man in Sachen stilistischer Einordnung alsbald lieber die Segel streicht.
Mit dem Trio Lyder, das Lindsey Wang (auch als lautmalerisch begabte Impro-Sängerin und Violinistin) zusammen mit Niklas Bühler und Moritz Stahl betreibt, ist sie zuletzt auch in einer kosmisch-elektronischen Form des Jazz angekommen, der ebenso viele spannende Momente bereithält wie die plastischen Grooves ihres Kollaborationsalbums „Candid“, das sie mit dem Münchner Drummer Simon Popp einspielte. Fürs Erste darf man sich nun jedoch auf ihr nächstes Set als Resident-DJ im Blitz Club freuen, dem bis zum Ende des Clubs auf der Museumsinsel im September hoffentlich noch einige folgen werden.
Polygonia, Freitag, 24. April, Einlass 23 Uhr, Blitz Club, Museumsinsel 1

