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Biografie:Vom Leben mit einem Lächeln

Frieda Eick wohnt zeitlebens, also 92 Jahre, in Haidhausen. Sie hat gesehen, wie Pferdefuhrwerke den Müll abtransportierten und Anwohner ihre Nachttöpfe in den Auer Mühlbach schleuderten. Immer noch spielt sie leidenschaftlich Canasta - und hat viel zu erzählen

Draußen fallen dicke Schneeflocken vom Himmel, es ist unangenehm kalt. Ob das Wetter nicht ein Grund sei, die wöchentliche Canasta-Runde ausfallen zu lassen? "Warum denn? Ich wohn' doch nicht weit weg", sagt Frieda Eick, durchaus etwas irritiert. Sie ist schließlich 92 Jahre jung. Da lässt sie sich doch nicht von Schnee und Glatteis stören, packt jeden Donnerstagvormittag ihren Gehstock, geht die vier Stockwerke hinab auf die Pariser Straße und spaziert zum Alten- und Service-Zentrum Au (ASZ) an der Balanstraße. Erst Mittagstisch, dann Canasta.

Frieda Eick zu Arbeitsbedingungen

"Oben ist das flüssige Eisen gelaufen und unten bin ich rumgelaufen." Arbeitsschutz? Gab es nicht. "Wer weiß, ob ich sonst so alt geworden wäre."

So geht das seit Jahren. Und Eick ist stets professionell ausgestattet mit einem Spielkartenhalter - sowie jeder Menge Sprüche für ihre Mitspielerinnen. "Das nennt man dann Boshaftigkeit", kommentiert sie, als eine in der Runde eine schwarze Drei auf den Ablagestapel wirft. Beim Canasta verhindert man so, dass sich der Gegner an dem Stapel bedienen kann. Wenige Runden später wird auch Eick eine schwarze Drei in die Mitte des Tisches legen. Mit verschmitztem Lächeln.

Konzentriert: Frieda Eick in ihrem Element bei der Canasta-Runde.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die agile Greisin ist ein wandelndes Anekdotenlexikon. Sie erzählt von "ihrem München" aus einer Zeit, als Metropolregion und Weltstadt-Gestus noch kein Thema waren. Ein München, in dem noch Vorgärten die Rosenheimer Straße säumten und auf der Postwiese kein Spielplatz, sondern eine tiefe Grube war. "Da konnte man wunderbar Schlittenfahren", erinnert sich Eick. Aber sie habe damals nicht von der Orleansstraße aus zur Grube gekonnt, "da standen die Pferde von der Müllabfuhr". Eick hat immer in Haidhausen gewohnt, erst bei ihren Eltern und Großeltern, dann mit ihrem Mann und nun alleine: "Ein ganzes Leben Haidhausen", sagt sie.

Das Alten- und Service-Zentrum liegt in Au.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auf dem Tisch vor Eick liegt ein altes Foto vom Auer Mühlbach. Schwarz-weiß, wohl um 1900, eine Gruppe Kinder watet durch das Bächlein. Ein Holzgeländer trennt den Gehweg vom Gewässer. Renate Spannig vom Alten- und Service-Zentrum Au hat es auf den Tisch gelegt. Als das Foto entstanden ist, war Eick zwar noch nicht geboren, aber trotzdem weiß sie sofort eine Anekdote zum Auer Mühlbach zu erzählen. Mit ihrem Zeigefinger deutet sie auf den dahindümpelnden Bach. "Da haben die Leute damals die..." Sie macht eine Pause, schaut mit großen Augen vielsagend, während sie mit der Hand eine Wurfbewegung macht: "Nachttöpfe reingeworfen", vollendet sie den Satz. Was auf dem Foto so idyllisch aussieht, muss also ganz schön gestunken haben. Eick fängt an, zu kichern, es ist ein mädchenhaftes Lachen.

Erst gibt es Mittagstisch, dann wird Karten gespielt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Einen Großteil ihrer Kindheit verbrachte sie bei Ihren Großeltern, die Wohnung der Eltern war schlicht zu klein. Ihr Großvater arbeitete bei der Eisengießerei von Kustermann, als auf dem heutigen Gelände des Kustermannparks noch Eisen geschmolzen und nicht Fußball gespielt wurde. Am Sonntag habe er die Öfen anheizen müssen, damit am Montag das Eisen habe fließen können. Und sie hat ihn oft begleitet. "Oben ist das flüssige Eisen gelaufen, und unten bin ich rumgelaufen", erinnert sie sich. Arbeitsschutz, Sicherheit? "Hat es nicht gegeben." Geschadet habe ihr das nicht. "Wer weiß, ob ich sonst so alt geworden wäre."

Fröhliche Runde: Immer donnerstags wird zusammen gespielt.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Vielleicht liegt das aber auch daran, dass sie sich immer zu helfen wusste. Haidhausen, April 1945. "München war vollkommen zusammengebrochen", sagt die 92-Jährige. "Es gab nichts, kein Geschäft, nichts." Hunger hatten die Haidhauser ganz gewaltig. Der Krieg war aus, noch aber sorgten die Amerikaner nicht für Ordnung auf den Straßen. In dieses Machtvakuum hallt die Nachricht, dass der Bürgerbräukeller mit all seinen Essensvorräten offen stehe, eine äußerst verlockende Nachricht. "Nur wer geplündert hat, hat etwas zu essen gehabt", erinnert sich Frieda Eick, weshalb im Umkehrschluss für sie noch heute außer Frage steht: "Da hat man plündern dürfen." Sie war dabei freilich nicht die einzige, welche die Gelegenheit ergriff, nach den mageren Kriegsjahren, den vielen Entbehrungen, mal wieder satt zu werden. Aus allen Richtungen strömten die Münchner zum Bürgerbräukeller herbei, ausgestattet mit Eimern und Taschen. "Der Keller war bis oben hin voll mit Essen", erzählt Eick. Nach der Plünderung freilich nicht mehr.

Die Spieler*innen sind ausgestattet mit professionellen Kartenhaltern.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

"Heute sagen die Leute, dass wir keine Regierung haben; damals haben wir wirklich keine gehabt", sagt Frieda Eick mit Blick auf die derzeitigen Koalitionsverhandlungen in Berlin. Es ist nicht so, dass die betagte Frau in der Vergangenheit leben würde. Was in München, Deutschland und der Welt vor sich geht, verfolgt sie nach wie vor sehr aufmerksam. Die Situation auf dem Münchner Wohnungsmarkt zum Beispiel. "Wohnungsnot? Mei. München hat schon immer eine Wohnungsnot gehabt", kommentiert sie lakonisch. Schon ihre Eltern hätten eine größere, für sie bezahlbare Wohnung gesucht - und keine gefunden. Sie sagt es mit jener bescheidenen Alterweisheit, die einen daran erinnert, dass man sich selbst nicht immer so ernst nehmen sollte. Erst recht nicht im Fasching.

Eine richtige "Faschingsnudel" sei die Eick, berichtet ASZ-Mitarbeiterin Spannig. Seit Jahren kommt sie zum Faschingscafé, natürlich in Verkleidung. Letztes Jahr kramte die damals 91-Jährige ihr altes Nachthemd heraus, im Leopardenmuster mit Schlitz an der Seite. Auf dem Kopf eine gelbe Perücke, um den Hals einen neongrünen Plüschschal. "Netzstrümpfe und einen Strumpf als Gürtel", sagt Spannig, durchaus bewundernd. Vielleicht beschreibt das Frieda Eick ganz gut: Sie ist ein Farbtupfer.

Dieses Jahr weiß sie allerdings noch nicht, ob sie am Mittwoch, 7. Februar, zum Fasching im ASZ Au kommt. Nicht, weil sie zu müde oder zu alt wäre. Eick zieht noch einmal um. Die Vorbereitungen in ihrer Wohnung wie Kartons packen übernimmt sie großteils selbst, das strengt eben an. Das Kistenschleppen, immerhin, überlässt sie dann einer Umzugsfirma. Es wäre ihr zuzutrauen, dass sie auch das noch selbst macht. Schließlich hat sie bis vor zwei Jahren ihre Heizkohlen noch eigenhändig aus dem Keller geholt. "Über fünf Stockwerke." Nun zieht sie ins Entenbachstift. Frieda Eick bleibt ihrem Stadtteil also treu - ein Leben lang.

Mehr Informationen zum Angebot des Alten- und Service-Zentrums Au unter www.caritas-nah-am-naechsten.de/asz-au. Oder während der Öffnungszeiten im Gebäude des ASZ Au, Balanstraße 28.