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Biergarten-Knigge:Richtig biergarteln

Was gehört in den Brotzeitkorb? Wie oft soll ich dem Nachbarn zuprosten? Wann kommt die zweite Revolution? Der Biergarten-Knigge hilft, dass niemand merkt, dass Sie kein echter Münchner sind.

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Was gehört in den Brotzeitkorb? Wie oft soll ich dem Nachbarn zuprosten? Wann kommt die zweite Biergartenrevolution? Der Biergarten-Knigge von sueddeutsche.de.

Der Brotzeitkorb

Das Besondere an einem Biergarten ist ja, dass man seine Speisen selber mitbringen kann. Doch dabei gilt es einiges zu beachten. Denn Pizzen vom Bringdienst, Döner oder fertige Käsebrote haben in einem Biergarten nichts zu suchen. Eine perfekte Biergartenbrotzeit sieht dagegen in etwa so aus: Obazda, Tomaten, Radieschen, Gurken, Wurstsalat, Kartoffelsalat, Emmentaler, Radi (weißer Rettich), Leberkäs, Brot, Butter, Salz und Pfeffer. Nicht vergessen sollte man eine Stofftischdecke (am besten rot-weiß kariert), Holzbrettchen, ein scharfes Messer, Besteck und Servietten. Und an noch etwas sollten Sie denken: Transportieren Sie das Essen auf keinen Fall in einer Plastiktüte oder in einer gewöhnlichen Tasche. Eine Biergarten-Brotzeit gehört in einen Weidenkorb!

Foto: Rumpf

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Die Maß

Wer sich im Biergarten hinsetzt und darauf wartet, dass die Bedienung mit der Karte vorbeikommt und die Bestellung aufnimmt, schaut in die Röhre. Denn im Biergarten herrscht Selbstbedienung (außer an gedeckten Tischen). Kommen Sie allerdings nicht auf die Idee, für all ihre Freunde Getränke holen zu gehen. Denn das schaffen Sie nicht. In den meisten Biergärten in München gibt es die Getränke nur im "Großformat" - und mehr als drei Maß kann man nur tragen, wenn man ausgebildete und kräftige Bedienung ist. Ein halbes Helles sucht man meist vergebens. Bier und Radler wird in der Regel nur in 1-Liter-Krügen ausgeschenkt. Alkoholfreie Getränke wie Spezi und Apfelschorle gibt es dagegen fast überall auch in 0,5-Liter-Gläsern. Für die Krüge ist meist eine Pfandgebühr von etwa zwei Euro zu zahlen. Trotzdem sieht man im Englischen Garten immer wieder Touristen, die Maßkrüge als Souvenir mit nach Hause nehmen - als Beweis, dass es diese großen Krüge wirklich gibt. Allerdings sollte man dies nicht tun, es ist verboten.

Foto: ddp

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Die Tischnachbarn

In der Biergartenverordnung heißt es: "Biergärten erfüllen wichtige soziale und kommunikative Funktionen, weil sie seit jeher beliebter Treffpunkt breiter Schichten der Bevölkerung sind und ein ungezwungenes, soziale Unterschiede überwindendes Miteinander ermöglichen. Die Geselligkeit und das Zusammensein im Freien wirken Vereinsamungserscheinungen im Alltag entgegen." Zögern Sie also nicht, sich an bereits besetzte Tische zu setzen und Ihren Tischnachbarn in ein Gespräch zu verwickeln. Egal ob er Anzug trägt oder in Lumpen gekleidet ist. Es hat schon einen Grund, warum es im Biergarten keine Zweiertische gibt. Wichtig ist auch: Im Biergarten wird schnell geduzt. Fassen Sie es also nicht als unhöflich auf, wenn Sie von einem Wildfremden mit Du angesprochen werden. Deswegen nennen Sie, wenn Sie nach Ihrem Namen gefragt werden, auch stets nur den Vornamen. Ob Sie einen Doktortitel haben interessiert hier sowieso keinen.

Foto: Baumgart/SZ

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Das Zuprosten

Die wichtigste Regel beim Prosten lautet: So oft wie es geht. Wer nur beim ersten Schluck mit seinen Nachbarn anstößt, gilt als unfreundlich. Wenn Sie eine Maß vor sich haben, prosten Sie also mindestens zehn Mal den anderen am Tisch zu. Das schafft Gemeinschaftsgefühl und lässt einen mit den Tischnachbarn in Kontakt kommen. Beim Zuprosten gilt: Schauen Sie dem Gegenüber in die Augen, sonst droht nach einer Redensart zehn Jahre schlechter Sex - und wer will dieses Risiko schon in Kauf nehmen. Beim Zuprosten gibt es zwei Varianten: Die einen stellen nach dem Aneinanderstoßen der Krüge die Maß kurz auf dem Tisch ab und trinken erst dann daraus, andere lassen das Aufsetzen auf der Tischplatte weg. Beides ist gleichermaßen akzeptiert.

Foto: Heigl/SZ

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Der Schatten

An eines braucht man bei einem Biergartenbesuch nicht unbedingt zu denken: Sonnencreme. Denn in jedem Biergarten gibt es genug schattige Plätze. Meist sind es Kastanien, die vor der Sonne schützen. Dies hat mit der Geschichte der Biergärten zu tun. Durch ein Dekret aus dem Jahr 1539 wurde das Bierbrauen im Sommer wegen der hohen Brandgefahr verboten. Den Biervorrat für die Sommermonate braute man im Frühling deswegen etwas stärker ein, um die Haltbarkeit zu erhöhen. Um das Bier kühl zu lagern, baute man sogenannte Bierkeller in der Nähe der Brauereien. Da jedoch der hohe Grundwasserspiegel in München tiefe Keller ausschloss, musste man dafür sorgen, dass die Keller wenigstens schattig und kühl lagen. Deshalb pflanzte man schattenspendende Bäume wie Kastanien.

Foto: Heigl/SZ

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Die Bierbänke

Biergärten sind für viele ein Symbol für bayerische Gemütlichkeit. Dabei ist der Sitzkomfort auf den Bänken eigentlich alles andere als gut. Schon nach zwei Stunden beginnt der Hintern wegen der harten Bänke weh zu tun. Der Rücken schmerzt, da keine Lehne vorhanden ist. Und an den Ellenbogen bilden sich erste Druckstellen vom Aufstützen auf die Tische. Es empfiehlt sich also, ein Kissen mitzunehmen. Und machen Sie daheim regelmäßig Übungen zur Stärkung der Rückenmuskulatur - dann klappt es auch mit der Gemütlichkeit!

Foto: Jörgensen/SZ

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Der Radi

Ein Biergartenbesucher sollte ein paar Begriffe auf Bairisch beherrschen, sonst ist er bei der Bestellung schnell am Ende seines Lateins. Hier sind die wichtigsten Vokabeln, die es sich empfiehlt, auswendig zu lernen:

Radi: weißer Rettich, beliebte Speise im Biergarten.

Obazda: Käsecreme aus Camembert, Butter, Zwiebeln, Salz, Pfeffer, Paprika und Kümmel. Deftig.

Leberkäs: Fleischkäse. Wird meist serviert mit Kartoffelsalat. Wahlweise kann man süßen oder scharfen Senf dazu tun.

Fleischpflanzerl: bayerischer Ausdruck für Frikadellen bzw. Buletten.

Weißbier: Weizenbier.

Russ, auch Russ'n: ein Weizenradler, also eine Mischung aus Weizenbier und Zitronenlimonade.

Spezi: ein Gemisch aus Cola und Orangenlimonade, beliebtes alkoholfreies Getränk.

Krachlederne: Lederhose. Zahlreiche Münchner gehen in Tracht (Frauen in Dirndl, Männer in Krachledernen) in den Biergarten.

Bazi: Schlingel. Wenn jemand zu Ihnen sagt "Du bist ja a saubrer Bazi", will er Ihnen ein Kompliment machen (In etwa: "Sie sind ja ein kluger, wendiger Mensch").

Hoam: nach Hause. Wenn der Kellner am Ende sagt "Jetzt geht's bittschön hoam", sollten Sie den Nachhauseweg antreten.

Foto: Haas

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Das Menü

Ein Vorteil an der Selbstbedienung im Biergarten ist, dass man sich das Essen selber zusammenstellen kann. Aber dies birgt auch die Gefahr, sich zum Gespött der Leute zu machen. Denn bei der Menüzusammenstellung kann man einiges falsch machen. Hier die wichtigsten Dos und Dont's der bayerischen Küche.

Weißwürste: Zu Weißwürste ist stets süßer Senft zu bestellen. Wer scharfen Senf nimmt, outet sich sofort als Preuße. Zudem werden Weißwürste in Bayern eigentlich nur bis zum 12-Uhr-Läuten verzehrt. Wenn Sie erst abends in den Biergarten gehen, bestellen Sie also besser etwas anderes.

Obazda: Wenn Sie einen Obazda bestellen, nehmen Sie auf keinen Fall eine Semmel oder Schwarzbrot dazu. Denn Obazda wird mit Brezn gegessen. Kaufen Sie am besten eine große Brezn - oder gleich zwei und teilen Sie sich die Portion mit einem Tischnachbarn. Der Obazda ist nämlich eine recht deftige Speise und sättigt schnell.

Sauerkraut: Das Sauerkraut ist eine der wichtigsten Zutaten der bayerischen Küche. Das heißt aber nicht, dass man es zu jedem Gericht dazu bestellen sollte. Während es zu Bratwürsten und Schweinebraten wunderbar passt, sollte man tunlichst darauf verzichten, es zu Weißwürsten zu bestellen. Das würde ein echter Bayer nie tun.

Steckerlfisch: Eine Delikatesse in vielen Biergärten ist der Steckerlfisch, der meist in kleinen Buden am Rande des Biergartens an Stäben gegrillt wird. Wenn Sie sich für einen Steckerlfisch entscheiden, sollten Sie auf keinen Fall an der Kasse nach einem Fischmesser fragen. Denn Steckerlfisch isst man mit den Fingern oder hilft ein wenig mit einem normalen Messer nach. Außerdem sollten Sie den Fisch nicht blind salzen, denn Steckerlfische sind in der Regel recht gut gewürzt.

Noagerl: Den letzten Rest Bier, das sogenannte Noagerl, lässt man stehen. Denn der Bayer weiß: Das Bier ist dann schon recht abgestanden und eine frische Maß schmeckt jetzt viel besser. Wundern Sie sich also nicht, wenn die Bedienung Ihnen die Maß wegnimmt, obwohl noch ein Rest Bier drinnen ist. In einer derartigen Situation sollten Sie sich auf keinen Fall beschweren. Die Bedienung will Ihnen nur etwas Gutes.

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Die Schankzeiten

Eine laue Sommernacht, 22:30 Uhr. In den Münchner Biergärten herrscht Hochbetrieb. Doch plötzlich werden die Gepräche der Gäste jäh unterbrochen. Eine Glocke läutet: Schankschluss. In der Biergartenverordnung heißt es nämlich: "Für Biergärten wird als Tageszeit die Zeit von 7.00 bis 23.00 Uhr festgelegt." Bis spätestens um 22 Uhr sind alle Musikdarbietungen zu beenden und bis spätestens um 22.30 Uhr "die Verabreichung von Getränken und Speisen". Da hilft nur: woanders weiter feiern.

Foto: Haas

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Die Biergartentypen

Biergarten ist nicht gleich Biergarten: Man kann verschiedene Typen unterscheiden. Es gibt zum Beispiel den Ausflugsbiergarten, den After-Work-Biergarten oder den Massenbiergarten. Als beliebte Ausflugsziele in und um München gelten beispielsweise die Klostergaststätte Andechs bei Herrsching (Foto) oder die Waldwirtschaft bei Pullach an der Isar, die man bequem mit dem Radl erreicht. Der Biergarten am Viktualienmarkt, der Augustiner-Keller in der Arnulfstraße oder der Hofbräukeller am Wiener Platz liegen dagegen so zentral, dass sie gut als Treffpunkt nach der Arbeit geeignet sind und als After-Work-Biergarten bezeichnet werden können. Zu Münchens Massenbiergartärten zählen der Hirschgarten, der größte traditionelle Biergarten der Welt, oder der Chinesische Turm im Englischen Garten, wo sich mehrere tausend Touristen und Einheimische niederlassen. Studenten zieht es in die Max-Emanuel-Brauerei in der Unigegend und im Park-Café ist der Flirtfaktor besonders hoch. Familien sind in kleineren Biergärten wie der Menterschwaige gut aufgehoben. Einen Spielplatz gibt es in fast jedem Biergarten.

Foto: Treybal/SZ

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Die Revolution

Am 12. Mai 1995 gingen 25.000 Münchner auf die Straße, um für den Erhalt der Biergartenkultur zu demonstrieren. Der Grund für den Protest: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hatte in der Waldwirtschaft die Sperrstunde auf 21:30 Uhr angeordnet. Die Revolution der Münchner war erfolgreich: Nur wenige Tage später erließ die Staatsregierung die Bayerische Biergartenverordnung. Die Sperrstunde wurde auf 23 Uhr festgelegt. Zwar ist vielen das Ende um 23 Uhr immer noch zu früh, die Münchner machen aber zur Zeit keine Anstalten, auf die Straße zu gehen, um dagegen zu protestieren. Eine zweite Revolution steht also nicht an.

Foto: dpa

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Die Biergartensaison

Münchens Freibäder machen jedes Jahr im Mai auf und schließen im September, auch wenn die Temperaturen dann immer noch einen Besuch zulassen würden. Anders die Biergärten. Sie stellen ihre Tische heraus und beginnen mit dem Ausschank, sobald sich die Sonne zeigt - egal ob März oder November. Und so kann es passieren, dass während die Menschen auf dem Weg zum Skifahren im Stau stehen, in München nicht nur die Straßen, sondern auch die Biergärten überfüllt sind.

Foto: dpa

(sueddeutsche.de/Lisa Sonnabend/pfau)

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