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Biografie:Die Frau im Filmspiegel

Im Drama "Jean Seberg - Against All Enemies" von Regisseur Benedict Andrews überzeugt Kristen Stewart als Nouvelle-Vague-Ikone, die ins Fadenkreuz des FBI gerät.

Von Josef Grübl

Das Drama über die US-Schauspielerin und Nouvelle-Vague-Ikone Jean Seberg lief letzten Herbst auf vielen Festivals, im Gedächtnis bleiben dürfte es aber als der am längsten beworbene Kinofilm des Jahres: Denn ursprünglich sollte Jean Seberg - Against All Enemies Ende März in den deutschen Kinos anlaufen. Die Werbekampagne lief, in München hingen die Plakate mit dem mehrfach gespiegelten Kopf von Hauptdarstellerin Kristen Stewart (Twilight, Café Society) an beinahe jeder Litfaßsäule. Dann kam der Lockdown, die Kinos wurden geschlossen, alle Filmstarts abgesagt. Da auch sonst nicht mehr viel stattfand, blieben die Plakate nicht wie üblich ein oder zwei Wochen lang hängen, sondern monatelang, bis in den Sommer hinein. Selbst heute, ein halbes Jahr später, findet man sie noch vereinzelt.

"Jean Seberg"

Was steckt hinter der Oberfläche von Jean Seberg (Kristen Stewart)? Das findet man trotz Mehrfachspiegelung nicht heraus.

(Foto: Prokino)

Die Menschen sahen von diesem Film also bisher nur die Oberfläche, das Bild einer schönen Frau - und das wiederum passt ganz gut zu Jean Seberg, die auch zeit ihres kurzen Lebens auf das Mädchen im Herald-Tribune-Shirt reduziert wurde, das sie 1959 in Jean-Luc Godards Filmklassiker Außer Atem spielte. Benedict Andrews' Film lässt die Godard-Phase aus, er setzt ein Jahrzehnt später ein, als die Schauspielerin weltberühmt ist und rastlos zwischen Europa und Amerika hin- und herfliegt. Es ist die Zeit des Vietnamkriegs und der Studentenproteste, Jean Seberg sympathisiert mit der Black Panther Party und beginnt eine Affäre mit einem schwarzen Aktivisten (Anthony Mackie). Das FBI lässt sie daraufhin beschatten, ihr Haus wird verwanzt, ein junger Agent (Jack O'Connell) beobachtet sie rund um die Uhr. Es geht in diesem Film um Zermürbung und die Zerstörung eines Lebens, über die nur wenige Jahre später verstorbene Seberg erfährt man relativ wenig. Sie bleibt eine Oberfläche, was in diesem Fall aber auch ganz gut passt.

Jean Seberg - Against All Enemies, Regie: Benedict Andrews

© SZ vom 17.09.2020
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