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Bildung:An die Hand genommen

"Bildungskickstart" heißt eine Initiative der Caritas, bei der Freiwillige individuell Kinder betreuen, damit die in der Schule den Anschluss behalten

Von Alisa Schrauth

Sie fühlt sich privilegiert, will aber nicht auf einem hohen Ross sitzen: Cornelia Bäuerle ist eine der Freiwilligen vom Projekt "Bildungskickstart", einer Initiative der Münchner Caritas, die abgehängte Schüler individuell unterstützen will. Mit von der Partie ist die 27-jährige Studentin: "Ich will der Gesellschaft etwas zurückgeben", sagt Bäuerle. Sie widmet sich neben ihrer Promotion einem Kind an der Giesinger Ichoschule, wird ihm helfen, wieder in der Schule mitzukommen. "Es geht nicht nur um den Schulstoff, sondern auch um soziale Dinge", sagt sie. Das Lernen zu lernen - in der Pandemie ein noch ambitionierteres Unterfangen als ohnehin bei sozial benachteiligten Kindern. Sie kenne die Probleme aus dem eigenen familiären Umfeld, sagt Bäuerle. In ihrer Verwandtschaft hat sie Italienisch sprechende Eltern, deren Kinder nun noch weniger auf die Unterstützung der Eltern hoffen könnten. Sie findet es "furchtbar, diese soziale Schere zu sehen".

Dass Schüler aktuell ins Hintertreffen geraten, ist in der Gesellschaft inzwischen bekannt. Doch nur wenige tun aktiv etwas dagegen, außer sie sind beruflich damit befasst. Umso erfreulicher ist das Engagement der Freiwilligen. Als Studentin kann Bäuerle ihre Zeit frei einteilen, genauso wie Mitstreiter Peter Przybylla: Er ist Rentner. Für die Caritas ist er schon länger ehrenamtlich tätig. "Ich hab' mich gefragt, was ich mit meiner ganzen freien Zeit im Ruhestand so anfangen kann. Jetzt haste Zeit, was machste damit?" Gefunden hat er ganz aktuell das Projekt "Bildungskickstart". Er freue sich auf die Rückmeldungen der Kinder - positive Erfahrungen habe er in vergangenen Projekten gesammelt: "Ich habe schon meine Computerkenntnisse an Flüchtlinge weitergegeben oder Kindern beim Lesen geholfen." Przybylla berichtet, dass er viel zurückbekomme. "Ich hätte mir früher nie träumen lassen, dass ich mal mit Kindern arbeite - aber es macht so einen Spaß!"

Zum Fototermin in Obergiesing stieß auch Peter Przybylla (links) dazu, neben ihm sitzt Darko.

(Foto: Robert Haas)

Der ehemalige Grafikdesigner wird sich für Bildungskickstart regelmäßig mit zwei Zweitklässlern treffen. Darüber tauscht er sich mit der Schulleitung aus, mit den Eltern hat er keinen Kontakt. Die mussten dem Projekt jedoch vorher zustimmen. Ausgewählt worden für das Projekt sind die Schüler von den Lehrern. "Die schauen eben, welche Kinder eine Unterstützung brauchen", sagt Przybylla. Vorteil der Aktion sei, dass die Unterstützung die Eltern nichts kostet. So bekommen Kinder den Zugang zu Bildung erleichtert, auch weil sie auf eine individuelle Förderung hoffen können. Der Rentner sieht den Bedarf dafür: "Wenn Kinder beispielsweise aufgrund von Sprachbarrieren die Aufgabe nicht einmal verstehen, wie sollen sie sie dann lösen können?"

Auch Rodouate Morou kennt die Verzweiflung der Kinder in der aktuellen Situation. Sie hat als Schulbegleiterin an einer Grundschule gearbeitet und mitbekommen, wie ein sonst fröhliches Kind, ein "Klassenclown", in der Schule gesagt habe: "Mein Leben ist scheiße wegen Corona". Das habe sie schockiert. "Wenn ich an meine eigene Schulzeit denke - gerade die Grundschulzeit war die schönste Zeit in meinem Leben", sagt die Studentin der sozialen Arbeit. Sie sieht insbesondere die Online-Betreuung kritisch. Die Lehrkräfte gäben sich Mühe, aber durch die digitalen Kanäle bauten sich Hemmschwellen auf. "Da kann ein Kind nicht zum Banknachbarn schauen und sich vergewissern, dass es der auch nicht verstanden hat." So entstehe eine Angst, sich zu blamieren. "Die Kinder trauen sich dann oft nicht, nachzufragen", sagt sie. Durch die Technik, die sich einfach ausschalten lässt, falle es ihnen auch leichter, abzutauchen.

Hilfsbereit: Cornelia Bäuerle (links) betreut an der Ichoschule Kinder wie Amira (Mitte) und Saiid.

(Foto: Robert Haas)

Doch nicht nur die Schüler profitieren vom Projekt, auch die Freiwilligen haben etwas vom eigenen Engagement. "Ich freue mich auf die Abwechslung", sagt Bäuerle. Die Freiwilligen wollen locker auf die Kinder zugehen und eine freundschaftliche Bindung aufbauen. Das sei eine weitere Unterscheidung zum herkömmlichen Nachhilfeunterricht. "Ob die Kinder sich öffnen, ist die große Frage", sagt Morou. Helfen sollen die geplanten Präsenztreffen. Die seien nicht nur für das Zwischenmenschliche wichtig, sondern auch für die Vermittlung: "Ich erkläre Dinge gerne visuell, nehme Stifte und Radiergummis zur Hand", sagt sie. Bäuerle merkt an, dass sie sonst keine Erwartungen habe: "Ich möchte schlichtweg die Erwartungen der Schüler erfüllen, nicht meine eigenen."

Die Verantwortliche des Projektes, die Caritas-Freiwilligen-Managerin Katrin Dyballa, erklärt allerdings, dass es ihr sehr wohl auch um die Zufriedenheit der Freiwilligen gehe. "Die Frage ist, ob sie das Gefühl haben, etwas bewegt zu haben." Bildungskickstart ist ein Gemeinschaftsprojekt aller fünf Freiwilligenzentren der Caritas und läuft münchenweit. Da immer neue Anfragen von Schulen und Einrichtungen ankommen, werden noch weitere Freiwillige gesucht (Kontakt über Katrin.Dyballa@caritasmuenchen.de). Das Projekt ist zunächst auf drei Monate begrenzt, es läuft bis Ende Juni.

© SZ vom 08.05.2021
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