Kritik:Macht und Not

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Kritik: Ungewollt umarmt: Lucca Züchner und Thorsten Krohn in "Blaubart Variationen".

Ungewollt umarmt: Lucca Züchner und Thorsten Krohn in "Blaubart Variationen".

(Foto: Kulturbühne Spagat/Bachmeier)

Jochen Strodthoff entwirft an der Kulturbühne Spagat die "Blaubart Variationen" mit Lucca Züchner und Thorsten Krohn.

Von Egbert Tholl

Ein kleines Spiel, du darfst nur mit ja oder nein antworten. Darf ich dich einladen, dir mein Schloss zeigen, dich küssen? Darf meine Zunge deinen Mund erkunden? Immer weiter, immer zudringlicher werden die Fragen, die Antworten kommen immer zögerlicher, weil nur Ja oder Nein, beides geht nicht, vielleicht irgendwas dazwischen, aber das erlaubt das Spiel ja nicht. Und aus Attraktion wird Drangsal. Also Flucht, raus aus dem schwebenden Kasten, unter dem man nur die untere Hälfte der Beine sah. War nur eine Probe, aber so geht das nicht, da kann der Regisseur oder Spielpartner oder beides noch so überlegen tun. Das tun sie ja gern, die Herren.

Das Schöne an den "Blaubart Variationen", deren Text Jochen Strodthoff zusammengestellt, teils selbst geschrieben und dann auch inszeniert hat, ist ihre Subtilität. Blaubart ist der märchenhafte Unhold, der es bis in die Oper geschafft hat, der durch zahlreiche Erzählungen geistert, der Frauen in die Falle seines Schlosses lockt und dort umbringt. Strodthoffs Variationen bleiben beim Geschichtenerzählen, die Macht des Mannes über die Frau, seine lauernde Mordgier, das Manipulative vermitteln sich auch so.

Lucca Züchner hat in der Inszenierung von Thorsten Krohn der Kulturbühne Spagat in Milbertshofen bereits das preisgekrönte Missbrauchs-Stück "Kitzeleien" beschert, das Anfang November wieder aufgenommen wird. Nun stehen sie beide auf der Bühne, spielen Macht und Not, singen und erzählen. Jürgen Reiter hat dafür sehr wirkungsvolle Musik geschrieben, man sieht ihn im Video am Kontrabass - die Songs und vor allem der Rap, mit dem Züchners allumfassende Frauenfigur sich aus der Umklammerung männlicher Mordsgelüste befreit, hätten ein eigenes Album verdient. Einzig ein bisschen seltsam an dem Abend ist, dass die Gier der Frau nach Schloss und Geld recht unwidersprochen vorhanden bleibt. Wobei: Im Spiel allein macht Züchner die dann doch zunichte (erst mal bis Sonntag, 30. Oktober).

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