Süddeutsche Zeitung

Bildungsstätte:Hoffnung auf baldiges Leben im Haus

Martin Ecker ist neuer Managementdirektor der Münchner Volkshochschule. Er kümmert sich um Finanzen, plant den Umzug - und blickt gelegentlich in die Sterne

Von Barbara Hordych

Leere Gänge, stille Seminarräume, verwaiste Büros - es sei schon ein seltsames Gefühl, wenn er derzeit seinen Arbeitsplatz im ersten Stock des Gasteig aufsuche, sagt Martin Ecker. Seit vergangenen November ist der 53-Jährige Managementdirektor der Münchner Volkshochschule, der größten kommunalen Bildungseinrichtung Deutschlands. Gemeinsam mit Programmdirektorin Susanne May bildet er die Geschäftsführung, verantwortet vor allem die Bereiche Finanzen, Controlling, Personal sowie IT- und Standortentwicklung. Nach Amtsantritt habe er noch etwa drei Wochen lang das Haus bei eingeschränktem Betrieb erlebt, "dann war Schluss mit der Präsenz", sagt Ecker beim Gespräch auf Abstand in seinem Büro.

Trotzdem radelt er täglich ins Büro, "auch wenn die Mitarbeiter alle im Home-Office sind und die Teilnahme an unseren Kursen und Veranstaltungen nur online möglich ist", sagt Ecker. Er kennt das Haus auch ganz anders, "mit Gewusel in den Gängen, Licht in den Seminarräumen noch abends, einer lebendigen Gastronomie und Geräuschen aus den Werkstätten". Seit er als Nachfolger für seine jetzige Position im Gespräch war, habe er sich mit dem Haus vertraut gemacht. So weit war der Weg auch nicht aus Nürnberg, wo er zuletzt als Direktor des Bildungszentrums der Stadt tätig war. Und mit den Herausforderungen durch die Pandemie hatte er dort ja auch schon zu kämpfen. Das Angebot der Volkshochschulen wurde von Präsenz- auf Hybrid- und dann auf reine Digitalangebote umgestellt.

Berlin, Potsdam, Frankfurt, und dazwischen immer wieder München, wo seine Frau arbeitet - der promovierte Theaterwissenschaftler hat eine bemerkenswerte Bandbreite an beruflichen Erfahrungen. An den städtischen Bühnen in Regensburg und an den Berliner Kammerspielen war er zunächst als Regieassistent und Abendspielleiter tätig, dann kam ein Masterabschluss in der Erwachsenenbildung hinzu. Er arbeitete als Dozent, Berater und Lektor für Deutsch als Fremdsprache, war zehn Jahre lang Pädagogischer Leiter der inlingua Sprachschule München.

Seit Anfang dieser Woche kann die Volkshochschule nun zumindest einige Bereiche wieder in Präsenz überführen. "Das betrifft vor allem die öffentlich geförderten Kurse. Analog zu den Schulen bieten wir im Wechselunterricht unsere Integrations-, die Berufssprach- und die Schulabschlusskurse an", sagt Ecker. "Ich hoffe, dass spätestens nach den Osterferien wieder mehr in Präsenz stattfinden kann." Die Teilnahme an den Digitalangeboten werde unterschiedlich angenommen. Es gab Veranstaltungen, wie die mit dem Physiker Harald Lesch, die mehr Teilnehmer verzeichneten als früher in Präsenz möglich gewesen wären. "Da gingen die Zuhörer in die Hunderte", sagt Ecker. Auf der anderen Seite gebe es Teilnehmer, die nach einigen Online-Sitzungen sagten: "Das ist kein Format für mich, gebt mir Bescheid, wenn es wieder richtig losgeht." Gerade für Senioren biete die VHS deshalb mehr Beratung an, das geht von der Online-Anmeldung bis zum Einschalten des Mikrofons. Manche seien umgekehrt auch froh, dass sie für ihren VHS-Kurs nicht aus dem Haus gehen müssen.

Schwerpunkt Digitalisierung

Die Formel "Fahren auf Sicht" gilt auch für das Programm Frühjahr/Sommer der Münchner Volkshochschule, das am 1. März startet. Auf der Webseite www.mvhs.de/online finden sich aktuell rund 600 reine Online-Kurse und Online-Vorträge, für die man sich jederzeit online anmelden kann. Unter dem Motto "Heute hier, morgen dort" beginnt ein Teil der Kurse jetzt in Corona-Zeiten online und wechselt in den Präsenzmodus, sobald Unterricht vor Ort wieder möglich ist: www.mvhs.de/zeitweise-online. Je nach Möglichkeit sind Outdoor-Angebote und ein spezielles Osterferien-Programm geplant. Unter dem Stichwort "Appgrade" sind die über 9000 Kurse der MVHS in einer eigenen App zu finden. Die MVHS-App für Smartphones und Tablets empfiehlt Kurse nach persönlichen Interessen, lässt gezielt nach Lieblings-Dozierenden oder Lernorten suchen und vereinfacht das Buchen und Umbuchen. Der brisante Programmschwerpunkt "Connected. Leben in Digitalen Welten", der Chancen und Zumutungen der Digitalisierung diskutiert, wird mit rund 450 Veranstaltungen bis September fortgesetzt. by

Als Managementdirektor muss Ecker auf die Wirtschaftlichkeit achten - die Volkshochschule ist eine GmbH und eine Tochtergesellschaft der Stadt München - und das Schicksal nicht nur der über 400 festangestellten Beschäftigten, sondern auch der rund 3 000 freiberuflichen Dozentinnen und Dozenten im Auge behalten. "Wir brauchen sie ja alle wieder, sobald das komplette Programm wieder starten kann", sagt Ecker.

Dem Umzug in das Interimsquartier sieht er optimistisch entgegen: "Wir gehen davon aus, dass unsere Kurse bis Ende Februar 2022 im Gasteig, und ab 1. März dann reibungslos in Sendling weitergeführt werden können", sagt er. Er selbst hat auch Kurse gebucht: "Seit ich in Nürnberg regelmäßig das Planetarium besucht habe, fasziniert mich der Sternenhimmel. In München nehme ich gerade an einem Astronomie-Kurs teil." Auch von der Vortragsreihe in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München zur Pandemie-Forschung ist er angetan. Dort erklärt der Virologe Dieter Hoffmann "das verflixte Coronavirus". "Genau das ist unser Anspruch: Die schier unendliche Menge an Informationen zu erklären und den Menschen zu helfen, diese einzuordnen." Seine Wünsche für die Zukunft? "Dass das Haus wieder lebendig wird", sagt Ecker. Das gelte für die ganze Stadt: Er freue sich sehr darauf, wieder die Kammerspiele, das Volkstheater und die Oper besuchen zu können.

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Quelle:
SZ vom 24.02.2021
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