Biotopia Mehr als man essen kann

Beim Festival "Eat: Wie schmeckt die Zukunft" in Schloss Nymphenburg geht es am Sonntag um Ernährung im weitesten Sinn: Von den Tricks der fleischfressenden Pflanzen bis zum Fermentierungs-Workshop

Von Franz Kotteder

Ernährung ist nun wirklich ein weites Feld, und wem das bisher noch nicht klar war, der möge nur in das Programm zum Festival "Eat: Wie schmeckt die Zukunft?" schauen, das an diesem Sonntag von zehn bis 18.30 Uhr in Schloss Nymphenburg stattfindet. Da gibt es einen Vortrag des populären Philosophen Richard David Precht (15.15 Uhr, Hubertussaal) mit anschließender Diskussion auf Englisch. Es geht um "Die Tricks der fleischfressenden Pflanzen", aber auch darum, "wie der Geschmackssinn funktioniert". Ausgerechnet Vogelkundler scheinen darüber ganz besonders gut Bescheid zu wissen, denn Aufklärung darüber leistet das Max-Planck-Institut für Ornithologie im Vorraum zum Orangeriesaal. Manches klingt auch ein bisschen nach Nischenprogramm, wie der Vortrag: "Höhlenbären, die großen Vegetarier der Eiszeit?" Anneke van Heteren von der Zoologischen Staatssammlung spricht darüber um 13.05 Uhr. Sie ist gewiss drin im Thema, schließlich hat sie zu Höhlenbären promoviert, 2012 in London. Und irgendwie stellt man sich Höhlenbären ja auch ganz possierlich vor. Bei anderen Veranstaltungen tut man sich jedoch schwerer, sich überhaupt etwas vorzustellen. Was sind zum Beispiel "Food Tarot" oder "electrolickable Candies"? Das kann man den ganzen Tag über im "Extreme Biopolitical Bistro" erkunden. Vier Kunsttechnologen, Philosophen und Designer werden das im Johannissaal einrichten; ein "Hackerspace für essbare Zukünfte" soll das werden. Wer jetzt damit immer noch nichts anfangen kann, der sollte am besten mal hinschauen, so ist wohl das Kalkül.

Der Mensch verzehrt zu viele Tiere. Das ist nicht ethisch und zudem schädlich fürs Klima.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Eat: Wie schmeckt die Zukunft?" ist ein eintägiges Festival in Schloss Nymphenburg, das sich das Team von Biotopia, das an der Neukonzeption des Museums Mensch und Natur arbeitet, ausgedacht hat. Es findet statt im Museum selbst (wo auch die Ausstellung "Meat the Future zu sehen ist), im Hubertus- und Johannissaal, im Museumshof, im Orangeriehof und im Dinosaurierhof. 48 Aktionen, Vorträge und Diskussionen stehen da im Programmheft. Nina Möllers vom Biotopia-Team hat sie ausgewählt und zusammengestellt. In enger Abstimmung mit staatlichen naturwissenschaftlichen Sammlungen, so kam zum Beispiel der Höhlenbär auf die Tageskarte. Und es gab einen internationalen Aufruf, Projekte beizusteuern. 230 Vorschläge gingen ein, acht wählte man schließlich aus. So ist nun "ein gedanklicher und räumlicher Entdeckungsparcours" entstanden, wie Möllers sagt, bei dem die Besucher viel Gelegenheit erhalten, "die Perspektiven zu wechseln".

Aus Zellen lassen sich alle möglichen Produkte züchten, Fleisch-Austern beispielsweise.

(Foto: Stephan Rumpf)

Manchem spontanen Besucher, der am Sonntag zu diesem Zweck ins Biotopia wandert, bleibt der Perspektivwechsel allerdings auch versagt. Für drei Höhepunkte im Veranstaltungsprogramm hätte man sich nämlich schon bis zum Donnerstag dieser Woche anmelden müssen. So etwa für "A Taste of All Senses?" im Hubertussaal. Dort lotet der Londoner Koch Jozef Youssef zusammen mit dem Münchener Kammerorchester und der Professorin Ophelia Deroy, Lehrstuhlinhaberin für multisensorische Wahrnehmung an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, aus, wie sich verschiedene Eindrücke und Einflüsse auf den Geschmackssinn auswirken. "Die 200 Plätze waren im Nu vergeben", sagt Möllers. Auch der Spaziergang zum Sammeln von essbaren Pflanzen im öffentlichen Stadtraum mit dem "Landschaftsgärtner, Autor und Rezeptkomponist", der den hübschen Namen Maurice Maggi trägt, ist längst ausgebucht, ebenso wie der "Koji-Fermentierungs-Workshop" mit dem Chemiker und Ernährungsberater Johnny Drain aus Bristol. Immerhin zeigt Drain im Untergeschoß des Museums auch ganztägig eine Ausstellung mit dem Titel "Fleißige Fermentierer".

Abgesehen von den drei schon ausgebuchten Programmpunkten gibt es aber auch noch mehr als genug Betätigungsfelder für die Besucher. So kann man etwa an einem 45-minütigen Strategiespiel teilnehmen, das der australische Theatermacher und Game-Designer David Finnegan entwickelt hat. "Essen für alle oder alles für einen? Strategiespiel zur Nahrungssicherung in Krisenzeiten" heißt es, und es geht dabei darum, wie man die eigene Nahrungsversorgung sichern kann, dabei auf Nachhaltigkeit achtet und obendrein auch noch sozial denken und handeln kann. Pro Runde können maximal 40 Personen teilnehmen, die erste Runde beginnt um elf Uhr im Orangeriehof, mittags um 13 Uhr ist eine Stunde Pause.

Auch Kaviar kann mit Zellen imitiert werden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Tatsächlich finden sich in dem umfangreichen Programm dann doch auch eine Reihe von Vorträgen und Veranstaltungen, die sich kritisch auseinandersetzen mit dem, was wir so essen, heute und in Zukunft. Wobei man anmerken muss, dass der westliche Blick auf Nahrung und Ernährung doch sehr vorherrscht.

Denn Ernährung, das ist bei uns auch ein Luxusproblem, wofür Vortragstitel wie: "Warum werden wir dick? Alles Kopfsache" sprechen. Nicht, dass andere Themenfelder nicht vorkommen - aber sie werden halt doch nur angeschnitten. Zwischen "Böden als Basis der Landwirtschaft", dem Ernährungsverhalten der Schwämme oder der fleischfressenden Pflanzen, dem "Vertical Farming" und den Zielen zur nachhaltigen Entwicklung der Vereinten Nationen ist die Bandbreite gewaltig. Es wird vielen sehr vieles geboten, das ist ja auch das Ziel.

Wer spielen will, kann sich aus Muskelmasse ein Steak stricken. Noch ist das meiste allerdings Vision.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ob tatsächlich alle satt sind, nachdem sie von Biotopia so umfassend bedient werden, ist wieder eine andere Frage. Vielleicht hätte es auch nicht geschadet, das Riesenthema ein wenig zurechtzustutzen und einzugrenzen. Aber das kann man wohl nur herausfinden, wenn man hingeht. Für das leibliche Wohl ist übrigens gesorgt: Im Dinosaurierhof stehen Foodtrucks von der "Intoleranten Isi" (für Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten), von der "Leichtsinnsküche" (biologisch und vegan) und von "Ruza Nera" (biologisch und glutenfrei).