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Biervana in Schwabing:Rendezvous von Bier und Käse

Die Farbpalette von Bier ist breit, wie Holger Hahn zeigt: "Bierproben sind kommunikativer als Weinproben. Bei uns gilt schlucken statt spucken."

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Das "Biervana" in Schwabing verkauft 600 Biere aus aller Welt - die man dort auch mit Käse kosten kann.
  • Bei der Verkostung wird das Bier - anders als Wein - nicht ausgespuckt.

Von Andreas Schubert

Na, ob das was ist? Ein Bier, das nach Mango riecht, nach Honig, Himbeere oder gar nach Salami schmeckt? Braucht es Biere, die "Molotov Lite" heißen oder "Hop Gun", die aus kleinen Brauereien stammen und unter dem Sammelbegriff Craft Beer sich immer größerer Beliebtheit erfreuen?

Wer im Laden von Matthias Thieme an einer Verkostung teilnimmt, könnte auf den Geschmack kommen. Seit anderthalb Jahren verkauft der ehemalige Microsoft-Manager in seinem "Biervana" an der Hohenzollernstraße in Schwabing 600 Biere aus aller Welt, die in kleinen Brauereien hergestellt werden und von denen jedes für sich etwas Besonderes ist.

An diesem Abend steht eine Verkostung mit Bier und Käse an - eine Kombination, die zunächst ungewöhnlich klingt, ist man es doch gewohnt, zu edlem Käse gute Weine zu trinken. "Foodpairing" nennt man das im kulinarischen Neusprech.

Bei der Einladung dachte man sich noch, ob Craft Beer jetzt der neue Wein ist oder ob der ganze Spaß doch nur reiner Käse ist. Aber Holger Hahn, der durch den Abend führt, sieht das ganz anders. Hahn ist Biersommelier in München, stammt aus dem Ruhrgebiet und bezeichnet sich als überzeugten Pils-Freund.

Gegen Wein hat er nichts, meint aber: "Das Beste an einer Weinverkostung ist doch das Bier danach." Seinen Sommelier-Kollegen aus der Weinbranche, mit denen er sich regelmäßig zum Stammtisch trifft, bringe er stets Bier mit, erzählt er. "Und die kommen immer mehr auf den Trichter."

Ein Sommelier hat einen feinen Gaumen und den passenden Wortschatz, das was er schmeckt auch anschaulich zu beschreiben. Und Hahn hat dazu noch eine ordentliche Menge Witz auf Lager. Je mehr verkostet wird, desto launiger wird es in der Runde.

Das mag vielleicht ein bisschen am Alkohol liegen, denn Bier sollte man - anders als es bei Weinproben üblich ist - nicht ausspucken, weil die für das Geschmackserlebnis wichtige Bittere erst im Abgang zur Geltung kommt. Betrunken sei er aber nie, betont Hahn, ihm gehe es um den Geschmack.

Entsprechend warnt er die zwölf Teilnehmer der Verkostung vor. "Es geht heute nicht ums Wirkungstrinken, sondern ums Genusstrinken." Dann kommt Warnung Nummer zwei: "Es könnte sein, dass es euch manchmal überhaupt nicht schmeckt." Der Anspruch der Verkostung sei, zu überraschen und zu zeigen, was Bier so alles sein kann.

Der Sommelier Hahn steht nicht alleine da. Weil viele Biertrinker vom Einheitsgeschmack der Massenbiere genug hatten, ist in den USA in den Siebzigerjahren die Craft-Beer-Bewegung entstanden, in deren Zuge unzählige Kleinstbrauereien alte und neue Braukunst pflegen - oft, ohne sich um das deutsche Reinheitsgebot etwas zu scheren.

Warum immer mehr über "Craft Bier" geredet wird

Im passenden Glas entfalten sich ungeahnte Aromen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Seit circa fünf Jahren wird auch hierzulande immer mehr über Craft-Beer geredet und geschrieben, so dass manche schon wieder genervt sind. Sie wenden ein, dass der Begriff übersetzt ja nur für "handwerklich gebrautes Bier" steht - und schließlich jedes Bier, auch ein Massenprodukt, handwerklich hergestellt wird. Nun: Unrecht haben die Zweifler nicht, aber ganz richtig liegen sie trotzdem nicht.

Craft Beer, das gerade ziemlich gehypt wird, während der Absatz von "normalem" Bier sinkt, steht für Produkte, die nur in kleinen Mengen produziert werden, wobei die Brauer mit Rezepten experimentieren, die sich von der Massenware abheben.

Nicht jedermanns Geschmack

Das trifft nicht immer jeden Geschmack - aber das soll es auch gar nicht. Craft Beer, das steht für ungewohnte Geschmacksnuancen und, wie Hahn sagt, die Liebe zum Produkt. Mittlerweile treffen sich immer mehr Bierliebhaber zu Verkostungen, tauschen sich über Hopfensorten aus, über Stammwürzegrade und die Feinheiten von Malzaromen.

Statt Weingütern besuchen sie Brauereien, und manche brauen auch zu Hause selbst. So ist beim Bier-Käse-Abend im Biervana auch ein vorzügliches Ale eines Münchner Zahnarztes und Hobbybrauers zu kosten.

Ausgeschenkt werden an diesem Abend auch Biere, die man normalerweise nicht als Craft Beer bezeichnen würde. So erfährt man als Teilnehmer, dass es auch außergewöhnliche Bockbiere, Helle oder Pilse gibt und dass diese ein wirklich tiefes Geschmackserlebnis bieten können. Wichtig seien dabei allerdings das richtige Glas und die Trinktemperatur, sagt Hahn. In einem Masskrug könne Bier seinen Geschmack nicht entfalten, die hiesige Bierkultur wolle er aber keinesfalls verteufeln. Darauf legt Hahn wert.

Kombiniert mit Käse verändert sich der Geschmack der Biersorten noch einmal.

(Foto: Stephan Rumpf)

Alle Sorten zu nennen, die bei der Verkostung ausgeschenkt werden und über die gesprochen wird, würde angesichts deren Menge den Rahmen eines Textes sprengen. Allgemein bleibt beim Teilnehmer aber die Erkenntnis, dass salziger Käse die Bittere eines Pilses abschwächt, ein bayerisches Zwickelbier ein idealer Begleiter zu einem würzigen Münsterkäse ist und ein stark gehopftes India Pale Ale mit Blauschimmelkäse wunderbar harmoniert. Außerdem lernt man einen bayerischen Weizen-Eisbock zu schätzen, der quasi der Dessertwein unter den Bieren ist, und erfährt, dass extrem rauchiges Bier auch gut zu Schokolade schmeckt.

Hahn vermittelt nebenbei auch so einiges an Theorie. Unter anderem erzählt er, dass India Pale Ale aus England stammt, ursprünglich für den Export nach Indien gedacht war, so stark gebraut wurde, damit es auf dem langen Schiffstransport nicht verdarb - und am Zielort dann wieder mit Wasser verdünnt werden sollte, um wie ein normales Ale zu schmecken.

Dann seien die Empfänger darauf gekommen, dass das sehr bittere Gebräu pur noch besser ist. Er stellt ein Jahrgangsbier vor sowie ein sehr seltenes und entsprechend teures Trappistenbier aus Belgien, dem Land, das für ihn die beste Braukultur überhaupt besitzt. Und er lobt die Brauer an sich - ein Berufszweig, den er flapsig als "arschlochfreie Zone" bezeichnet.

Gerade für jene Brauer der bei Craft-Beer-Fexen ungeliebten Großkonzerne, die immer wieder Einheitsware in stets gleichbleibender Qualität herstellen, hat der Experte ein gutes Wort: Es zeuge schon von Können, Jahr für Jahr denselben Geschmack hinzubekommen. "Wenn einer kontinuierlich schlechtes Bier produziert, ist er immer noch ein guter Brauer."

© SZ vom 17.10.2015/doen

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