Der Dichter: Ludwig Thoma

Bei diesem Mann ist beides zu finden: Einerseits eine scharfzüngig vorgetragene Opposition gegen Moralapostel, Kleriker und Politiker, ja generell gegen die dem Untergang entgegentaumelnde Gesellschaft des wilhelminischen Kaiserreiches, andererseits ein ekelerregender Antisemitismus, der ihm posthum Lobeshymnen im Völkischen Beobachter eingebracht hat. Als Autor des Simplicissimus war Ludwig Thoma gewissermaßen der Chefpolemiker der Schwabinger Bohème, der die bayerische und, noch lieber, die preußische Obrigkeit so heftig attackierte, dass er sechs Monate in Stadelheim einsitzen musste. Während des Ersten Weltkriegs ließ er sich vom grassierenden Hurra-Patriotismus anstecken. Nach der Niederlage pflegte er ein Weltbild, in dem Linke und Juden an allem schuld waren. Die schlimmsten antisemitischen Tiraden finden sich in den rund 170 Artikeln, die er vom Juli 1920 an bis zu seinem Tod am 26.August 1921 anonym im Miesbacher Anzeiger publizierte. Dort liest man Sätze wie diesen: "Sein Maul hat der Schmuhl zu halten." Und weiter heißt es in Bezug auf die Juden: "Gegen die Leute gibt es nichts als die geballte Faust und wo sie dreinreden wollen - drauf auf die Schnauze." Kurt Tucholsky beschimpfte er als "kleinen galizischen Krüppel", und jüdische Sommerfrischler schilderte er so: "Teiteles Cohn und Isidor Veigelduft, die dürfen im Sommer nach wie vor ihre verschnörkelten Haxen in die Lederbuxen stellen, am Arm ihre Rebekka im Dirndlg'wand, nach Veilchen und Knoblauch duftend." Nach Ludwig Thoma ist eine Straße in Pasing benannt.

Foto: Heddergott

20. Juli 2007, 11:512007-07-20 11:51:00 ©