bedeckt München 18°
vgwortpixel

Literatur:Der Zauderer

Albrecht Haushofer, Dichter der Moabiter Sonette, Foto: Privatarchiv Haushofer

Haushofer nachdenklich am Badesteg des Hartschimmelhofs. Seine Moabiter Sonette zeugen von einer ganz klaren Haltung.

(Foto: Privatarchiv Haushofer)

Albrecht Haushofer, Dichter der Moabiter Sonette, wurde vor 75 Jahren ermordet. Ein neues Buch spürt ihm nach.

Eigentlich ist der Krieg schon fast vorbei. Die Rote Armee steht kurz davor, das Kommando über Berlin zu übernehmen. Einen Moment glaubt der Dichter Albrecht Haushofer, der seit Dezember 1944 im Gefängnis Lehrter Straße in Moabit sitzt, sogar an Freiheit, als er in der Nacht von 22. auf 23. April 1945 mit anderen Häftlingen verlegt werden soll. Doch der Fußmarsch endet nach wenigen Metern in einem Ruinenfeld: Ein SS-Kommando ermordet die Gefangenen durch Genickschüsse. Nur einer überlebt, der junge Kommunist Herbert Kosney. Drei Wochen später führt er Albrechts Bruder Heinz zum Exekutionsort. Dort liegt Haushofers Leiche, in der Manteltasche eine blutverschmierte Abschrift der in der Haft entstandenen "Moabiter Sonette".

Norbert Göttlers soeben erschienene Annäherung an Albrecht Haushofer endet nicht mit dieser Szene, sondern mit dem Doppelselbstmord der Eltern. Der Geopolitiker Karl Haushofer und die ehemalige Frauenrechtlerin und Halbjüdin Martha Haushofer setzen ihrem Leben im März 1946 mit Gift ein Ende. Aber "Dachau, Moabit und zurück" ist auch keine klassische Biografie. Der Autor, zugleich Bezirksheimatpfleger von Oberbayern, versteht sich als Spurensucher. Er trägt in seiner "literarischen Collage", so die von ihm gewählte Gattungsbezeichnung, vieles zusammen, wandelt Fakten in fiktive Dialoge oder Verhöre um, fühlt sich in inneren Monologen in die Hauptfigur ein, zitiert aus Haushofers Sonetten und Briefen, lässt dessen Zeitgenossen zu Wort kommen und webt Erinnerungen an seine Jugend in Dachau in das Buch ein.

Was die Herkunft betrifft, gibt es eine leise Ähnlichkeit zwischen Dichter und Spurensucher. Haushofer, Jahrgang 1903, ist auf dem Hartschimmelhof zwischen Pähl und Andechs, Göttler, Jahrgang 1959, in der Nähe von Dachau auf einem Bauernhof in Walpertshofen aufgewachsen. Seine erste Erinnerung an Haushofer liefert den Einstig ins Buch: eine Reminiszenz an das Sonett "Rattenzug", das er, nicht freiwillig, im Deutschunterricht am Gymnasium und später auch beim Traktorfahren las.

Haushofer war ein Eigenbrötler, innerlich zerrissen, sich selbst überschätzend, mit esoterischen Neigungen und einer "depressiven Grunddisposition" (Göttler). "Ein großer schwerer Mann, erdgebunden und weltläufig ... Der Überlieferung unentwurzelbar treu und in jeder Wendung der modernen Welt zuhause...", beschreibt Carl Friedrich von Weizsäcker den neun Jahre älteren Freund 1948 in einem Vortrag. Eine Freundschaft mit etlichen Konflikten, weil Haushofer, so mutmaßt Göttler, das "moralische Scheitern des NS-Staats viel eher erkannte als sein junger ehrgeiziger Freund". Weizsäcker arbeitete während der Nazi-Diktatur an Forschungsprojekten zur Uran-Nutzung mit, bedauerte aber diese Unterstützung Hitlers später öffentlich und ausdrücklich.

Doch auch Haushofer arrangierte sich lange Zeit gut mit den Mächtigen im Dritten Reich, wenn er das Treiben der Nationalsozialisten auch von Anfang skeptisch beobachtete und in Briefen scharf ablehnte. Aber so einfach geht ein Sohn dieser alteingesessenen, angesehenen Familie nicht in den Widerstand. Vater Karl, der sich 1919 als Generalmajor vom Militär verabschiedet hatte, entwickelt als Geopolitik-Professor seltsame Lebensraumtheorien, die Hitlers Weltanschauung allerdings kaum beeinflussen; da sind sich die Forscher heute überwiegend einig.

Der Sohn tritt 1933 als Geografiedozent an der Berliner Hochschule für Politik an und schreibt seiner Mutter: "... der einzige Trost ist ein sehr negativer - nämlich die Überzeugung, dass wir einer so großen allgemeinen Katastrophe entgegengehen, dass es auf die persönliche bald nicht mehr ankommen wird." Dass er als "Vierteljude" Hochschullehrer bleibt, verdankt er Rudolf Heß. Der "Stellvertreter" des Führers war Adjutant des Vaters im Ersten Weltkrieg gewesen und besuchte später dessen Vorlesungen. Bis zu seinem Englandflug 1941 hält Heß seine Hand über die Familie. Mit seiner Hilfe wird Albrecht 1939 in die Reichsschriftumskammer aufgenommen, erhält er 1940 eine Professur für politische Geografie an der Universität Berlin.

Als grüblerisch und melancholisch wird Albrecht Haushofer beschrieben. Zu sehen ist ein Porträt von 1938.

(Foto: Privatarchiv Haushofer)

Haushofer gibt sich lang der falschen Illusion hin, mit Fachwissen und Vernunft Einfluss auf die Nazis nehmen zu können. Im Dezember 1939 schreibt er seiner Mutter von dem Entschluss, "von einem havarierten, an einzelnen Stellen schon brennenden und von Narren und Verbrechern weithin beherrschten und geführten Schiff nicht ins Wasser zu springen, wo man rasch versänke - sondern den Versuch zu machen, zu lauern, einen Schlauch in die Hand zu bekommen und vielleicht einmal einen wichtigen Steuerhebel zu greifen . . .". Er fungiert als inoffizieller Berater von Heß, reist im Auftrag der Dienststelle Ribbentrops in diplomatischer Mission mehrmals ins Ausland, allein 14 Mal nach England, wo er für Heß Kontakte knüpft, erörtert noch 1941 in Genf mit dem Schweizer Diplomaten Carl Burckhardt Friedensmöglichkeiten. Als Autor verschlüsselt er seine Gedanken, versteckt sich in Gedichten und Theaterstücken, formuliert die Kritik am Regime in Andeutungen. Macht und Willkür sind zentrale Themen in den Dramen "Scipio", "Sulla" und "Augustus", seiner Römertrilogie.

Nach dem Englandflug von Heß wird Haushofer verhaftet. Acht Wochen bleibt er eingesperrt, steht von da an unter ständiger Beobachtung der Gestapo. Er hat Kontakt zu verschiedenen Widerstandsgruppen, der Roten Kapelle, dem Kreisauer Kreis, aber auch zu Johannes Popitz und Carl Langbehn. Doch in keine Gruppe lässt er sich einbinden, vieles an seiner Netzwerkarbeit ist bis heute ungeklärt. Vermutlich kannte er den Termin für das Stauffenberg-Attentat, in die operative Vorbereitung ist er nicht eingebunden.

Nach dem 20. Juli 1944 taucht er unter, wird aber im Dezember auf dem Bauernhof Mittergraseck nahe der Partnachalm verhaftet. Dass er selbst zu lange zauderte, bekennt er 1945 im Sonett "Schuld". "Ich habe mich selbst und andere belogen/ich kannte früh des Jammers ganze Bahn /Ich habe gewarnt - nicht hart genug und klar!/ Und heute weiß ich, was ich schuldig war."

Norbert Göttler: Dachau, Moabit und zurück. Eine Begegnung mit Albrecht Haushofer. Allitera Verlag 2020. Zu beziehen über www. Allitera.de

© SZ vom 23.04.2020
Streaming vs. Konferenz: Krisensicheres Internet für daheim

Coronavirus in München
:Freizeit, Kultur und Aktivitäten ohne Ansteckungsgefahr

Drinbleiben ist angesagt. Langweilen muss man sich aber nicht: Tipps zum Hören, Sehen, Selbermachen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite