Bildung:"Befreit von räumlichen Fesseln"

Das jüdische Helene-Habermann-Gymnasium hat fünf Jahre nach seiner Gründung einen eigenen, modernen Schulbau bekommen. Die Namensgeberin, eine Holocaust-Überlebende, sei mit ihrer Menschenliebe noch heute ein Vorbild, sagt die Bundesbildungsministerin

Von Kathrin Aldenhoff

Der erste Schultag beginnt für die Schülerinnen und Schüler des jüdischen Gymnasiums in diesem Jahr etwas später: Es ist Mittag, als Charlotte Knobloch und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek das rote Band vor dem neuen Schulgebäude des jüdischen Gymnasiums zerschneiden. Dann klebt Gemeinderabbiner Shmuel Aharon Brodman die Mesusa an den grauen Türrahmen, und München hat endlich das jüdische Gymnasium, von dem Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, lange geträumt hat. In ihrer Ansprache hatte sie zuvor von einem "historischen Tag für unsere jüdische Gemeinde" gesprochen. "Heute ist der Tag, an dem das Gymnasium befreit von räumlichen Fesseln sein ganzes Potenzial entfalten kann."

Auf dem Gelände der Europäischen Schule München hat das jüdische Gymnasiu, das den Namen Helene-Habermann-Gymnasium trägt, eine neue, dauerhafte Heimat gefunden. Das Haus Nummer 5 des hellgrünen modernen Schulbaus im Stadtteil Fasanengarten haben Schuldirektorin Miriam Geldmacher und ihr Kollegium vergangene Woche bezogen. Sie haben nun Platz, endlich.

Seit der Gründung des jüdischen Gymnasiums im Jahr 2016, lernten die Schulkinder in den Räumen der Sinai-Grundschule am St.- Jakobs-Platz. Jedes Jahr gab die Grundschule ihnen einen neuen Raum ab, so erzählt es Schulleiterin Miriam Geldmacher, es wurde immer enger im Jüdischen Gemeindezentrum. Pause auf dem Jakobsplatz, Unterricht im Museum und Förderunterricht im Flur - das letzte Schuljahr sei für alle eine Zumutung gewesen. Die Europäische Schule sei ein absoluter Wunschpartner gewesen, sagt Geldmacher. Spannend blieb es bis zuletzt: Vor den Sommerferien war noch nicht klar, ob Lehrer und Schüler das neue Schuljahr schon in den neuen Räumen beginnen können. Sie können, auch wenn die Räume noch nicht alle fertig eingerichtet sind.

Helene Habermann Gymnasium, 2021

Feier eines historischen Tages:. Die Idee, in München wieder ein jüdisches Gymnasium zu gründen, kam 2016 von Eltern, 65 Jahre, nachdem die hebräische Schule schließen musste, weil zu wenige Juden in Deutschland geblieben waren. Was lange fehlte, waren eigene Räume.

(Foto: Robert Haas)

In kurzen Videos erzählen einige der etwa 100 Schülerinnen und Schüler, die an diesem ersten Schultag in ihr neues Schulgebäude ziehen, worauf sie sich freuen: auf ein eigenes Zimmer für die SMV, einen kürzeren Schulweg, auf große Klassenzimmer, Sportmöglichkeiten, mehr Platz zum Lernen, einen neuen Physik- und Chemieraum und einen größeren Pausenhof.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek sagte, das jüdische Leben gehöre in die Mitte der Gesellschaft. "Jüdinnen und Juden müssen ihren Glauben und ihre Kultur gemeinsam mit uns allen leben können. Das gilt ganz besonders für die Kinder." Die Kooperation zwischen der Europäischen Schule und dem Helene-Habermann-Gymnasium sei ein wichtiges Signal der Gemeinsamkeit, das sprichwörtlich Schule machen sollte. "Diese beiden Schulen unter einem Dach sind eine echte Chance für eine lebendige Kooperation, für ein neues Denken, für ein Plus an Bildung, das eher außerhalb des Unterrichts entsteht."

Benannt ist das Gymnasium nach der Holocaust-Überlebenden Helene Habermann. Sie starb 2019 in München. Mit ihrer Menschenliebe könne sie heute noch Vorbild sein, sagte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Ihr Sohn, Harry Habermann, erinnerte in seiner Rede daran, dass seine Mutter am Ende des Zweiten Weltkriegs alleine dastand, ohne Heimat, ihre Eltern ermordet, ohne Schulbildung. Sie habe mit viel Fleiß und Zielstrebigkeit geschafft, Versäumtes nachzuholen, sich beispielsweise die englische und französische Sprache selbst beigebracht. Und sie habe ihren Kindern immer wieder deutlich gemacht, welch ein Privileg eine gute Schulbildung sei. "Möge ihr Name dazu mahnen, sich ebenso umsichtig wie entschieden jeglicher Form von rassistischer, ideologischer, aber auch religiöser Hetze zu widersetzen", sagte Harry Habermann zum Schluss seiner Rede.

Helene Habermann Gymnasium, 2021

Die neuen Räumlichkeiten.

(Foto: Robert Haas)

Das Helene Habermann Gymnasium soll ein Ort sein, an dem sich die Kinder nach dem Besuch der jüdischen Grundschule weiter entwickeln können, wo sie sein und lernen können, sagte Schulleiterin Miriam Geldmacher. Die Schule solle ein Raum sein, in dem sie sich nicht verstecken müssen. Miriam Geldmacher meint damit zwei Dinge. Erstens, dass die Kinder ihr Judentum nicht im Verborgenen leben müssen. "An einer öffentlichen Schule wird es kaum einen Jungen geben, der seine Kippa offen trägt." Das Judentum solle an dieser Schule nicht nur Teil einer kurzen Unterrichtssequenz im Ethik- oder Religionsunterricht sein. Sondern selbstverständlicher Teil des gesamten Schulalltags. Sie meint aber auch, dass die Kinder sich im pädagogischen Sinne nicht verstecken müssen, weder ihr Potenzial, noch ihre Schwächen.

Die Idee, in München wieder ein jüdisches Gymnasium zu gründen, kam von einer kleinen Gruppe von Eltern; 65 Jahre, nachdem die hebräische Schule, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet worden war, 1951 schließen musste, weil zu wenige Juden in Deutschland geblieben waren.

Einer dieser Väter, der von Anfang an dabei war und auch die jahrelange Suche nach einem geeigneten Schulgebäude begleitete, ist Eugen Alter. Sein Sohn Marc, 15 Jahre alt, hat beim Umzug geholfen und war begeistert von den neuen Räumen, erzählt sein Vater. "Was die Kinder sich gewünscht haben, ist in Erfüllung gegangen", sagt Eugen Alter. Wenn alles gut geht, sagt Schulleiterin Miriam Geldmacher, dann werden in drei Jahren die ersten Kinder am neuen Helene Habermann Gymnasium ihr Abitur schreiben.

© SZ vom 15.09.2021
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