Freizeit:Mit allen Sinnen

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Freizeit: "Die Welt mit anderen Augen sehen" heißt das Motto beim Biotopia-Festival. Wie fühlt sich etwa ein Chamäleon an, wenn es über die Haut krabbelt? Das Thema "Fühlen" ist nur einer der vielen Programmpunkte des Festivals.

"Die Welt mit anderen Augen sehen" heißt das Motto beim Biotopia-Festival. Wie fühlt sich etwa ein Chamäleon an, wenn es über die Haut krabbelt? Das Thema "Fühlen" ist nur einer der vielen Programmpunkte des Festivals.

(Foto: Andreas Heddergott)

Was sehen Fische, fühlen Pflanzen, besprechen Schleimpilze? Das Biotopia-Festival widmet sich ein Wochenende lang dem Thema Wahrnehmung. Erwachsene und Kinder erleben hier moderne Wissenschaft auf unterhaltsame Weise - bei freiem Eintritt.

Von Greta Hüllmann

Der Mensch widmet sich meistens erst dann seinen Sinnen, wenn sie nicht mehr reibungslos funktionieren. Solange er noch nicht schlecht hört, die Buchstaben vor den Augen noch nicht verschwimmen oder eine Covid-Infektion den Geschmackssinn beeinträchtigt, gibt es vermeintlich wenig Grund, sich näher mit den Sinnen zu beschäftigen. Geschweige denn mit denen von Tieren und Organismen. Was sehen Fische, fühlen Pflanzen, hören Insekten, spüren Spinnen oder besprechen Schleimpilze? Immerhin, das Interesse an solchen Fragen wird größer, geweckt auch durch Bestseller wie Peter Wohllebens "Das geheime Leben der Bäume" oder die "Terra X"-Reihe im Fernsehen. Das Biotopia-Festival widmet sich nun zwei Tage lang dem Thema Wahrnehmung und lädt unter dem Titel "Die Welt mit anderen Augen sehen" am 1. und 2. Oktober ins Museum nach Nymphenburg. Mehr als 60 Programmpunkte laden im Hubertussaal, im Museum selbst, im Botanischen Garten und dem Experimentierraum Biotopia-Lab zum Mitmachen, Ausprobieren und Kreativ-Sein ein. Neben Vorträgen in englischer und deutscher Sprache, Führungen und Experimenten gibt es viele auf Kinder zugeschnittene Angebote.

Die Sinne der Tiere

Freizeit: Auch bestimmte Quallenarten nehmen ihre Umwelt wahr, etwa durch ihre schmalen Augen. Doch was sehen die genau? Darauf geben Experten Antworten.

Auch bestimmte Quallenarten nehmen ihre Umwelt wahr, etwa durch ihre schmalen Augen. Doch was sehen die genau? Darauf geben Experten Antworten.

(Foto: Hiromu Tanimoto)

Froschembryos, das sind winzige längliche Körper und zwei schwarze Augen in einer wabbeligen Hülle. So weit, so banal. Diese schleimigen Vorstufen von Fröschen sind allerdings faszinierend, denn sie können Vibrationen ihrer Umwelt spüren und entsprechend reagieren. Wenn eine Schlange sie bedroht, schlüpfen sie geschwind. Regnet oder donnert es oder bebt die Erde, bleiben sie hingegen tiefenentspannt in ihrer weichen Hülle. Das ist eines der vielen Beispiele, die der malaysisch-britische Journalist, Autor und Pulitzer-Preisträger Ed Yong in seinem Buch "An Immense World" beleuchtet. Er analysiert die Sinne der Tiere, die ihre Umwelt auf für den Menschen kaum vorstellbare Weisen wahrnehmen. Seine Faszination teilt auch Jackie Higgins, britische Zoologin, Dokumentarfilmerin und Autorin, die sich in ihrem Buch auf eine ähnliche Reise begibt. Während Yong sich ganz auf die Tiere fokussiert, beschreibt Higgins die Sinne einiger Tiere, um die menschlichen besser zu verstehen. Jackie Higgins wird am 1. und Ed Yong am 2. Oktober um 15.30 Uhr im Hubertussaal des Nymphenburger Schlosses von ihren Erkenntnissen und bizarren Fähigkeiten von Frosch, Spinne & Co. erzählen.

Hören

Freizeit: Ein wissenschaftlicher Höhepunkt ist der neuronale Synthesizer "CellF". Der kann jede Menge, etwa ein neuronales Netzwerk, also eine Art Nervensystem, in einer Petrischale wachsen lassen.

Ein wissenschaftlicher Höhepunkt ist der neuronale Synthesizer "CellF". Der kann jede Menge, etwa ein neuronales Netzwerk, also eine Art Nervensystem, in einer Petrischale wachsen lassen.

Amselgesang wird seit Jahrhunderten in Gedichten und Liedern romantisch verklärt, das Tschilpen der Meisen begleitet fast jeden Sommertag - zumindest, wenn man auf dem Land wohnt. Wie aber klingt das wohl, wenn man Stimmen bedrohter Vogelarten, wie etwa dem Sumpfrohrsänger, mit den Geräuschen von Wasser und wachsenden Pflanzen oder Pilzen mischt? So wie der ganz spezielle Soundtrack auf dem Album "Wake Up Calls" des britischen Musikers Cosmo Sheldrake. Der hat nicht nur einen netten ornithologischen Soundtrack für die Morgenstunden gebastelt, seine Mission ist vielmehr, die Hörer auf das Artensterben aufmerksam zu machen. Dem eigenwilligen Klangmix kann man bei seinem Konzert am 2. Oktober im Hubertussaal lauschen. Den Hörsinn reizen auch "Tönende Tiere", ein Vortrag zu Tierlauten, der mit Videos und Musik unterlegt ist (1. Okt., 19 Uhr, Hubertussaal) und viele Mitmachangebote auf dem Gelände. Über einen Livestream können etwa Fledermäuse und ihre Orientierung mithilfe der Echolokation beobachtet werden (1./2. Okt., 10-18 Uhr, Orangeriesaal Schloss Nymphenburg), und eine akustische Exkursion soll für die vielen Stimmen der Natur sensibilisieren (1. Okt., 15 Uhr, Eingang Museum, Anmeldung unter biotopia.net). Ein wissenschaftlicher Höhepunkt ist der "CellF" im Vortragssaal des Museums Mensch und Natur. Der neuronale Synthesizer sieht erstmal nach einem Laptop und jeder Menge Kabelgewirr aus. Er kann aber jede Menge: So lässt er ein neuronales Netzwerk, also eine Art Nervensystem, in einer Petrischale wachsen. Außerdem sind die Neuronen mit einem Synthesizer verbunden, über den sie Klänge produzieren. Am Samstag (19 Uhr) und Sonntag (17 Uhr) singt die Opernsängerin Corinna Ruba gemeinsam mit dem CellF. Wie das dann klingt, muss man selbst erleben.

Sehen

Freizeit: Mit den "Helmen der Wahrnehmung" sollen Kinder und Erwachsene ausprobieren, wie es wäre, wie Tiere Fühler oder Augen an den Schläfen zu haben (v.li.n.re.): Festivalleiterin Nina Möllers, Biotopia-Gründungsdirektor Michael John Gorman und Produktionsleiterin Dora Dzvonyar).

Mit den "Helmen der Wahrnehmung" sollen Kinder und Erwachsene ausprobieren, wie es wäre, wie Tiere Fühler oder Augen an den Schläfen zu haben (v.li.n.re.): Festivalleiterin Nina Möllers, Biotopia-Gründungsdirektor Michael John Gorman und Produktionsleiterin Dora Dzvonyar).

(Foto: Andreas Heddergott)

Es könnte auch eine futuristische Szene aus einem neuen "Star Wars"-Film sein. Menschen tragen silberne Metallhelme, die ihre Gesichter verdecken. Anstelle von Augenschlitzen zeigen die Augen des einen Helmes nach oben, die eines anderen seitwärts. Mit den "Helmen der Wahrnehmung" sollen Kinder und Erwachsene ausprobieren, wie es wäre, Fühler oder Augen an den Schläfen zu haben. Auf dem Schlosshof vorm Museum können so den ganzen Tag über die Perspektiven gewechselt werden. Neben der Position tierischer Augen kann auch ihre Farbwelt oder Funktionsweise erkundet werden. Viele Säugetiere sehen zum Beispiel die Welt in Blau und Gelb. Die Station "Binokulare Wellen" erforscht, was passiert, wenn jedes Auge unterschiedliche Farben, Formen und Bewegungen wahrnimmt (1./2. Okt., 10-18 Uhr, Pädagogikräume Museum Mensch und Natur). Einen wissenschaftlichen Blick auf die Augen werfen die Professoren Harald Luksch und Martin Heß. Luksch ist Neurobiologe und erforscht die Orientierung von Organismen im Raum. In seinem Vortrag am Samstag erklärt er, wie komplex das Sehen eigentlich ist (1. Okt., 14.30 Uhr, Hubertussaal). Der Zoologe Martin Heß postuliert "Ein Fisch sieht das, was du nicht siehst" und wird am Sonntag das Rätsel lösen, was uns Fischaugen voraus haben (2. Okt., 12.15 Uhr, Hubertussaal).

Schmecken

Was sind die ersten Assoziationen, wenn man die Worte Biochemie und künstliche Intelligenz hört? Keine, weil es viel zu komplex klingt? Woran ziemlich sicher niemand denkt, ist Alkohol, genauer gesagt Whisky. Das haben dafür Paulyna Mendoza Quintero und Christoph Wichmann vom Start-up "Harmonize" übernommen. Das Unternehmen ist beim Max-Planck-Institut für Biochemie in Martinsried angesiedelt und versucht, den Geschmack von Whisky technisch einzufangen und zu verbessern. Dabei hilft ihnen eine künstliche Intelligenz, die die hunderttausenden Moleküle, die an der Zunge andocken, analysiert. Mendoza Quintero und Wichmann sprechen am 2. Oktober um 12.45 Uhr im Hubertussaal über ihr Projekt und das edle Ziel, nie wieder schlechten Whisky trinken zu müssen. Neben dem Versuch der Geschmacksoptimierung widmet sich ein Vortrag Rezepten, die sich dem Klima anpassen, so besagt es zumindest der Titel "Tasting Tomorrow: Recipes for Climate Adaption". Den Vortrag hält der amerikanische Experimentalkünstler Jonathon Keats, der bekannt ist für seine kuriosen Ideen. So versuchte er zum Beispiel einmal, Gott chemisch nachzubilden, choreografierte ein Ballett für Bienen oder filmte einen Porno, der Pflanzen erregen soll. Was Keats am 1. Oktober um 16.10 Uhr im Hubertussaal proklamiert, macht neugierig.

Riechen

Freizeit: Beim Festival steht die "olfaktorische Künstlerin" Klara Ravat im Geruchslabor und kreiert Gerüche der Natur.

Beim Festival steht die "olfaktorische Künstlerin" Klara Ravat im Geruchslabor und kreiert Gerüche der Natur.

(Foto: Artemis Malta)

Klara Ravat ist eine "olfaktorische Künstlerin", die Kunst, Film und Gerüche in ihrer Arbeit verbindet. Mal sucht sie nach Gemeinschaft inklusive Rosentee-Zeremonie, dann begleitet sie die Geruchsveränderung von Menschen, die eine Geschlechtsumwandlung vornehmen. Beim Biotopia-Festival steht Ravat im Geruchslabor und kreiert Gerüche der Natur (1./2. Okt., 10-18 Uhr, Schloss Nymphenburg). Das Riechorgan spielt auch bei der Installation "Verlorene Düfte" im Biotopia-Lab eine zentrale Rolle (1./2. Okt., 10-18 Uhr). Hier können ausgestorbene Blumen beschnuppert werden, deren menschengemachtes Ableben uns zum Handeln für die Zukunft auffordert. Für Kinder ist der Artenschutzhund Tane sicherlich das Aufregendste im Geruchs-Department. So können sie etwa mit ihm vor dem Biotopia-Lab auf Geruchssuche gehen und dabei erfahren, was ein Naturschutz-Spürhund tut. Über die immense Bedeutung des Riechens für Pflanzen und Tiere lernt man im Vortrag des Verhaltensphysiologen Bill Hansson am 2. Oktober, 11 Uhr, im Hubertussaal.

Fühlen

Freizeit: Spinnenhaare können mehr als Menschenhaare. Sie spüren ihre Umgebung durch die feinen Härchen auf ihrem Körper auf.

Spinnenhaare können mehr als Menschenhaare. Sie spüren ihre Umgebung durch die feinen Härchen auf ihrem Körper auf.

(Foto: Jakob Gübel)

Haare können mehr als hübsch auszusehen. Ihre Funktionen hören für den Menschen bei der Wärmeregulierung und dem Auffangen von Schweiß allerdings auch schon auf. Anders bei Spinnen. Sie spüren ihre Umgebung durch die feinen Haare auf ihrem Körper. Luft, Vibration, all das gibt ihnen ein Gefühl für ihre Umgebung und hilft ihnen, zu jagen und zu kommunizieren. Interessierte können in den Pädagogikräumen des Museums Mensch und Natur ausprobieren, was es heißt, als Spinne auf der Welt zu leben. Weniger tierisch, aber nicht minder aufregend ist der Erdbebensimulator im Museum, der einen die Stärke vergangener Erdbeben nachempfinden lässt.

Bewegen

Freizeit: Die Tänzerinnen und Tänzer der Iwanson School zeigen Performances, laden aber auch dazu ein, selbst zu tanzen und in Tanz-Workshops neue Schritte und Bewegungen zu üben.

Die Tänzerinnen und Tänzer der Iwanson School zeigen Performances, laden aber auch dazu ein, selbst zu tanzen und in Tanz-Workshops neue Schritte und Bewegungen zu üben.

(Foto: Khali Ackford)

Wer über sich hinauswachsen oder das Gelernte durch Bewegung verarbeiten möchte, kann das mit der Münchner Iwanson International School of Contemporary Dance im Orangeriehof tun. Die Tänzerinnen und Tänzer zeigen Performances, laden aber auch dazu ein, selbst zu tanzen und in Tanz-Workshops neue Schritte und Bewegungen zu üben (1./2. Okt. 10.30, 13.00, 15.30). Für Kinder gibt es auch einiges zu erleben. Unter den Namen "Peppina und Pimpernell" kommen Sophie und Marie Nüzel mit ihrem Tanztheater zum Festival, um Kindern durch Tanz, Musik und Installation mehr über die Sinne der Pflanzen beizubringen (1./2. Okt. 11.45, 14.15, 16.45 Uhr).

Biotopia-Festival, 1. und 2. Oktober, Biotopia Naturkundemuseum Bayern, Schloss Nymphenburg, Infos und Programm unter biotopia.net

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