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Blick aus Québec:Hilfe zu Hause

Alzheimerpatienten werden daheim von Spezialisten betreut

Von Freunden kann man lernen, vor allem wenn die Freundschaft schon seit 27 Jahren besteht. Solange ist nämlich der Freistaat Bayern in einer Partnerschaft mit der kanadischen Provinz Québec verbunden. Zwischen Québec und Bayern gibt es rund 600 Kooperationsprojekte in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Kultur, Politik und Verwaltung. Warum könnte München also nicht eine gute Idee aus Québec übernehmen, die vor allem alten Menschen zugute kommt? In der frankophonen Provinz gibt es eine interessante Lösung für Alzheimerpatienten. Früher kamen solche Menschen bei den ersten Anzeichen der Krankheit in eine Spezialklinik. Heute können sie viel länger zu Hause bleiben, was sich sicher die meisten Patienten wünschen.

In Québec hat man sich etwas dazu ein-fallen lassen: Ein Team von Allgemeinärzten, die sich eine interdisziplinäre Gruppenpraxis teilen, kümmert sich so lange wie möglich um Alzheimerpatienten. In Québec gibt es bereits rund 270 dieser Gruppenpraxen. Die Allgemeinärzte arbeiten mit spezialisierten Krankenschwestern, Sozialarbeitern, Apothekern, Kinesiologen, Atemtherapeuten, Ernährungsexperten und Krankenpflegepersonal zusammen. Auf diese Weise können sie auf komplexe Bedürfnisse von Alzheimerpatienten eingehen. "Die Krankenschwestern spielen hier eine wichtige Rolle", sagt Howard Bergman von der McGill-Universität in Montreal, ein Arzt, Altersforscher und der geistige Vater dieses Programms. "Das bedeutet, dass die alten Patienten eine Fachkraft in Anspruch nehmen können, die mehr Zeit für sie in einem vertrauten Umfeld hat."

Als ersten Schritt ermitteln Vertreter des örtlichen staatlichen Gesundheitszentrums, welche Dienste der Alzheimerpatient unbedingt braucht. Die Kosten für diese Leistungen übernimmt die Provinz Québec. Darüber hinaus gibt es private Unternehmen, die den Alzheimerpatienten zusätzlich in seinem Haus oder seiner Wohnung unterstützen. Bei der Firma "Bien chez soi" in Montreal fahren die Mitarbeiter beispielsweise alte Menschen im Auto zu Arztterminen, ins Seniorenzentrum (das von der Regierung finanziert wird), zu Freizeitaktivitäten oder zum Verwandtenbesuch. Sie kleiden und waschen die Patienten, bereiten ihnen Mahlzeiten zu oder leisten ihnen einfach Gesellschaft. Sie putzen die Wohnung, erledigen die Einkäufe und gehen mit den Patienten spazieren. Die Provinz Québec vergütet 33 Prozent der anfallenden Kosten für die Dienste solcher privaten Firmen. Das hilft nicht nur alten Menschen, sondern auch den Angehörigen.

© SZ vom 14.11.2016
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