Bilderbuch in München Schriller Schrei nach Pop

Bilderbuch Österreichische Band; Pressekit

(Foto: Daliah Spiegel/oh)

München im Schick-Schock: Im ausverkauften Strom-Club feiert die Band Bilderbuch Präpotenz in Perfektion. Die Show hält, was die Attitüde der Wiener verspricht.

Konzertkritik von Bernhard Blöchl

So sieht er also aus, der Schick-Schock: Beim gleichnamigen Song reckt der Ober-Schick-Schocker erst einmal seinen Hintern in Richtung Publikum - kein Affront, eher eine Feststellung: "Du bist hinter meinem Hintern her!", schäkert Maurice Ernst, "sag es laut, jaul es raus, gib es zu!" Frauen und Männer werfen Kleidungsstücke im Laufe des Abends nach vorne und bei "Maschin" zum Finale verwandelt sich der bumsvolle Strom-Club endgültig zum Schwitzkasten für Party-Freunde, die nicht nur jedes Wort mitsingen, sondern jeden exzentrischen Tonfall des Stücks imitieren und dazu tanzen können.

Der vielleicht knusprigste deutschsprachige Song des neuen Jahrhunderts hat auch live eine Anziehungskraft wie George und Amal Clooney - oder zumindest wie Conchita Wurst und ihr Bart. "Willst du meine Frau werden?", fragt Ernst. Kaum eine Zuhörerin, die an dieser Stelle nicht "Yeah!" ruft, wie es der Text vorsieht - gut möglich, dass es einige ernst meinen.

Eine Bilderbuchkarriere sieht anders aus

Bilderbuch sind die Band der Stunde. 2005 in Kremsmünster gegründet, hat sich die Gruppe in Wien zum Paradebeschleuniger einer neuen Welle österreichischer Popmusik entwickelt, zu der auch Wanda und Olympique zählen. Dabei war der Weg für die damaligen Teenager steinig: Mehrere Besetzungswechsel, verschiedene Labels, Verschiebungen in der Klangästhetik - eine Blitzkarriere sieht anders aus. Nach zehn Jahren und drei Alben ist der fesche Vierer dort angekommen, wo er hinwollte: in den Charts, in den Feuilletons, in den Herzen vieler Fans.

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Ihre Haltung passt nicht jedem, aber der ein bisschen luschig gewordenen Indie-Sparte tut sie gut: Bilderbuch feiern Präpotenz in Perfektion und wandeln damit selbstbewusst auf Falcos Spuren. Herrschaftszeiten, was Maurice Ernst, dieser überblonde Konfirmant im vogelwilden Hemd, den Mädels alles verspricht: ein Auto mit sieben Türen, ein Haus aus Gold und Perlmutt, "sieben Sünden, alle einmal begangen". "Wenn du Angst vor der Zukunft hast, dann kauf dir ein Pool." "Das Auge sieht, soweit der Rubel reicht." First Class, Lamborghini und so weiter. "Mit Laissez-faire zum Trillionär"? Ja, bist du deppert!

Eine Collage aus dem Allerfeinsten

Ihr Sound ist ein schriller Schrei nach Pop, eine Collage aus dem Allerfeinsten der Musikgeschichte: Prince- und Queen-Gitarren hier, Dr. Dre und Snoop Dogg da, dazwischen Falsett und Bassläufe wie aus den Achtzigern, dann wieder ätzender Elektro-Trash wie gerade erst erfunden. Dazu immer wieder diese Zeilen: "Heiße Luft, so flüssig wie Kristall, ich lese Proust, Camus und Derrida, mein Schwanz, so lang wie ein Aal, deine Mutter, so dick wie ein Wal." Hier wird Hip-Hop-Brunft mit Schlaumeier-Pop zur Wiener Melange verschwurbelt. Und in "Rosen zum Plafond" gelingt den dreisten Akustik-Veredlern gar ein Ding der Unmöglichkeit: Da wird die Panflöte zum sexy Instrument, ohne Schmäh!

"Schick Schock", die dritte Platte, die erste nach der Neuausrichtung, ist ein Meisterwerk für Klangästheten und Möchtegern-Gigolos (hier die Albumkritik). Live erreichen die Musiker an Schlagzeug, Gitarre und Bass nicht immer Wucht, Tiefe und Präzision der Produktion. Hier und da geht auch etwas schief bei ihrem ersten München-Gastspiel in Konzertlänge, zum Beispiel lässt Maurice Ernst sein Mikrofon fallen, falsche Sounds werden zugespielt, oder eine Rückkopplung schießt quer. Aber wurscht: Bilderbuch sind Bühnenprofis, deren Show hält, was ihre Attitüde verspricht. Oder in den Worten des Ober-Schick-Schockers: Lecko mio!

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